
Resurrection
China, Frankreich 2025, Laufzeit: 160 Min., FSK 16
Regie: Bi Gan
Darsteller: Jackson Yee, Shu Qi, Mark Chao
Poetisches Science-Fiction-Drama
Surreale Traumwelten
„Resurrection“ von Bi Gan
Wenn es ein Wort gibt, das zu dem neuen Film des chinesischen Regisseurs Bi Gan passt, dann ist es Hingabe. Normalerweise läuft es so: Wir gehen ins Kino, entscheiden uns dabei für einen Film, dessen Thema oder Geschichte uns interessiert. In den meisten Fällen haben wir anschließend einen Film gesehen, der einen mehr oder wenigen roten Faden hatte und ein mehr oder weniger klares Thema. „Resurrection“ fordert uns heraus, dieses Konzept loszulassen: Bi Gan erzählt nicht nur eine Geschichte, er erzählt sechs verschiedene Geschichten, die auf den ersten Blick wenig gemein haben – abgesehen vom Protagonisten und der Rahmenhandlung. Gan reiht Fragmente aneinander, die konsequent das sinnliche Erleben vor Logik stellen. Wer detailliert verstehen möchte, was hier auf der Leinwand vor sich geht, wird am Ende frustriert den Kinosaal verlassen – belohnt wird dagegen, wer sich auf eine atmosphärische Reise in surreale Traumwelten einlassen kann.
Gan beginnt seine cineastische Reise mit einem eingeblendeten Text: „Resurrection“ spielt in einer nicht näher definierten dystopischen Zukunft, in der Menschen aufgehört haben zu träumen. Denn, so die allgemeine Überzeugung: „Menschen, die nicht träumen, sind wie Kerzen, die nicht brennen“ – sie leben ewig. Individuen, die von dieser Regel abweichen und es wagen, dennoch zu träumen, sind sogenannte Fantasmer – sie werden verfolgt und gelten als abtrünnig. Gan belässt es bei diesem rudimentären Erzählrahmen; wir erfahren keine weiteren Details oder sehen Bilder aus dieser dystopischen Welt. Stattdessen taucht eine anonyme Frau auf (Shu Qi), die einen Fantasmer (Jackson Yee) in seine Träume verfolgt und versucht, ihn zurückzuholen.
Durch insgesamt fünf Episoden verfolgt die anonyme Frau den ebenso namenlosen Fantasmer: durch eine Stummfilmwelt, eine actiongeladene Thrillerszenerie, eine buddhistische Parabel, ein sozialkritisches Aufstiegsmärchen und einen modernen Neo-Gothic-Vampirfilm, der ohne jegliche Schnitte auskommt. Klingt wild? Ist es auch. Gan tritt nicht nur eine Reise durch die verschiedenen Traumwelten des Fantasmers an, sondern auch durch die Geschichte des Kinos mit seinen Erzählformen und deren Evolution im Lauf der Zeit. Jede der fünf Episoden spricht außerdem einen der fünf Sinne ganz gezielt an: Im actiongeladenen Thriller geht es um die Jagd auf einen mysteriösen Koffer, der Zugang zu einer bewegenden Melodie enthält, im sozialkritischen Aufstiegsmärchen kann ein Waisenkind vermeintlich nur über den Geruch die Farbe von Spielkarten erkennen, in der buddhistischen Parabel muss der Protagonist Tempelsteine ablecken, um den bittersten darunter zu finden und so Buddha zu begegnen.
In seiner Bildsprache und seinem übergeordneten Thema bleibt sich Gan mit „Resurrection“ durchgehend treu: Schon in seinen beiden vorherigen Kinofilmen „Kaili Blues“ (2015) und „Long Days Journey Into Night“ (2018) setzte er auf düstere Bilder, in denen die Konturen von Schatten und Licht gleichermaßen ineinanderfließen wie Traum und Realität. In nächtlichen, verregneten Gassen leuchten einsame Neonschilder, Dampfschwaden wabern durch die Straßen. In beiden Filmen suchen die Protagonisten Menschen, die aus ihrem Leben verschwunden sind: In „Kaili Blues“ sucht ein Arzt nach einem verschwundenen Neffen, in „Long Days Journey Into Night“ will ein Mann eine verlorene Geliebte wiederfinden. Beide treten eine Reise an, die sie nicht nur an fremde Orte, sondern auch in die Labyrinthe ihrer eigenen Erinnerungen führt. „Long Days Journey Into Night“ findet seinen Höhepunkt in einer 55-minütigen Einstellung in 3D, in der Gan seinem Protagonisten durch eine nächtliche Stadt folgt. In Stil, Inhalt und Ästhetik erinnert die Sequenz stark an die abschließende Vampirgeschichte aus seinem neuen Film.
Mit „Resurrection“ gelingt es Gan, dem ästhetischen und sinnlichen Erleben unserer Träume eine Form zu geben, sie festzuhalten und erfahrbar zu machen – als etwas, das nicht verstanden, sondern nur erfahren werden kann. Und: Er schafft mit eine fantasievolle Ode an das Kino als Ort des kollektiven Träumens und der Hingabe.

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