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Anna-Elisabeth Frick
Foto: Patrick Slesiona

„Ich interessiere mich für das Chaos“

20. Oktober 2021

Anna-Elisabeth Frick über ihre Inszenierung von „Die Polizey“ – Premiere 10/21

trailer: Frau Frick, was hat die Polizei in Moers auf der Bühne zu suchen – wird da etwa demonstriert?

Anna-Elisabeth Frick:Das weiß ich noch nicht. Erstmal wurde ich gefragt, ob ich dieses Stück inszeniere, dieses Fragment von Schiller. Als Stück existiert es ja noch nicht, es ist nicht von Schiller fertiggeschrieben worden. Ich fand das sehr reizvoll, zumal es eben auch eine Materialsammlung ist. Ich habe mich sofort gefragt, was Schiller an der Polizei interessiert hat, warum er es überhaupt versucht hat zu schreiben. Dadurch ergab sich für mich eine Gleichung: Schiller und die Polizei, die ein Prinzip der Ordnung suchen. Das hat mich sofort interessiert, weil mein Bestreben ist, eine andere Ordnung zu schaffen, denn ich interessiere mich immer für das Chaos. Wir haben noch nicht angefangen zu proben, deshalb bin ich sehr gespannt, was wir über diesen Gegensatz herausfinden werden.

Hat denn der Freund und Helfer heute ausgespielt? Für Schiller war die Polizei ja nie Freund und Helfer. Oder wurde das Image erst in der Gegenwart beschädigt?

Das Thema erzeugt immer ein sehr ambivalentes Verhältnis. Klar haben wir einen kritischen Blick auf das Ganze, aber es steckt auch immer die Sehnsucht dahinter, den Freund und Helfer zu sehen, ein gutes Prinzip der Ordnung dahinter zu haben, oder jemanden, der sich kümmert und versucht, uns zu schützen.

Schiller stellt plötzlich sein eigenes Werk in Frage“

Wie macht man denn aus einem Fragment einen Theaterabend?

Mir kommt das Fragmentarische sehr entgegen, weil ich gar nicht so ein Interesse habe, ein komplettes Theaterstück zu inszenieren. Für mich als Regisseurin heißt das viel Freiheit, viel Spielraum zu haben und selbst viel daraus machen zu können. Wenn Schiller von diesem Erziehungsmoment spricht, wenn er versucht, den Menschen zu formen und zu sortieren und zu verstehen, finde ich das interessant. Er schreibt das Material ja erst sehr spät in seinem Leben und ich merke, dass da auch ein Zweifeln an seinen eigenen gesellschaftspolitischen Theorien einsetzt. Das ist spannend. Schiller, der so groß war und erhaben über den Dingen, stellt plötzlich sein eigenes Werk und sein Schaffen in Frage – und das sehr eindrücklich.

Jetzt gibt es ja nur Figurenskizzen und Szenenentwürfe – aber der Abend muss dennoch eine gewisse Dramaturgie haben, oder?

Genau. Also wir haben uns eine Art Geschichte überlegt, in der wir einen kleinen Polizeistaat bilden. Dazu stellen wir eine Gruppe von fünf Polizist:innen auf die Bühne, die unter Anleitung von Schiller oder eines Polizeioberleutnants – das ist noch nicht ganz klar – gegenüber einer übergeordneten Instanz versuchen, ihre Arbeiten und ihr Umfeld näher zu bringen. Das ist unsere Grundidee für den Abend. Da bedienen wir uns aus dem Text des Fragments und – so viel kann ich schon verraten – aus anderen Texten von Schiller, auch von Edgar Allen Poe und Michel Foucault wird eine Rolle spielen.

Im Ankündigungstext steht, dass die Verbrechen zwischen Kriminalgeschichte und Komödie changierend begangen und aufgeklärt werden. Wird dabei auch berücksichtigt, dass die Polizei nur ausführendes Organ einer politischen Täterschaft ist?

Ja, durchaus auch. Es soll nicht nur die Polizei, wie wir sie heute kennen, widergespiegelt werden, das spielt zwar damit, aber es ist kein naturalistisches Abbild, es ist ein künstlerischer Abend, eine Überhöhung, teilweise auch komödiantisch. Im Moment stelle ich mir das so vor, dass wir da eine Welt nahegelegt bekommen, die polizeistaatlich organisiert ist und die versucht, die Vorzüge und Nachteile dieses fiktiven Staates versucht zu zeigen. Als Zuschauer:in kann man selbst entscheiden, wie man sich dazu verhält. Das finde ich immer schöner, als wenn man didaktisch aufgearbeitet bekommt, was man zu sehen hat und was nicht.

Ich mache immer wieder Rückgriffe auf die Kunstgeschichte“

Und das bewegt sich dann im Spannungsfeld zwischen Sprechtheater, Performance, Tanz und Musik?

Ja, ich arbeite so sehr gerne und sehr viel interdisziplinär, mit verschiedenen Kunstgattungen, mache immer wieder Rückgriffe auf die Kunstgeschichte, arbeite viel mit Choreografie und musikalisch. Hannes Strobl wird für den Abend die Musik machen, und das wird sehr abwechslungsreich werden und beileibe kein trockener theoretischer Abend.

Wie behandelt ihr die Graubereiche zwischen Staatsgewalt und Kriminalität? Muss man da aufpassen, was man sagt, oder ist die Komödie so sehr implementiert, dass das nicht von Bedeutung ist?

Doch, das wird auch ein Thema sein. Auch die Frage, welcher Verbrecher wird gesucht – und ist die Polizei nicht eh der Versuch, eine Ordnung eines an sich kriminellen, verbrecherischen Staats herzustellen? Wer ist eigentlich der Ursprung des Verbrechens? Die Kleinkriminellen, die gesucht werden, gegen die ermittelt wird – oder ist das System an sich nicht eigentlich kriminell?

Und dazu wird getanzt? Mit Musik?

Wie das dann aussehen wird, werden wir herausfinden. Es ist auch nie eindeutig, man kann das aus verschiedenen Perspektiven betrachten. Die Ursprünge der „Polizey“ und die Zeit, zu der Schiller das geschrieben hat, das war ja kurz nach oder in der Französischen Revolution, da hat die Polizei noch eine ganz andere Funktion gehabt. Die waren auch für die Umverteilung der Güter verantwortlich.

DIE POLIZEY | 30. 10., 20 Uhr | Schlosstheater Moers | 02841 888 54 48

Interview: Peter Ortmann

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