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Alexander Nolte und Véronique Sina diskutieren über Heldinnen im Film
Foto: Maxi Braun

Emanzipiert auf's Maul

26. Oktober 2017

Filmstudio Glückauf und KWI Essen luden am 24.10. zur Diskussion über Heldinnen im Film – Foyer 10/17

Essen, den 24.10.: Seit der Fall des Produzenten Harvey Weinstein öffentlich wurde, ist sexualisierte Gewalt in Hollywood und andernorts wieder ein Thema. Oft wird dabei erwähnt, dass sich die kreative Gemeinschaft der Traumfabrik betont liberal gibt, was Frauenrechte betrifft aber noch in der Steinzeit lebe.

Aber sind die Filme und die darin verhandelten Geschlechterrollen progressiver als die Besetzungscouch? Film- und Medienwissenschaftlerin Véronique Sina von der Universität Tübingen und Alexander Nolte vom Kulturwissenschaftlichen Institut Essen (KWI) diskutieren im Filmstudio Glückauf diese Frage. Unter dem Titel „Weibliche Helden“, ein Teil der CineScience-Reihe „Helden im Film“, die das KWI in Zusammenarbeit mit dem Filmstudio veranstaltet, nehmen sie vier Szenen aus Kultfilmen von 1979 bis 2010 genauer unter die Lupe.

Warum 2017 noch über Feminismus im Film geredet werden muss, zeigt beispielsweise der Bechdel-Test. Mit ihm lässt sich oberflächlich aber simpel testen, inwieweit Frauen in Filmen stereotyp dargestellt werden. Drei Fragen werden an den Film gestellt: Gibt es mindestens zwei Frauenrollen? Sprechen diese Frauen miteinander und ist der Gegenstand dieses Gesprächs etwas anderes als ein Mann? Wer damit die alte „Star Wars“-Trilogie oder die „Harry Potter“-Reihe konfrontiert, gelangt zu dem Ergebnis: durchgefallen. Dabei liegt die Latte nicht eben hoch. Denn würden die Frauen wenigstens über Schminke, Diäten oder Kinder reden, wäre der Test schon bestanden.

Sina und Nolte haben für den Abend erfolgreiche, bekannte Filme mit einer starken Protagonistin ausgewählt. Zum Auftakt präsentieren sie zwei Filmausschnitte aus den ersten beiden Teilen der „Alien“-Saga, Ridley Scotts „Alien“ von 1979 und „Aliens“ von James Cameron (1986). Sigourney Weaver überlebt in beiden als unkaputtbare Ellen Ripley nicht nur alle männlichen Crewmitglieder, sondern rettet am Ende auch noch ein Kätzchen bzw. ein Kind. Im ersten Teil etabliert sie sich als Heroine und ist so neben Jamie Lee Curtis in John Carpenters „Halloween“ eines der ersten „Final Girls“ der Filmgeschichte. Als Gegenentwurf zur „Scream Queen“, die in Horror- und Slasherfilmen solange schreit, bis sie brutal getötet wird, ist das Final Girl kein Opfer, sondern Überlebende. In der Alien-Fortsetzung berserkert Ripley dann schon Rambo-like mit martialischer Wumme durch den Orbit.

Das ist ein Fortschritt, auch den Bechdel-Test bestehen beide Alien-Teile, aber sind sie deshalb feministisch? Sina hat beide genauer betrachtet und festgestellt: Ripley triumphiert nur, weil sie typisch männlich agiert. Das bezieht sich nicht auf die Handlung an sich: Wer von einem Säure sabbernden Monster gejagt wird, reagiert instinktiv und nicht gemäß der Genderrolle. Es geht darum, wie der Film dieses Verhalten inszeniert und sanktioniert. „Die Zuschreibungen bleiben gleich: männliches Handeln, wenn auch von einer Frau ausgeführt, ist positiv, typisch weibliches negativ. Auch Alien kommt nicht ohne eine Scream Queen aus, die dafür auch bestraft wird“, ergänzt Sina und bezieht sich damit auf die zweite weibliche Rolle in Alien, gespielt von Veronica Cartwright. „Außerdem geht es in dem Film nur um Sex, Fortpflanzung und Mutterschaft. Die Aliens sind nur auf Reproduktion aus, suchen einen Wirt, den sie gewaltsam als Bruthöhle missbrauchen. Auf der anderen Seite haben wir Ripley als gute Mutter, die das Nest der der bösen Mutter zerstört, um ein Kind zu retten“, fasst Sina zusammen und ist sich mit dem Publikum einig: schon ein Anfang, aber da geht noch was.

Im Anschluss liefert sich Beatrice Kiddo, Heldin aus Tarantinos Kultfilms „Kill Bill“, ein Duell mit „Endgegnerin“ O-Ren Ishii. Die blutige Choreographie auf weißem Schnee beim Showdown im Haus der blauen Blätter ist auch 14 Jahre nach Erscheinen noch immer cineastischer Hochgenuss. Aber ist Tarantino nun ein Feminist oder Frauenfeind? „Er würde mit Sicherheit sagen, er sei Feminist. Und wenn wir uns Jacky Brown oder Kill Bill anschauen, stimmt das in Teilen auch“, antwortet Sina auf die Frage aus dem Publikum.

Professionelle Kriegerinnen kämpfen in „Kill Bill“ mit großer Würde, sie halten sich an einen strengen Ehrenkodex, stecken viel Prügel ein und teilen noch mehr aus, gnadenlos. Motor der Handlung ist aber auch hier wieder Mutterschaft. Sina erklärt: „Kiddo beendet ihre Karriere als Profikillerin, weil sie Mutter wird. Ihr einziger Antrieb ist die Rache an dem Mann, der für den Verlust der Mutterschaft verantwortlich ist. Dafür kämpft sie. Nicht für sich oder für den Weltfrieden, sondern für ihr Kind. Außerdem werden alle Killerinnen von Männern ausgebildet. So feministisch finde ich das nicht“. Leitmotiv beider Teile ist außerdem die Jagd nach Erzbösewicht Bill, der in Abwesenheit wie ein gottgleicher Strippenzieher oder die Personifizierung des Patriarchats alle Figuren dominiert und die Handlung motiviert.

Was verstehen wir überhaupt unter einer Heldin? Eine junge Frau im Publikum merkt an, Selbstjustiz und Rachemorde seien für sie nicht der Stoff, aus dem Heldinnen gemacht sein sollten. Ein Mann ergänzt, der Feminismus der 1970er Jahre habe stereotype Männlichkeit kritisiert, während Frauen heute wie Männer agierten – ob das nun Fortschritt sei? Gegenfrage: Müssen Frauenfiguren im Film andere oder gar bessere Gründe für Gewalt haben als Männer? Es gibt auch Frauen, die frei nach Laura Mulvey „visual pleasure“ dabei empfinden, wenn andere Frauen hyperästhetisierte Gewaltorgien auf der Leinwand zelebrieren.

Der letzte Ausschnitt stammt aus „Kick-Ass“. Hier rauft sich die kindliche Profikillerin Hit-Girl, die mit ihrem Vater Big Daddy das Verbrechen bekämpft, mit dem tollpatschigen Möchtegern-Helden Kick-Ass zusammen. Sina hat Matthew Vaughns Comicadaption für ihre Dissertation analysiert und kommt zu einem kritischen Urteil: „Kick-Ass verspricht, subversiv mit Geschlechterrollen umzugehen. Herausgekommen ist ein Film, der Homophobie, Rassismus und Sexismus mit Humor überdeckt. Deshalb kommst du aus dem Kino und fühlst dich erstmal blendend unterhalten“.

Armin Flender, kommissarischer Geschäftsführer des KWI, fragt nach dem Fazit des Abends: „Wir haben Ausschnitte von 1979 bis 2010 gesehen und das scheint wie ein feministischer Rückschritt. Gibt es keine positiven Beispiele?“. An dieser Stelle kommt „Wonder Woman“ ins Spiel. Im Kinosaal fühlt es sich jetzt an wie auf einer sehr großen Pyjama-Party unter Filmfreaks, die eifrig debattieren. Einige ZuschauerInnen waren bitter enttäuscht, weil „Wonder Woman“ als so feministisch gehyped wurde. Andere finden: „Ich feiere den Film für das, was er nicht gemacht hat. Immer, wenn der Blick auf den Hintern oder die Brüste hätte gerichtet werden können, passiert genau das nicht“.

Und die Expertin? Sina findet aktuell David Leitchs „Atomic Blonde“ vielversprechend. „Aber um das genau zu beurteilen, müsste ich den Film analysieren. Botschaften sind oft so versteckt, dass nicht einmal der Regisseur selbst diese intendiert haben muss“. Filme sind ein Zeugnis ihrer Entstehungszeit und es lohnt, genauer hinzusehen, das zeigt auch dieser Abend. Analysen müssen nicht den cineastischen Genuss verderben. „Alien“ oder „Kill Bill“ mögen nicht die feministischen Versprechen einlösen, die sie auf den ersten Blick geben. Die Auseinandersetzung regt aber dazu an, Stereotype und eigenes Klischeedenken zu hinterfragen.

Einen Film gibt es dann aber doch, der Sinas Meinung nach einer Analyse stand hält: „Das mag überraschend sein, aber wenn es um die Subversion sämtlicher Genderrollen geht, bleibt bei Sin City kein Stein auf dem anderen“. In Gedanken an Frank Millers bewaffnete Nutten, psychopathische Vergewaltiger und ein Zimmer voller Frauenleichen wird das Publikum in die Nacht entlassen.

Weitere Termine der CineScience-Reihe:

„Der Wissenschaftler als Filmheld“ mit Petra Pansegrau (Universität Bielfeld) | 12.12. 20 Uhr | Filmstudio Glückauf Essen | www.kulturwissenschaften.de

Der für den 7.11. geplante Termin „Antihelden“ mit Dietmar Voss (HU Berlin) entfällt und wird auf Februar 2018 verschoben. Termin, Ort und Uhrzeit werden noch bekannt gegeben.

Maxi Braun

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