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Nähren und pflegen statt teilen und herrschen
Foto: Maxi Braun

„Frauen herrschen nicht“

29. September 2016

Heide Göttner-Abendroth erforscht seit vierzig Jahren matriarchale Gesellschaften – Thema 10/16 Frauenrecht

trailer: Frau Dr. Göttner-Abendroth, ist ein Matriarchat eine Herrschaft der Frau?
Dr. Heide Göttner-Abendroth: Das ist ein altes eingefleischtes Vorurteil, das ständig wiederholt wird, weil die Leute einfach kein Sachwissen haben und gewisse Forscher auch keins haben wollen. Dieses Vorurteil beruht auf Nichtkenntnis dieser Gesellschaftsform. Ich habe jetzt über vierzig Jahre diese Gesellschaftsform erforscht und es sieht völlig anders aus. Kurz gefasst: In Matriarchaten herrscht niemand, weder Männer über Frauen, noch Frauen über Männer. Denn es handelt sich um egalitäre Gesellschaften. Männer und Frauen sind verschieden, aber gleichwertig. Praktisch wird diese Egalität durch die Konsenspolitik gewahrt. Alle Entscheidungen, die in kleineren oder größeren Gruppen gefällt werden, entstehen durch einen Diskussionsprozess an dem alle teilhaben. Unter solchen Umständen kann keine Herrschaft von einer Gruppe oder einem Geschlecht entstehen.

Werden auch zwischenmenschliche Konflikte durch diese Konsenspolitik beigelegt?

Dr. Heide Göttner-Abendroth
Foto: Privat

Personenkommentar:

Dr. Heide Göttner-Abendroth studierte Philosophie, Wissenschaftstheorie und Germanistik und ist die Begründerin der „Internationalen Akademie Hagia für moderne Matriarchatsforschung und matriarchale Spiritualität.“ 2005 wurde sie für den Friedensnobelpreis vorgeschlagen.


Matriarchale Gesellschaften haben andere Konflikte als wir. Es gibt keine über das Eigentum, weil das Eigentum gemeinschaftlich ist, es gibt keinen Privatbesitz. Es gibt keine Sexualdelikte. Verbrechen aus Armut fallen auch weg, denn sie sind nicht arm und die Leute leben nicht isoliert voneinander. Vielmehr leben und arbeiten sie in ihren Gemeinschaften miteinander. Natürlich ergeben sich Konflikte aus unterschiedlichen Meinungen oder Temperamenten, aber im Gegensatz zu uns werden Einzelne mit den Konflikten nicht alleine gelassen. Bei uns steigern sich ja Konflikte oft bis zur Gewalt, eben weil die Leute alleine gelassen werden oder isoliert sind. Aber in Matriarchaten stehen alle dafür ein, den Konflikt zu befrieden. Es ist also auch in diesem Punkt eine Sache der Gemeinschaft. Dafür gibt es viele Techniken zu Sicherung des Friedens. Sie sind sehr flexibel und erfahrungsreich was das betrifft.

Wie ist die Aufgabenverteilung in einem Matriarchat?
Jedes Geschlecht hat einen eigenen Aktionsbereich. Diese sind nicht in jeder Gesellschaft gleich, sondern variieren. In diesen Aktionsbereichen ist jedes Geschlecht unabhängig und dann kooperieren sie komplementär mit diesen Aktionsbereichen. Bei den Mosuo in China machen die Frauen den Garten- und Feldbau und die Männer den Fischfang und den Fernhandel. In Juchitán in Mexiko machen die Männer den Garten- und Feldbau und die Frauen den lokalen und den Fernhandel. Es ist also nicht durch irgendwelche Geschlechterzuschreibungen festgelegt, wer was macht. Sondern die Aktionsbereiche sind wirtschaftlich getrennt und werden dann komplementär verbunden. Es gibt keine bessere oder schlechtere Arbeit, sondern eine Balance.

Was unterscheidet ein Matriarchat in Bezug auf die Werte von unserer, eher männlich geprägten Gesellschaft?
Dazu muss man sich fragen, warum es Matriarchat heißt und nicht einfach egalitäre Gesellschaft. Das hat mit dem Wertesystem zu tun. Die Clans sind in der Mutterlinie organisiert. Die Menschen die in dieser Mutterlinie stehen, leben zusammen. Man sagt oft, die Mütter hätten eine unglaubliche Dominanz, das stimmt aber nicht. Die Mütter stehen zwar im Zentrum, aber sie herrschen nicht über den Clan. Das Wertesystem ist ein mütterliches. Dabei geht es nicht um eine bestimmte Person, sondern um den Prototyp Mutter, von dem diese Werte abgeleitet werden. Das sind Nähren, Pflege, Gegenseitigkeit, Ausgleich, Kooperation, Gemeinschaftssinn und Friedenssicherung. Diese mütterlichen Werte gelten für alle. Die Minangkabau sagen beispielsweise: Wenn ein Mann bei uns eine Würde bekleiden will, muss er sein wie eine gute Mutter. Die mütterlichen Werte gelten also auch für Männer und sie verhalten sich auch so.

Sind Matriarchate die besseren Gesellschaften, wenn es um das Wohlergehen des Individuums geht?
Ich würde sagen ja. Denn die matriarchalen Gesellschaftsmuster sind besser als die Muster, die wir haben. Wir leben unter Herrschaftsmustern, auch in unserer formalen, kapitalistischen Demokratie wird geherrscht und breite Schichten unterdrückt. Die patriarchalen Gesellschaftsformen haben viele Versionen und in einer Gesellschaft, in der geherrscht und unterdrückt wird, wie soll es dem Einzelnen dann gut gehen? In Matriarchaten spielt zwar das Individuum nicht so eine große Rolle wie bei uns, aber der Gemeinschaftssinn ist sehr wichtig. Und innerhalb der Gemeinschaften ist der Einzelne sehr gut aufgehoben. Jede Person hat eine Stimme. Hat jemand einen speziellen Wunsch, wird immer versucht diesen Wunsch durch die Gemeinschaft zu erfüllen. Daher denke ich, die Kombination von Gemeinschaft und eingebettetem Individuum ist recht positiv.

Wie viele Matriarchate gibt es noch auf der Welt und wo findet man sie?
Wenn man die gesamten matriarchalen Muster auf der wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Ebene zusammennimmt, sind es ungefähr zwanzig, vielleicht ein paar mehr. Man findet sie in Nordamerika, Mexiko, Sumatra, Indien, China und Afrika. Das scheint zunächst wenig, wenn man aber bedenkt, dass diese Gemeinschaften Jahrhunderte lang patriarchale Umgebung und Unterdrückung ausgehalten haben, dann ist es eigentlich ein Wunder, dass es sie noch gibt. Wenn man von Gemeinschaften ausgeht, die noch matriarchale Elemente haben, also einzelne Muster, dann haben hunderte Gesellschaften noch solche Elemente.

Diese Gesellschaften sind sehr alt. Werden Sie weiterhin bestehen und mit welchen Problematiken haben sie zu kämpfen?
Ob sie bestehen werden, weiß ich nicht. Das liegt zum Großteil an der Kreativität der Menschen selbst. Und die Probleme, die sie haben, sind nicht neu. Mit patriarchalem Druck von oben haben sie schon lange zu tun und bisher sind sie damit fertig geworden. Was heute bedrohlich ist, ist einerseits der Tourismus. Die Mosuo in China werden quasi für den Tourismus der Han-Chinesen ausverkauft, mit dem Bild vom „Reich der Frauen“ und dieses ganze romantische Getue. Zweitens ist es die Globalisierung. Man nimmt den Matriarchaten die Umwelt, ob man dort die Wälder rodet oder Bergwerke errichtet. Ein weiteres Problem ist die Sicht auf diese Völker. Häufig werden sie als unterentwickelt angesehen und sollen dann nach patriarchalen Systemen entwickelt werden, insbesondere in Bezug auf die Geldökonomie. Einige Matriarchate haben so ein großes Selbstbewusstsein, dass sie das durchschauen und sich dagegen wehren, andere sind nicht so stark.

Geht es Männern in matriarchalen Gesellschaften besser als bei uns?
Das würde ich eindeutig mit Ja beantworten. Die Männer sind genauso wie die Frauen in die Gemeinschaften eingebunden, sie haben ihre Aufgaben. Eine Würde des Mannes ist beispielsweise, dass er Sprecher des Clans, des Dorfes oder der Stadt nach außen ist. Man kann sagen, dass sie das Leben im Matriarchat selbst besser finden, weil Männer oft die intensivsten Verteidiger ihrer Gesellschaft nach außen sind. Bei den Minangkabau war es so, dass sie ihr eigenes Stammesgesetz ganz strikt gegen den Islam verteidigten, bis die Islamlehrer einlenken mussten. Man kann beobachten, dass es sogar zu offenen Widerstandsbewegungen kommt, welche die Männer anführen. Würde es den Männern schlecht gehen, wären sie längst ins Patriarchat abgewandert. Das haben sie aber bis heute nicht getan.


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zum Thema auch unter: choices.de/thema und engels-kultur.de/thema

Aktiv im Thema

www.matriaval.de | Der Verein MatriaVal e.V. befasst sich mit matriarchalen Gesellschaften und Werten
www.goettner-abendroth.de | Homepage der Philosophin, Kultur- und Gesellschaftsforscherin (Schwerpunkt matriarchale Gesellschaftsform) Heide Göttner-Abendroth
www.hdfg.de | Haus der FrauenGeschichte (HdFG) Bonn fördert geschlechterdemokratisches, historisches Bewusstsein

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