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„Wir sind in unserer Nacktheit stark“

26. Februar 2015

Die FEMEN-Aktivistin Hellen Langhorst über Feminismus und den nackten Protest – Thema 03/15 Frauenmenschen

trailer: Frau Langhorst, wogegen protestiert FEMEN?
Hellen Langhorst
: Unsere Proteste sind politischer Natur. Unser Hauptthema ist die Zerstörung des Patriarchats. Wichtig ist, dass wir eine Gleichstellung fordern, wir wollen nicht Anstelle des Patriarchats ein Matriarchat. Dann die Zerstörung der Sexindustrie, wozu Prostitution, Menschenhandel, Pornografie gehören. Außerdem kämpfen wir gegen religiöse Unterdrückung und für dieBeendigung aller vorherrschenden Diktaturen. Wir wollen keine Religion verbieten, jeder darf seine Religion haben, solange er sie friedlich ausübt und niemandem damit schadet. Und wir fordern die absolute Trennung von Staat und Religion.

Warum haben sich FEMEN für den Protest „oben ohne“ entschieden?

Hellen Langhorst

Foto: privat

Hellen Langhorst (24) ist feministische Aktivistin und Mitbegründerin von FEMEN Deutschland.

Das hat mehrere Gründe. Erstens weil wir in dem Moment des Protestes unseren Körper selbst bestimmen. Inzwischen wird der weibliche Körper durch die Werbung und patriarchale Strukturen sehr oft fremdgenutzt, sei es um Produkte zu verkaufen, oder ein bestimmtes Schönheitsideal zu propagieren. Wir setzen unseren nackten Körper selbst ein, wir haben nur ihn als Plakat und das was darauf steht. Aber wir sind in unserer Nacktheit stark und selbstbestimmt. Wir sind laut, wir fordern und wir haben eine Message. Selbstverständlich machen wir durch die Nacktheit auf uns aufmerksam, nutzen also auch die Medien um Menschen anzusprechen, die sich nicht primär mit unseren Themen auseinandersetzen.

In den Social-Media-Kanälen gab es sehr viele böse Kommentare zu Aktionen von FEMEN. Macht Ihnen das Angst?
Es kommt immer darauf an wie ernstzunehmend die Kommentare sind. Wenn es einfach nur Beleidigungen sind, prallt das ab. Aber Drohmails, die an einen persönlich gerichtet sind machen schon Angst. Niemand möchte körperlichen oder seelischen Schaden zugefügt bekommen, aber bis jetzt ist es halt immer bei Drohungen geblieben. Die ursprünglichen Gründerinnen von FEMEN allerdings mussten zu 90% aus Ihren Heimatländern fliehen, weil sie ihres Lebens nicht mehr sicher waren. Das Hauptquartier von FEMEN in Paris wurde auch schon Ziel von Angriffen.

Schaut man sich die Filme und Fotos von FEMEN-Aktionen an, sieht man meist sehr junge und schlanke Frauen. Kann auch die 45-jährige Hausfrau und Mutter von drei Kindern FEMEN-Aktivistin werden?
Absolut. Wir freuen uns über jede Aktivistin, egal welchen Alters, egal welchen Körperbaus. Uns ist diese Tatsache aber auch aufgefallen. Ich denke, wenn man sich mal die Kommentare zu unseren Aktionen anschaut, wird etwas klar. Wir sind alle jung und schlank und werden beispielsweise auf Facebook als hässlich beleidigt, manche Kommentare gelten lediglich der Größe und Form der Brüste. Wenn dann beispielsweise eine etwas fülligere Frau solche Dinge liest und sieht wie wir auseinandergenommen werden, schreckt das eventuell ab.

Sind sie schon einmal wegen eines Protests strafrechtlich verfolgt worden?
Ja, größtenteils werden wir nach unseren Protesten polizeilich erfasst und je nachdem wer dann Strafanzeige erhebt kommt es zu einer Geldstrafe. Aber im Fall von Josephine Witt, die in Tunis gegen die Inhaftierung von Amina Sbouïprotestierte, endete das in einer Gefängnisstrafe.

Setzt sich FEMEN vor Protesten mit der Materie auseinander oder sucht Kontakt zu Betroffenen?
Vor allem beim Thema Prostitution sind wir sehr tief in die Materie eingedrungen. Wir machen ja nicht nur Proteste, sondern gehen auch zu Diskussionsrunden entweder im Publikum oder als Diskussionspartner, ich war Anfang des Jahres auf dem internationalen Kongress gegen Prostitution in München und habe dort mit Betroffenen geredet, Kontakte geknüpft und Vorträgen zugehört. Wir setzen uns schon mit unseren Aktionsthemen auseinander.

Nach vielen Aktionen gab es massive Kritik an FEMEN. Inwiefern wollen sie bewusst aufregen, wenn sie beispielsweise bei einer Aktion gegen Prostitution im Jahr 2013 „Arbeit macht frei“ an die Pforte der Hamburger Herbertstraße sprühen?
Natürlich war der Satz als Provokation und Aufreger gewählt, wir wollten damit aber keinesfalls die Opfer des Holocaust verleugnen oder lächerlich machen, das muss einfach nochmal klargestellt werden. Es gab viele viele Beschwerden wegen dieses Satzes und gegen diesen Protest, aber keine einzige von irgendeinem Betroffen. Es hat uns sogar eine jüdische Gemeinde angeschrieben und uns mitgeteilt, dass sie selbst gegen Prostitution sind, die Form des Protestes krass fanden, aber sie die Intention durchaus verstanden haben. Mit der Provokation regt man nicht nur auf sondern auch an. Es soll aber nicht über FEMEN selbst diskutiert werden, sondern über die Themen die wir ansprechen. Es sind Erfahrungswerte die man mit der Zeit sammelt. Wie weit kann ich gehen und bleibe noch beim Thema und wann überschreite ich eine Grenze die dann auch für uns negativ ist.

Es gab die Aktion gegen die Unterdrückung von Frauen in islamischen Ländern im April 2013. Danach kritisierten muslimische Frauen die Aktion als Bevormundung und pauschale Verurteilung. Als Reaktion gab es sogar den Hashtag #MuslimahPride. Wie gehen Sie mit einer solchen Kritik um?
Bei dieser Aktion gab es ein großes Missverständnis. Es war eine internationale Aktion um Amina Sbouï zu unterstützen, die sich aufgrund von islamischer Unterdrückung in Haft befand. Die Aktionen haben in Frankreich, Spanien und Deutschland stattgefunden und waren an Frauen gerichtet die unter Unterdrückung durch den Islam leiden. Wir verurteilen keine Frauen die sagen, dass sie sich selbst für den Islam und beispielsweise das Kopftuch entschieden haben. Jeder darf machen was er möchte, solange dieses Handeln nicht aus Unterdrückung entsteht. Hier muss man aber auch differenzieren wann die Unterdrückung anfängt.

Nach Ihrer Freilassung verließ Amina Sbouï FEMEN und erklärte, dass die Aktionen von FEMEN Ihre Situation noch schlimmer gemacht hätten.
Sie hat sich aber auch bei uns bedankt. Sie hatte sich aus eigenen Stücken damals entschieden FEMEN zu unterstützen. Und die Medaille hat immer zwei Seiten. Josephine Witt ist mit zwei französischen Aktivistinnen nach Tunis gefahren und hat dort für die Freilassung Aminas demonstriert. Alle drei sind selbst inhaftiert worden. Amina zeigte dieser Protest, dass wir sie unterstützen, so wie sie uns zuvor unterstützt hatte. Alle drei Aktivistinnen waren sich im klaren, dass sie selbst inhaftiert werden könnten. Ich persönlich würde keine Aktion machen in einem Land wo es wahrscheinlich ist, dass ich ins Gefängnis gehe. Das entscheidet aber letztlich jede Aktivistin für sich.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft von FEMEN?
Ich wünsche mir viele schöne Aktionen und dass sich alles in eine Richtung und auf ein Level entwickelt wo nach Aktionen nicht darüber diskutiert wird, was FEMEN falsch oder richtig macht, sondern es um die Intention dahinter geht. Ein Level auf dem der alte und der neue Feminismus zusammenfinden und wir alle gemeinsam politisch und gesellschaftlich viel erreichen. Und ich wünsche mir allgemein mehr Solidarität unter Frauen.

 

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