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Urinstinkt oder kapitalistische Konditionierung?
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29. Oktober 2015

Politik orientiert sich nicht am Gemeinwohl – THEMA 11/15 GEMEINWOHL

„Gemeinwohl“ ist ein Begriff, der in unserer heutigen Zeit oft und gerne durch unsere Politiker benutzt wird. Doch funktioniert unser Gesellschafts- und Wirtschaftssystem so, dass es das Gemeinwohl im Blick hat? Eigentlich geht es hier doch eher um schnelles Wachstum, ein Höher und Weiter. Dabei bleibt das Gemeinwohl oft auf der Strecke. Einer Umfrage von Statista 2015 zufolge glauben 73% aller Befragten, dass sich unsere Politiker eher an den Interessen Einzelner als am Gemeinwohl orientieren. Das System wie es ist, bringt immer neue Krisen hervor. Wachstum ist nicht mehr Teil einer Lösung, sondern Teil des Problems geworden, so argumentieren Wachstumskritiker. Ein Aufbruch und die Suche nach Alternativen entwickeln sich immer mehr. So vielfältig wie die Interessen des Gemeinwohls ist auch die Zahl der Initiativen und Projekte. Grundlegend ist allen eines: Die Forderung, eine Veränderung des Verhaltens von den eigenen Interessen weg, hin zu einem empathischen, sozialen und gemeinschaftlichen Bewusstsein. Getreu dem Motto „Die Wirtschaft für den Menschen“ müssen hier Gewinnstreben und Konkurrenz, Größen wie gemeinschaftlichem Wirtschaften, Kooperation, Solidarität und Nachhaltigkeit weichen.

Blicken wir auf die Gemeinwohlökonomie Christian Felbers, so bietet diese ein alternatives Modell zu den existenten Wirtschaftssystemen: Weg vom Messen des Erfolgs von Unternehmen in Finanzbilanzen und Wachstum, hin zu dem was wirklich zählt: Eine Gemeinwohlbilanz, die zeigt, wie sehr Menschenwürde, Menschenrechte und ökologische Verantwortung durch ein spezielles Unternehmen gefördert und vertreten werden. Verbraucher können sich an dieser Bilanz orientieren und Unternehmen unterstützen. Zudem sollen die teilnehmenden Unternehmen rechtliche Vorteile bekommen, bei Krediten, Aufträgen und Steuern. Gewinne, die durch diese Firmen erwirtschaftet werden, verbleiben innerhalb der Firma, wo sie der eigenen Stärkung und der Sicherung der Beschäftigten dienen. Die Firmen machen sich unabhängig vom Druck eines möglichst hohen Gewinns und können sich bei ihrer Arbeit am Gemeinwohl orientieren. Obwohl sich Felber oft Kritiken wie „utopisch“ und „weltfremd“ ausgesetzt sieht, hat seine Gemeinwohl-Ökonomie inzwischen 1883 teilnehmende Unternehmen und insgesamt 8503 Unterstützer/Innen.

Die Transition Town-Bewegung (Städte im Wandel), versucht durch alternative Konzepte in großer Vielfalt dem Gemeinwohl durch Einsparung von Ressourcen und Reduzierung von CO2-Emissionen zu dienen. Sie ist stark praxisorientiert. Innerhalb der Kommunen wird auf Autos verzichtet, man baut das Gemüse im eigenen Garten an, oder kauft ausschließlich regional. Man versucht sich unabhängig von Politik und Wirtschaft zu machen. In den Gemeinschaften selbst bilden sich viele Initiativen, Themen hier sind Bauen, Bildung, Ernährung, Energie. Die Transition Town in Totnes, England, hat sogar eine eigene Währung eingeführt, mit der man in den Läden der Bewegung einkaufen kann. Auch hier möchte man weg vom bestehenden System und dem nachhaltigen Leben in allen Bereichen Tür und Tor öffnen und das Regionale stärken. Die Bewegung ist lose organisiert, hat aber Gemeinschaften in 40 Ländern, auch in Deutschland. Die Initiative NRW hat inzwischen 109 Mitglieder.

Ein anderes Konzept ist das der Zeitkonten in der Pflege. Japan hat diese Idee umgesetzt, als es sich einer enormen Krise durch Überalterung ausgesetzt sah. Freiwillige Stunden, die ein Einzelner mit der Hilfe bei Betreuung von Bedürftigen verbringt, werden einem sogenannten Zeitkonto gutgeschrieben. Es gibt eine Staffelung der Pflegewährung, so wird zum Beispiel die Hilfe bei der Köperpflege höher angerechnet als ein Einkauf. Der Helfer kann selbst entscheiden, was mit den erarbeiteten Stunden auf seinem Zeitkonto gemacht wird. Er kann sie sparen und im Alter selbst verbrauchen oder sie einem anderen zur Verfügung stellen. Die Idee der Zeitkonten fand guten Anklang, vielen scheint diese Lösung persönlicher als bei einem normal bezahlten Pflegedienst oder etwa bei Inanspruchnahme von Sozialleistungen.

Allen diesen Beispielen ist letztlich etwas gemein: Sie funktionieren durch die Hilfe der Bürger, durch Empathie, Solidarität und nachhaltiges Denken. So wird nicht im Stillstand verharrt angesichts der vielen Krisen und auf Lösungen von Seiten der Politik gehofft, sondern in die Hände gespuckt und angepackt. Kleine Revolutionen von unten nach oben, die in ihrer Summe hoffentlich einen Wandel herbeiführen können.


Aktiv im Thema
www.ecogood.org
www.transition-initiativen.de
www.christian-felber.at

Lesen Sie weitere Artikel
zum Thema auch unter: choices.de/thema und engels-kultur.de/thema

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(Thema im Dezember)
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Nina Ryschawy

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