Kalkutta: feuchte Hitze, Verkehrschaos. Mitten im Autostau schiebt sich mit majestätisch ruhigem Schritt eine Kuh durch das Verkehrsgewühl. Alles hält inne, macht eine Pause für die Kuh – Kühe sind in Indien heilig.
Weil heilige Kühe zwar heilig, aber dumm sind, gibt es viele Ratschläge für heilige Mutterkühe
Dortmund: feuchtkaltes Nieselwetter, Verkehrschaos. Mitten im Benzingestank steckt im Autostau eine heilige Kuh auf dem Weg zur Kita in ihrem Auto fest. Sie flucht und hupt, der Wahnsinn geht ungestört weiter. Trotzdem: Mütter sind in Deutschland fast das letzte, was noch heilig ist. Mutterliebe ist etwas Göttliches, Mystisches! Jede Mutter will eine gute Mutter sein. Eine gute, heilige Mutterkuh, die nur das Beste für ihr Kind will. Und weil heilige Kühe zwar heilig, aber dumm sind, gibt es viele, viele Ratschläge für heilige Mutterkühe. Das Beste für ein Kind ist eine Mutter, die 24 Stunden für ihr Kind da ist und trotzdem den Kindern ein modernes Rollenbild vorlebt, eine Mutter, die zugewandt, geduldig, heiter und ausgeglichen, schlank, gepflegt und gebildet ist. Eben eine echte heilige Kuh. Auf diesen Ansprüchen muss sie lange und gründlich kauen und wiederkäuen. Denn so viel Anspruch macht Stress, und eine gestresste Mutter ist wiederum schlecht fürs Kind ... oh Gott!
Nein, nicht aufgeben, liebe Mütter! Ihr werdet mit eurem Dilemma nicht alleingelassen. Es gibt Bücher. Bücher, die Müttern helfen. Bücher, die mitten aus dem Leben geschrieben wurden. Bücher, die so interessante Titel haben wie „Dein Kind will Dich“. Von Christa Müller, der Ex vom Fontainigen, dem Oskar. Bücher, in denen gebildete, gepflegte, schlanke, gut gekleidete und finanziell gut gestellte, eben ganz normale Mütter, uns überforderten, alleinerziehenden, finanziell schlecht gestellten Müttern erklären, dass unser Kind uns in den ersten Jahren rund um die Uhr braucht ... oder, wie im Fall von Christa Müllers Buch, uns WILL! Und ich, die ich nass geschwitzt und ungepflegt und gestresst und finanziell trotzdem schlecht gestellt meinen Kinder nach einem anstrengenden Kita- und Ganztagsschultag das ungesunde Mikrowellenfutter in die übermüdeten Mäulchen stopfe, ich denke ganz ungläubig, ob Christa Müller auch mich gemeint hat, und meine drei fastvaterlosen Kinder? Die WOLLEN mich? Und Christa Müller hat's gemerkt. Vor Erschöpfung muss ich mitten im Abendbrotkinderlärm am Tisch eingenickt sein. Ich habe geträumt, dass ich meine Kinder gefragt habe, ob sie mich WOLLEN. Und meine Kinder haben gesagt, sie wollen lieber eine Mutter, die schick und gepflegt und finanziell gut gestellt und ... dann bin ich schweißgebadet aufgewacht. Meine Kinder haben sich gerade mit Abendbrotresten beworfen. Ich habe laut gerufen: „Aufhören und herhören! Kinder!!!! WOLLT ihr mich?“ Eins der Kinder hat geheult und gesagt, es will noch ‘nen Fruchtzwerg und ‘ne Milchschnitte und ein Maoam. Ich hab da dann die Nerven verloren und gebrüllt: „Ab ins Bett, sofort! Alle drei!“ Meine Kinder sind maulend aus der Küche verschwunden, eins habe ich noch murmeln hören: „Blöde Kuh!“ Na ja, hier ist halt nicht Indien.
Hat Ihnen dieser Beitrag gefallen?
Als unabhängiges und kostenloses Medium ohne paywall brauchen wir die Unterstützung unserer Leserinnen und Leser. Wenn Sie unseren verantwortlichen Journalismus finanziell (einmalig oder monatlich) unterstützen möchten, klicken Sie bitte hier.

„Merkel drückt den Frauen ein altes Rollenbild auf“
Manuela Schwesig über Kita-Ausbau und Betreuungsgeld – Thema 07/12 Kita
„Für Kinder ist das Gefühl der Geborgenheit sehr wichtig“
Ursula Doppmeier zu der Frage der richtigen Kinderbetreuung - Thema 07/12 Kita
Im Migrationsvordergrund
Ein Kindergarten im Dortmunder Norden trotzt den Klischees - Thema 07/12 Kita
Kinder im Garten und Kinder im Kindergarten
Möglichkeiten zur Betreuung der ganz Kleinen - THEMA 07/12 KITA
Empathie-Expertise
Intro – Bonus-Level
Das Spiel mit der Geschichte
Teil 1: Leitartikel – Was Videospiele über Gesellschaften erzählen
„Eine Komplexität, die man in anderen Medien kaum findet“
Teil 1: Interview – Medienwissenschaftler Christian Schwarzenegger über die kulturelle Bedeutung von Videospielen
Im Rausch der Autobahn
Teil 1: Lokale Initiativen – Das Videospielstudio Z-Software in Lünen
Virtuelle Resonanz
Teil 2: Leitartikel – Videospiele in der Psychotherapie
„Spiele einfach genießen“
Teil 2: Interview – Psychologin Silke Lux über gesundheitliche Wirkungen von Videospielen
Spielen gegen Radikalisierung
Teil 2: Lokale Initiativen – Das Kölner Videospiel-Studio Zweisiedlerkrebs
Um die Existenz spielen
Teil 3: Leitartikel – Was Videospiele mit der Wirklichkeit zu tun haben
„Es gibt aufklärerische Spiele“
Teil 3: Interview – Historiker Nico Nolden über Politik und Geschichte in Videospielen
Was Karten verraten
Teil 3: Lokale Initiativen – Bildungsforscher Michael Morawski über Gaming und Geographiedidaktik
Meine fremde Wohnung
Niederlande als Vorreiter für gesundheitsfördernde Videospiele – Europa-Vorbild Niederlande
Tagebuch eines Kellerkinds
Wie Physik-Engines und NPCs einem das Leben vermiesen können – Glosse
Mehr, mehr, mehr!
Intro – Eine eigene Geschichte
Zweifel der Gesellschaft
Teil 1: Leitartikel – Erinnerungskultur muss sich von Ritualen verabschieden
„Verhindern, dass Wissen durch Geschichtspolitik ersetzt wird“
Teil 1: Interview – Historiker Jörn Leonhard über Angriffe auf die Erinnerungskultur
Gegen die Menschenverachtung
Teil 1: Lokale Initiativen – Das Fritz-Bauer-Forum in Bochum
Mehr als einem lieb sein kann
Teil 2: Leitartikel – NS-Erbe: Das Arbeitsrecht unterdrückt politischen Widerstand von Beschäftigten
„Im Augenblick sehe ich keine kritische Masse für eine breite Bewegung“
Teil 2: Interview – Politologe Alexander Gallas über Protest, Streik und Generalstreik
Bildung für die diverse Gesellschaft
Teil 2: Lokale Initiativen – Der Kölner Stadtverband der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW)
Unser gemeinsames Einwanderungsland
Teil 3: Leitartikel – Wie wir eine freiere Zukunft gestalten können
„Das politische Handlungsbewusstsein fehlt“
Teil 3: Interview – Amadeu-Antonio-Stiftung: Lorenz Blumenthaler über Fremdsein und Diskriminierung