Reisen mit der Deutschen Bahn liefern bekanntlich abenteuerlichen Erzählstoff. Das erfuhr auch Saša Stanišić. Die Zugteilung, die er auf dem Weg nach Bochum erlebte, schilderte der Erfolgsautor prompt auf seinem Twitter-Account – und führte diese spontane Reiseprosa prompt in den Kammerspielen aus. Dass man nicht viel im ostwestfälischen Städtchen erlebt, verpackte Stanišić in eine schnörkellose Sentenz: „Nie bleibt man länger, als eine Zugteilung in Hamm.“ Wie die Passagiere besorgt sind, ob sie denn im richtigen Wagen sitzen, schildert er nicht ohne Witz.
Stanišić selbst fuhr natürlich in die richtige Richtung. Sonst hätte er an diesem Dienstagabend nicht aus seinem Roman lesen können, mit dem er in diesem Herbst den Deutschen Buchpreis absahnte. Zurecht. Denn „Herkunft“ ist die belletristische Antwort auf die Rückkehr eines tückischen Heimatdiskurses in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur. Von den belletristisch-gutbürgerlichen Purzelbäumen à la Thea Dorn bis hin zu den theoretisch-programatischen Rettungsankern, die Akteure wie Christoph Türcke oder Robert Habeck auswerfen.
Was sie auch immer suchen, Stanišić liefert eine simple Antwort: alles Zufall. Und diese banale Auflösung des Heimatkonstrukts schildert er als einen weiten, autofiktiven Bogen, vom Aufwachsen in Titos Vielvölkerfahrt Jugoslawien, der schließlich durch den ethnischen Bürgerkrieg kollabiert bis hin zur Ankunft im frisch wiedervereinigten Deutschland, in dem plötzlich muntere Pogromstimmung herrscht.
Profanste Zufälligkeiten lassen schon sein jugendliches Ich zappeln. Der Grund: Harndrang. Und das, obwohl er an diesem „Tag der Jugend“ stramm stehen muss. Schließlich hält er als „Titos Pionier“ eine Staffel in der Hand, die durchs ganze Land gereicht wird, als Symbol der Einheitlichkeit. Dass das Pulverfass Balkan schließlich in einem grausamen, ethnischen Genozid mündete, ist bekannt. Stanišić schildert die letzte Hoffnung, dass es doch friedlich bleiben könnte. Als es der Fußballverein Roter Stern Belgrad ins Halbfinale des Pokals der Landesmeister schafft, dem Vorgänger-Wettbewerb der heutigen Champion League, stehen noch alle Nationalitäten gemeinsam auf dem Platz: Serben, Kroaten, Bosnier. Der Gegner: niemand geringeres als der große FC Bayern München.
Sie liefern einen leidenschaftlichen Kampf, den Stanišić als 13-jähriges „Kind des Vielvölkerstaats“ mit seinem Vater vor dem Fernseher verfolgt. Das Hinspiel endet siegreich. Nach der TV-Übertragung vermelden die Nachrichten ethnische Unruhen. Der Frieden steht in diesen Tagen, Anfang der 90er, auf der Kippe. Das Rückspiel endet mit einem Unentschieden. So überwindet überwindet man die mächtigen Bayern und zieht ins Finale ein, welches letztendlich auch noch gewonnen wird. Am 29. Mai 1991 wird Roter Stern Belgrad Europapokalsieger der Landesmeister. Hat es die Jugoslawen im Freudentaumel geeint? Kein Krieg?
Nein. Rückblickend gehören die Spiele für Stanišić zu den letzten Erinnerungen an ein vereintes Jugoslawien, vor dem Blutvergießen. Stanišić beschäftigen die Spiele gegen die Bayern noch immer, wie er scherzt: „Auf YouTube gibt es ein Video mit 300.000 Aufrufen. 50.000 davon sind von mir.“
Oft ist an diesem Abend gar nicht erkennbar, ob Stanišić liest oder Anekdoten ohne Textgrundlage vorträgt. Immerhin hat er bereits knapp 60 Lesungen mit „Herkunft“ in diesem Jahr hinter sich. „Man hört sich selbst schon dabei“. Bochum markiert den krönenden Abschluss. Das Schauspiel-Publikum applaudiert am späten Abend lange. Stanišić gibt noch eine Zugabe, er hat sichtlich Freude an der Veranstaltung. Gerne hätte er weitergelesen. Doch vor ihm stand an diesem Abend noch eine lange und wohl abenteuerliche Rückfahrt.
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