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Auch mal polemisch: Dr. Ursula Engelen-Kefer spricht über weibliche Altersarmut
Foto: Maxi Braun

Der Kampf ist weiblich

14. März 2015

Ex-DGB-Vize Dr. Ursula Engelen-Kefer spricht in Bochum über Armut

Bei ihrem Besuch in der Alsenstraße packt Ursula Engelen-Kefer mit ihrem Vortrag „Altersarmut ist weiblich“ zwei drängende Gesellschaftsthemen an: die Benachteiligung der Frau im Berufsleben und die daraus resultierende, steigende, weibliche (Alters)Armut. Nach der Begrüßung durch Heidemarie Brandschädel, Vorsitzende der Bochumer Ortsgruppe des Deutschen Hausfrauenbundes DHB, und Gleichstellungsbeauftragte der Stadt Regina Czajka, steigt Engelen-Kefer gewohnt kämpferisch in ihren Vortrag ein.

Zurückblickend auf ihr Engagement für die Gleichberechtigung von Frauen im Berufsleben zieht sie die ernüchternde Bilanz, dass sich an der geschlechtsspezifischen Lohnlücke in den letzten Jahrzehnten nicht viel verändert habe. Der Gehaltsunterschied dümpele auf gleichbleibendem Niveau dahin, der Rentenunterschied zwischen Frauen und Männern betrage gar 45 %.

Ebenso skeptisch bewertet sie die Verabschiedung der Frauenquote, in der sie ein symbolisches Signal, aber keine Lösung für die „Wurzel des Problems“ sieht. Schaue man auf das gesellschaftliche Leben, habe sich die Situation der Frauen zwar deutlich verbessert. Gewalt gegen oder Unterdrückung von Frauen verteidige niemand mehr öffentlich. Die Mechanismen struktureller Diskriminierung seien aber vor allem im Berufsalltag noch stark ausgeprägt, wo sie wesentlich subtiler wirkten.

Diese Subtilität finde sich auch in den von Unternehmerseite häufig vorgebrachten Vorschlägen, Frauen sollten weniger in die frauenspezifischen Berufe, sondern in Großunternehmen streben und die Kinderzeit verkürzen. Dann hätten sie dieselben Chancen wie Männer und die Gleichberechtigung der Geschlechter sei vollendet.

Gesagt, getan?

In der Realität ließen sich diese Ratschläge Engelen-Kefer zufolge nicht einfach umsetzen. Zu den „frauenspezifischen Berufen“ zählen vor allem Tätigkeiten in der Pflege oder Erziehung. Was sagt es über unsere Gesellschaft aus, dass Berufe im sozialen Sektor schlechter honoriert werden als klassische „Männerberufe“? Der Umgang mit Maschinen, Technik oder Finanzen scheint uns mehr wert zu sein als der verantwortungsvolle Umgang mit Kindern oder Pflegebedürftigen.

Auch wenn die ehemalige DGB-Vize-Vorsitzende nicht explizit darauf verweist wird klar: Sogenannte „Frauenthemen“ verweisen oft auf gesamtgesellschaftliche Probleme. Denn nicht nur aus feministischer, sondern auch aus sozialer Perspektive ist unsere Wertschätzung für typische „Frauenberufe“ fragwürdig. Zu der gefühlten Ungerechtigkeit kommt die Paradoxie, dass unsere Gesellschaft immer älter wird, ausgerechnet aber in der Pflegebranche Fachkräftemangel herrscht, der sich verschlimmern wird. Geringere Wertschätzung seitens der Gesellschaft und schlechte Bezahlung sind keine Anreize – weder für Frauen, noch für Männer.

Auch im Familienalltag habe sich die gleichberechtigte Aufteilung der Erziehung von Kindern, wie auch junge Männer es sich vielleicht wünschen, noch nicht durchgesetzt. Meist seien es die Frauen, die in Elternzeit gingen und beim Wiedereinstieg oft im Niedriglohnsektor in Minijobs oder in Teilzeitstellen landen. Hier, im unteren und mittleren Verdienstsektor, müsse man die Frauen verstärkt abholen, nicht erst in den Führungsgremien von Großunternehmen.

„Armutsfalle Minijob“

Erst nach dieser Bilanz der Ursachen macht Engelen-Kefer den Bezug zu weiblicher Altersarmut nachvollziehbar deutlich. Reduzierte Arbeitszeiten schaffen niedrigere Einkommensverhältnisse, die später wiederum zu niedrigen Renten führen. Minijobs bezeichnet sie daher als „Armutsfallen“, die selbst bei lebenslanger Beschäftigung keine armutsfeste Rente ermöglichen würden.

Insgesamt seien Frauen stärker von Armut im Alter betroffen als Männer. Bei den heute ins Rentenalter kommenden Frauen resultiere dies teilweise aus der überkommenen Vorstellung, der Ehemann werde sich schon um die Altersvorsorge kümmern. Hinzu kommt, dass sich die Erwerbsbiografien heute bereits verstärkt aufgrund von Kinderzeit und Problemen beim Wiedereinstieg, aber auch durch die generelle Veränderung des Arbeitsmarktes zunehmend brüchig gestalten. Arbeitnehmern wird immer mehr Flexibilität abverlangt, während Arbeitgeber aber nicht mit ebenso flexiblen Modellen darauf reagieren.

Angesichts des demografischen Wandels und den zunehmend diskontinuierlicher verlaufenden Arbeitslebensbiografien wird das Problem der Altersarmut weiter ansteigen, Frauen seien davon aus den oben beschriebenen Gründen in besonderem Maße betroffen.

„Ich glaube nicht an das Gute im Menschen“

Als es um die Lösungen geht, wird Engelen-Kefer polemisch: „Ich glaube nicht an das Gute im Menschen.“ Nach einer rhetorischen Pause fügt sie hinzu „Es muss gefördert werden. Das Schlechte darf nicht vereinfacht werden.“ Konkret schlägt sie die Einführung der Sozialversicherungspflicht für alle Beschäftigungsverhältnisse vor und plädiert für eine konsequentere Durchsetzung des Mindestlohns, sowie die Anhebung des Rentenniveaus durch die Politik. Die Umsetzung dieser Forderungen käme auch Männern zu Gute.

Auch in der Familienpolitik müsse für Frauen und Männer das gleiche Recht gelten, in Eltern(teil)zeit zu gehen und danach in dieselbe Position mit gleichem Gehalt zurückzukehren. In Skandinavien wird dies bereits praktisch gelebt, „trotzdem ist die Wirtschaft dort nicht zusammengebrochen“, ergänzt Engelen-Kefer. Auch die Kinderbetreuung müsse deutlich verbessert werden, damit Frauen schneller wieder in ihren Beruf zurückkehren könnten.

Die Politik sieht Engelen-Kefer ebenso in der Pflicht wie die Wirtschaft. Sie appelliert aber auch an Frauen, die es bereits an die Spitze geschafft haben. Die müssten wie ihre männlichen Kollegen Seilschaften bilden und mit, nicht gegeneinander kämpfen. Frauen müssten begreifen, dass Qualifikation und Leistung allein nicht ausreichen, sondern auch die Auseinandersetzung mit Macht und Netzwerken nötig ist, um für gleiche Arbeit gleiches Gehalt zu erkämpfen.

Der Vortrag Engelen-Kefers ist dicht und setzt bei den Zuhörerinnen viel voraus. Arbeits- und Familienpolitik, Arbeitnehmerrechte, Rentengesetzgebung – für Menschen, die keine Experten auf jedem der einzelnen Gebiete sind, erschließen sich nicht alle Zusammenhänge sofort. Deutlich wird aber: Die Problematiken, die Engelen-Kefer anspricht, scheinen viel weniger geschlechtsspezifisch zu sein, als der Titel vermuten lässt.

Dennoch sind ausschließlich Frauen anwesend, die dem Rentenalter näher stehen als dem aktiven Berufsleben. Sie gehen bei der Diskussion ins Details, aber grundsätzlich scheinen sich alle einig zu sein: Es bleibt viel zu tun. Junge Frauen oder gar Männer, die die Thematik heute betrifft und deren Renten in einigen Jahrzehnten noch unsicherer als heute sein werden, sind nicht gekommen.

Dabei gehen prekäre Beschäftigungsverhältnisse, geringe Entlohnung in Pflege- und Erziehungsberufen, Familienpolitik und die immer größer werdende Schere zwischen Armen und Reichen Frauen und Männer gleichermaßen an. Es wird nicht ausreichen, Frauen diesen Kampf alleine führen zu lassen.

Lesen Sie weitere Artikel zum Thema auch unter: choices.de/thema und engels-kultur.de/thema

Maxi Braun

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