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Andrea Sanguineti
Foto: TUP / Volker Wiciok

„Ich möchte Wagner und Strauss dirigieren“

31. Oktober 2022

Andrea Sanguineti über seine Pläne als Essener Generalmusikdirektor – Interview 11/22

Die Entscheidung fiel einstimmig: Der Aufsichtsrat der Theater und Philharmonie (TUP) Essen berief Andrea Sanguineti zum neuen Generalmusikdirektor. Der junge italienische Dirigent ist vor Ort kein Unbekannter. Er dirigierte bereits mehrfach am Aalto-Theater und wird bei der Neuproduktion von Gaetano Donizettis „Lucrezia Borgia“ am Pult stehen.

trailer: Herr Sanguineti, mit welchen Perspektiven treten Sie im Herbst 2023 ihr neues Amt in Essen an? Was verändert sich im Vergleich zu Ihrem Vorgänger Tomáš Netopil?

In Oper wie Konzert möchte ich die langjährige Tradition des Orchesters weiterführen, das 2024 sein 125-jähriges Jubiläum feiern kann. Ich freue mich auf ein Spitzenorchester, das in einem akustisch wunderbaren Saal spielt, wie man ihn sonst nur in Hauptstädten wie Berlin findet. Wagner, Mahler, Strauss – von diesen Namen fühle ich mich sehr angezogen. Eröffnen möchte ich die Reihe der Sinfoniekonzerte als kleine Verbeugung vor meiner Herkunft mit einem Werk von Ottorino Respighi. In der nächsten Spielzeit wird es ein gewichtiges Jubiläumsprogramm geben. Künftig möchte ich aber auch Komponisten vorstellen, deren Namen nicht so geläufig sind. Das Publikum darf sich über wunderbare farbige und konturenreiche Musik freuen.

Die Intendantin der Oper, Merle Fahrholz, hat einen Schwerpunkt auf Komponistinnen angekündigt. Spielt das auch bei Ihnen eine Rolle?

Da bin ich mit Frau Fahrholz einig. Es wird Musik von Frauen geben, und zeitgenössische Musik, die aber nicht die Insider befriedigt, sondern eine Sprache führt, die das Publikum versteht. Was wir nicht brauchen, ist, das Publikum zu erschrecken oder zu langweilen.

Nennen Sie doch einmal Namen.

Ich denke zum Beispiel an die Amerikanerin Jennifer Higdon oder an die 85-jährige Japanerin Keiko Abe, von der ich bereits ein Konzert für Marimbaphon dirigiert habe. Oder an Aaron Jay Kernis, ein in den USA sehr gefragter Komponist. In Deutschland schreibt zum Beispiel Manfred Trojahn wunderbare Musik.

Und Ihre speziellen Interessen?

Als Italiener wurde ich meist nur für italienisches Repertoire angefragt. Es gibt ein gewisses Schubladendenken: Engländer können demzufolge alles, Italiener nur italienische Musik, Deutsche vor allem das dicke romantische Repertoire. Ich hatte als GMD in Görlitz fünf Jahre die Möglichkeit, mir viel Konzertrepertoire zu erwerben, habe in Wien studiert und lebe seit 15 Jahren in Deutschland. Warum sollte ich also die Sprache von Beethoven, Brahms, Mahler oder Strauss nicht beherrschen? Für mich ist die Arbeit mit den Essener Philharmonikern eine große Herausforderung: Wenn ich etwa eine Brahms-Sinfonie zum ersten Mal dirigiere, stehe ich als Novize vor einem Orchester, das dieses Werk vielleicht schon zwanzig Mal gespielt hat. Ich werde mir also viel Repertoire erarbeiten. Eines werde ich aber nicht tun: Ich setze keinen speziellen Akzent auf italienische Musik, auch wenn ich im Einzelfall einen Blick auf in Deutschland weniger bekannte Komponisten wie Alfredo Casella oder Nino Rota werfe.

Was passiert in der Oper? Können Sie den Spielplan mitbestimmen?

Die Zuständigkeiten sind vertraglich geregelt. Merle Fahrholz pflegt einen partnerschaftlichen und teamorientierten Führungsstil, bei dem die Leiter der verschiedenen Sparten auf einer Ebene gemeinsame Projekte angehen. Die Vorbereitungen auf meine erste Spielzeit laufen extrem gut und in respektvollem Umgang miteinander. Ich werde in der kommenden Spielzeit eine große Eröffnungspremiere leiten und gehe davon aus, dass ich in der Oper meine Erfahrung mit italienischem Repertoire einbringen kann. Aber ich möchte Wagner und Strauss dirigieren und übernehme 2024 die Wiederaufnahme von „Tristan und Isolde“, für die eigentlich der plötzlich verstorbene frühere Essener Intendant und GMD Stefan Soltesz vorgesehen war.

Sie lieben auch die leichte Muse. Wird es Operette geben, mit dem GMD am Pult?

Wenn es passt, sehr gerne. Ich liebe Operette, weil die Musik so sexy und vielfältig ist und einen großen Spielraum für Interpretation eröffnet. Sie bedient alle Gefühle, bewegt sich nah am Text und schildert alle Spielarten von Liebe – und von Intrige. Das ist nahe am Leben. Aber dennoch gibt es immer ein Happy End.

Vom neuen GMD wünschen sich die Essener mehr Präsenz.

Mein Vertrag sieht 40 Abende in Oper und Konzert vor. Aber das ist ja nicht alles, dazu kommen Proben, Vorsingen, Besprechungen und vieles andere. Ich sehe mich nicht als „gastierender“ GMD, sondern werde Präsenz zeigen und auch in Essen wohnen.

Interview: Werner Häußner

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