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Joana Tischkau
Foto: Daniel Shaw

„Gibt es die Möglichkeit, ein Stereotyp vom Weißsein zu konstruieren?“

22. Dezember 2021

Joana Tischkau über Rassismus in der Karnevalskultur – Premiere 01/22

trailer: Wir schreiben das Jahr 2021. Für 10,99 Euro kann ich immer noch Baströckchen und Knochenkette für den Straßenkarneval kaufen. Was läuft falsch in Deutschland?

Joana Tischkau: Wenn ich das wüsste. Es kann ja nur bedeuten, dass manche Menschen diese rassistischen Klischees und Bilder witzig finden. Und dass sie nicht sehen, inwieweit das respektlos und degradierend ist. Meine Perspektive als Schwarze Person ist da natürlich eindeutig; wenn meine Physiognomie, zu einem Stereotyp stilisiert, jemand anderem zur Belustigung dient, tut das weh. Diese Tatsache ist eigentlich sehr nachvollziehbar. Ich glaube die wenigsten mögen es, wenn man sich über ihre Frisur oder andere körperliche Merkmale lustig macht. Bei rassistischen Kostümen kommt natürlich hinzu, dass diese Praktik der Verhöhnung durch groteske Stilisierung eine jahrhundertelange Tradition hat. Natürlich gibt es Rahmen und Räume, in denen das ok wäre, in denen wir uns darüber verständigen, worüber wir Witze machen wollen. Aber Tatsache ist, dass von Diskriminierung Betroffene selten in den Dialog dazu eingeladen werden, auf wessen Kosten gelacht werden darf. Das heißt, die Frage, über wen und was an Karneval gelacht wird, wird meist von der mehrheitlich weißen Gesellschaft definiert. Mich interessiert, inwieweit es möglich ist, den Spieß umzudrehen. Gibt es die Möglichkeit, ein Stereotyp vom Weißsein zu konstruieren? Genau diese Frage behandelt das Stück, weil es gar nicht so starke Bilder und Elemente gibt, die sofort jedem verständlich sind.

Hilft es da, insbesondere einem Theaterpublikum den scheinbar unausrottbaren postkolonialen Rassismus unter die rote Narrennase zu reiben? Ich denke mal, im Theater kommen diese Klischees nicht so häufig vor…

Meiner Meinung nach gibt es da keinen Unterschied. Ich glaube, dass das Theaterpublikum genauso verführt ist, diese Rassismen zu reproduzieren. Der Beweis liegt ja auch in den immer wieder aufkommenden Debatten um Blackfacing und Besetzungspolitiken und der damit einhergehenden Frage, wer wen spielen „darf“. Ich glaube, den Karneval ins Theater zu bringen, ist genau deshalb so interessant, weil das Theater sich ja dahingehend vom Karneval abzugrenzen versucht, indem es behauptet, politischen Themen wie Rassismus und seinen Darstellungen „ernsthaft“ begegnen und diese verhandeln zu wollen. Ein Othello in Blackface soll der Versuch sein, Rassismus auf die Bühne zu bringen. Rassistische Karnevalskostüme sind viel einfacher zu entlarven; sie funktionieren über die billigsten und einfachsten Mittel. Bastrock und Blumenkette – und schon ist man auf Hawaii. Aber nur weil das Theater diese Mittel verfeinert hat, sind die Darstellungen und Verhandlung nicht-weißer Figuren nicht weniger stereotyp und rassistisch. Theater als auch der Karneval behaupten von sich, politisch, inklusiv und weltoffen zu sein. In jedem zweiten Karnevalslied geht es um die Gleichheit aller Menschen, Theater geben sich große Mühe, Diversität und Inklusivität zu performen. Mich interessiert die Gleichzeitigkeit, mit der hier einerseits Rassismus reproduziert und Inklusivität behauptet wird.

„Warum ist es so schwer, die Verletzung anzuerkennen, die BPoC äußern?“

Kommen wir zum Theaterstück: Wie sieht denn sowas, ich zitiere, „unaushaltbar unterhaltsam“ aus?

Was mich daran interessiert, gibt der Karneval ja schon vor. Der Karneval läutet den Moment ein, indem wir plötzlich alle gute Laune haben, guter Dinge sind und uns miteinander in diesen Rausch begeben. Dieser Rausch, die Einheit derer, die da feiern, funktioniert aber nur über Ausschluss. Was dabei vergessen wird, ist die Perspektive derjenigen, auf deren Kosten das geschieht. Was machen die, die eben nicht dabei sind, obwohl doch vom Dabeisein gesungen wird („Da simmer dabei“)? Was bedeutet es, wenn Spaß und Spieß umgedreht werden, wenn das auf Kosten derjenigen passiert, die sonst die Deutungshoheit über den Spaß haben? Inwieweit kann das dann auch unaushaltbar werden, inwieweit kann man damit konfrontiert sein und merken, wie verstörend diese Bilder und auch diese Musik eigentlich sind? Was braucht es, damit eingefleischte Karnevalisten erkennen, dass die Multikulturalität und Solidarität, von der sie da singen, nur funktioniert, wenn kulturelle Traditionen anderer tatsächlich respektiert werden? Warum ist es so schwer, die Verletzung anzuerkennen, die BPoC äußern? Es geht mir aber nicht nur um Vorwürfe. Ich will trotzdem, dass Leute Spaß haben, ich will trotzdem unterhaltsam sein.

Wird das mehr ein choreografischer oder ein dialogischer Abend?

Ganz klar choreografisch. Ich möchte nichts erzählen, sondern ich möchte – und dann sind wir wieder bei dem „unaufhaltsam unterhaltsam“ – diesen Rausch, diesen bildhaften, körperhaften Rausch auf der Bühne evozieren und sichtbarmachen und das Publikum in einen Zustand versetzen, in dem es ständig hin- und hergerissen ist: Das macht Spaß, oh Gott, das ist schrecklich, das macht Spaß, oh Gott, das ist schrecklich. Ich glaube, das schafft man besser, indem man mit Musik, mit Bewegung, mit Körperlichkeit arbeitet, als wenn ich einen langatmigen Dialog inszeniere, indem jemand erzählt, was da gerade passiert.

„Ist Robertos Präsenz für die antirassistische Arbeit kontraproduktiv?“

Ein bisschen Spaß muss sein“ – ich muss es fragen: Wie kontraproduktiv sind denn Protagonisten wie Roberto Blanco gerade im Karneval?

Gute Frage, denn Roberto Blanco kommt auch in „Karneval“ vor. Das ist eine Figur, an der ich mich in meiner Arbeit viel abarbeite. Und genau darum geht es: Ist Robertos Präsenz für die antirassistische Arbeit in Deutschland kontraproduktiv, weil er den weißen Blick und das weiße Begehren immer wieder bedient, indem er den rassistischen Witzen noch einen draufsetzt? Ich habe darauf keine Antwort, aber ich glaube, es ist wichtig, dass viele Schwarze Künstlerinnen und Künstler sich aus verschiedenen Perspektiven mit diesen Figuren auseinandersetzen. Weil oft sind sie nicht so eindimensional, wie wirglauben, dass sie sind.

Das passt ja auch zu den Schwarzen Mitgliedern der AfD.

Genau. Und sowieso auch in der CDU. Das ist ja auch ganz wichtig. Nur weil man Schwarz ist, hat man nicht automatisch ein Schwarzes politisches Bewusstsein, im Gegenteil – man kann auch der konservativen rechten Ideologie angehören. Man wird ja quasi einverleibt von diesem Gedankengut. Es bleibt die Frage, wie dieses Gedankengut es schafft, so effektiv zu sein. Im Karneval gibt es dieses Phänomen ja auch, einige noch existierende rassistische Karnevalsvereine haben auch Schwarze Mitgliederinnen und Mitglieder. Wie schafft diese Tradition es dann doch, diese Menschen miteinzubeziehen, obwohl sie eigentlich gegen sie arbeitet? Dieses Paradox ist das Interessante. Denn diese Tatsache ist ja in keinster Weise eine Legitimation für diese Ideologien bzw. für die Reproduktion rassistischer Darstellungen. Im Gegenteil. Es zeigt auf, dass diese Ideologien und Traditionen seit Jahrzehnten nicht in Frage gestellt wurden, so dass sie zur Normalität geworden sind. Gerade der Kölner Karneval ist damals stark vom Nationalsozialismus eingenommen worden, auch der deutsche Kolonialismus hat seine Spuren hinterlassen. All diese Dinge sind nicht aufgearbeitet worden. Da frage ich mich dann, wo ist eigentlich der politische Widerstand, der darin behauptet wird, oder die Parodie auf das Bürgerliche oder die Parodie auf die Politik?

Zurück zum Theater: In welchem Jahrzehnt kommt man auf den internationalen Bühnen bei Shakespeares Othello ohne Blackfacing aus? Ich kann mir das gar nicht vorstellen.

Ich kann mir das auch nicht vorstellen. Ich weiß es nicht. Ich glaube, ich werde es nicht mehr erleben.

Karneval | R: Joana Tischkau | 11.2.22 (P) | Theater Oberhausen | Infos:0208 857 81 84

Interview: Peter Ortmann

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