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Foto: Mark Gambino

Synchronisierung der Vielen

09. Mai 2022

„Colossus“ bei den Ruhrfestspielen Recklinghausen – Tanz an der Ruhr 05/22

Noch Jahrzehnte später erinnerte sich Elias Canetti an diesen Arbeiteraufstand in Wien. Es war das Jahr 1927. Und der Demonstrationszug verschluckte den damals erst 22-jährigen Philosophen förmlich, wie er schreibt: „Es sind 53 Jahre her, und die Erregung dieses Tages liegt mir noch heute in den Knochen. Ich wurde zu einem Teil der Masse, ich ging vollkommen in ihr auf, ich spürte nicht den leisesten Widerstand gegen das, was sie unternahm.“

Das Phänomen Masse spukt seitdem durch die Geschichte. Bis in die Gegenwart. Ist sie regressiv oder emanzipativ? Fördert sie Pathos oder Phobos? Um diese Unheimlichkeit und Macht der Vielen dreht sich auch die Tanzperformance „Colossus“, die bei den diesjährigen Ruhrfestspielen in Recklinghausen ihre Deutschlandpremiere feiert.

Die mehrfach preisgekrönte australische Choreografin, Tänzerin und Leiterin einer eigenen Company Stephanie Lake dirigiert dafür Folkwang-Studierende in diesem Reigen der Vielen. Konform in schwarz gekleidet, schreiten und wogen die 50 Bühnenakteure synchron durchchoreographiert über die Bühne. Alles im Takt, alles im Einklang. Bis nicht mehr erkennbar ist, wo der eine Körper aufhört und der andere endet.

Diese Schwarmästhetik ist den Bewegungsmustern aus der Natur entlehnt. Anders als dieser animalische Herdentrieb befragt „Colossus“ jedoch ebenso die menschliche Dimension der Masse. So brechen während der Inszenierung Tänzer solistisch aus der choreographierten Formation aus, demonstrieren damit ersten jenen Moment der Individualität konkret und körperlich: als Aus-der Reihe-Tanzen im Rhythmus des Gleichklangs.

Stephanie Lakes „Colossus“ eröffnet damit nicht nur eine Bewegungsstudie, sondern gerät gleichzeitig zur Reflexion über die menschliche Gemeinschaft und die Frage, wie sich Einzelne überhaupt durch die Menge winden und wie sich das Heterogene zum Kollektiv verhält, ohne sich ins Homogene zu verkehren. Lake geht es dabei auch um eine Erforschung von Intimität und Zärtlichkeit im Verhältnis zur Masse. Es klingt nach einem choreographischen Traktat über massenpsychologische sowie philosophische Fragen. Schließlich beschäftigte dieses Motiv bereits über 50 Jahre Elias Canetti.

Colossus | R: Stephanie Lake | 20., 21., 22. Mai | Ruhrfestspiele Recklinghausen | 02361 921 80

Benjamin Trilling

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