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Tobias Staab und Tobias Wiethoff
Fotos: Daniel Sadrowski (l.), privat(r.)

„Immersion gemeinschaftlich erleben“

06. November 2019

DIVE: Tobias Staab und Tobias Wiethoff über Realitäten in künstlerischer Hand – Premiere 11/19

trailer: Was kann denn menschliche Wahrnehmung im Theater in Frage stellen. Kostenloses LSD?

Tobias Staab: Ja. Aber interessant ist, dass Theater ja mit Live-Kunst operiert und der Zuschauer befindet sich eigentlich in einem relativ vertrauten Rahmen seiner Wahrnehmung. Wenn man es jetzt schafft, Kunstwerke zu finden, die im weitesten Sinne Theater sind und einen trotzdem in eine Situation bringen, in der man seinen Sinnen nicht mehr traut, dann kommt man in den spannenden Bereich, der die alltägliche Wahrnehmung befragt. Wie viel vom Raum erkenne ich tatsächlich und wie viel erscheint mir nur so? Das kann man mit Licht und Sound, aber auch mit Bewegung und anderen Sinneswahrnehmungen in Frage stellen. Solche Dinge versuchen wir beim DIVE-Festival in unterschiedlichen Formaten.

Wenn die Probleme zunehmen, neigen die Menschen oft zu Flucht. Dauer-Immersion als Ausweg?

TS: Ich habe das Gefühl, dass Immersion zumindest in dem Kunstrahmen, in dem wir sie präsentieren, nicht für Eskapismus geeignet ist. Alles, was im Rahmen dieser Kunstprojekte gezeigt wird, ist, dass es andere Realitäten gibt, mit denen man sich beschäftigen kann. Aber auf Dauer macht das keinen Sinn. Das ist eher eine Art und Weise, neue Perspektiven auf die Wirklichkeit zu bekommen.

Tobias Wiethoff: Das ist der Punkt, bei dem wir mit unserem Festival ansetzen: Dass Immersion, wie man sie in den letzten Jahren über VR-Brillen kennengelernt hat, eher ein von der Umwelt abschließendes System ist. Aber die Projekte, die wir im Planetarium und im Schauspielhaus präsentieren, kann man als Gemeinschaft erleben. Man kann hierauf einzigartige WeiseImmersion gemeinschaftlich erleben. Das ist das Besondere an dem DIVE-Festival.

Im Planetarium konnte man Immersion wenigstens immer halb-liegend genießen. Wenn ich jetzt an die Stücke von Ulf Langheinrich denke, die sind ja nicht so lang, brauchen die immer auch eine zweite visuelle Ebene.

TW: Ja, es gibt noch eine weitere sensorische Ebene, die über die reine Projektion von Bildern hinausgeht. Damit arbeitet gerade auch sein Projekt „Lost“. Das sind schon an das Rauschhafte herangehende Bewusstseinszustände, die da über intensive Einspielung von Licht evoziert werden. Aber das Ganze ist trotzdem etwas, das man entspannt genießen kann und soll, liegen kann man auch.

Ist Licht im Raum nicht der größte Feind von Immersion?

TS: Nein –Licht ist der größte Freund von Immersion. Tatsächlich ist es ja so, dass mit Licht nicht nur Dinge sichtbar gemacht werden können, sondern wie bei „Lost“ mit einem Licht-Exzess, mit stroboskopischem Licht einen in einen anderen körperlichen Zustand versetzt, der jede Orientierung in der Wirklichkeit vergessen lässt und zu einer außerkörperlichen Erfahrung hinbringt. Wenn Kunst das vermag, die Realität derart hinter sich zu lassen, dann ist schon viel erreicht.

Aber ist ein dunkler Raum nicht die Grundvoraussetzung?

TS: Nein. Wir haben zwei verschiedene Arbeiten vonUlf Langheinrichim Programm. Die eine operiert mit Licht, und schafft im Planetarium diese neue Art von Orientierung. Im Oval Office im Schauspielhaus wird quasi das Gegenteil gemacht. Da wird mit absoluter Dunkelheit gearbeitet. Und man schafft dadurch eine neue Orientierung, dass Licht, das da reingegeben wird derart seltsam wirkt, durch eine Spiegelung im Wasser und einen 3D-Effekt, der durch eine stereoskopische Projektion kreiert wird, dass man sich wieder völlig neu orientieren muss. Fürs Oval Office wird eigens eine Weltpremiere entwickelt.Ulf Lang Heinrich kommt und bleibt zwei Wochen dort unten in der Dunkelheit und entwickelt ein neues Kunstwerk namens„Waveform X“.

Kommen wir zu Sensefactory in der Zeche1. Brauchen die Besucher denn wenigstens da eine VR-Brille?

TS: Nein, das Tolle bei der Immersion von Sense Factory ist, dass es tatsächlich ein realer Raum ist, der da aufgebaut wird. Wir haben ein riesiges Labyrinth, dessen Wände aus Luftkissen bestehen. Und diese Luftkissen werden gesteuert. Das bedeutet, dass manche Wände in sich zusammensinken und den Gang in den nächsten Raum freigeben, während woanders sich wieder Betten oder Wände oder Projekte aufblasen. So haben wir einen sich permanent transformierenden Raum, den man anfassen, den man aber auch riechen und schmecken kann. Tatsächlich gibt es einen Duftkünstler, der mehrere Geruchsinseln gebaut hat, die zu dem sensorischen Erlebnis beitragen.

Ist das nicht alles schon mal im Kino versucht worden? Ruckelnde Sitze und Einsprengseln von Gerüchen?

TS: Das geht hier schon weiter. Das funktioniert über neue Soundsysteme, über visuelle Techniken – da sind alle Künste dran. Aber einen Raum, der sich quasi um einen herum verändert, der begehbar ist und der zusätzlich auf die Bewegungen der Zuschauer reagiert, in dem eine Artificial Intelligence eingebaut ist, die mittels Lichtschranken-Sensorik feststellt, wie sich die Zuschauer bewegen und daraufhin Licht und Sound steuert. Das hat es, glaube ich, noch nicht gegeben.

Ist das für das altehrwürdige Planetarium eine Weiterentwicklung zu performativen Künsten hin?

TW: Das Planetarium war schon immer ein Immersionsraum, auch ein Kulturraum, eine räumliche Begegnung von Kunst und Wissenschaft. Also im Grunde ist das eine logische Weiterentwicklung, die anknüpft an vorherige Geschichten. Im Planetarium wird anders als im Kino der Realraum immer komplett aufgelöst. Deshalb passen performative, immersive Künste super in den Raum, da liegt der Fokus dann aber eher auf der Auflösung des Realen.

Auch die Kugelform ist sicher ein Vorteil.

TW: Genau, Die dient genau dazu. Wo man Immersion, eine künstliche Umwelt ohne zusätzliche Hilfsmittel, erleben kann.

Wer hat denn die Kontrolle über die Sinneserfahrungen? Ist das nicht dystopische Kunst, die zu Huxleys „Brave New World“ führt?

TS: Die Frage nach der Kontrolle wird als eine sozialkritische Dimension gestellt. Man kauft eine Karte, hat eine bestimmte Dauer, um sich dieser immersiven Affizierung auszusetzen. Das ist eine Art Pakt zwischen Kunstinstitution, die garantiert, dass nichts Schlimmeres passiert, und den Zuschauern, die sich darauf einlassen. Ich finde, was diese immersive Kunst mitkommuniziert und in Frage stellt, ist eine Affizierung, die uns permanent in unserem Alltag begegnet. Auch jede politische Veranstaltung versucht in irgendeiner Form, immersiv zu wirken. Über bestimmte Farbgebung, Sound, über affektive Reize. Alle wollen in irgendeiner Form die Leute körperlich involvieren. Die Werbung macht das schon seit Jahrzehnten und die Politik kommt immer mehr darauf. Das ist eine Fragestellung, die immersive Kunst immer mit stellt: Wer kontrolliert das und wann werde ich eigentlich gerade affiziert? Deswegen finde ich diesen Kunstrahmen, in dem ganz klar Anfang und Ende definiert sind, weniger problematisch und ein Anlass, sich über solche Dinge Gedanken zu machen.

Und die Ballerspiele?

TS: Die Frage der Ballerspiele ist auch nicht ganz gelöst, finde ich. Das ist auch die Frage nach der Henne und dem Ei. Machen Ballerspiele Leute wahnsinnig oder umgekehrt? Das glaube ich tatsächlich nicht, dass es bestimmte Arten von Immersion gibt – Gamingkultur war natürlich immer ein Vorreiter.

TW: Das sind ja auch neuzeitliche Überlegungen, aber was in der Immersion, in der immersiven Kunst, auch historisch mit angelegt ist, sind viel weiter zurückliegende künstlerische Idealvorstellungen. Schauen wir auf die Höhlenmalerei. Da sieht man, dass durch die Fackeln die Höhlenwände mit eingebunden sind, kommt Licht ins Spiel, dann wendet sich die Tierherde nach dem Ort und dem Blick der Betrachter, perspektivisch wenden sich die Köpfe schon. Da wird also praktisch ein holografischer Raum geschaffen. Ich glaube, Künstler haben immer davon geträumt, mit diesen immersiven Techniken genau so etwas zu erzeugen und zwar jenseits von irgendwelchen Traditionen. Da ist dann sowas wie DIVE, was wir hier so zusammenführen, eher eine Art Zwischenschritt der Entwicklung.

Aber in der virtuellen Welt kann niemand mehr faule Eier werfen?

TS: Aber wir zeigen ja auch nicht nur die virtuelle Welt. Also bei uns – und vielleicht ist das der Schlusssatz – können faule Eier geworfen werden.8

DIVE – Festival für immersive Künste | 21.11. - 24.11. | Schauspielhaus und Planetarium Bochum | 0234 33 33 55 55

PETER ORTMANN

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