
Die dunkelste Stunde
Großbritannien 2017, Laufzeit: 125 Min., FSK 6
Regie: Joe Wright
Darsteller: Gary Oldman, Stephen Dillane, John Hurt, Lily James, Ben Mendelsohn, Kristin Scott Thomas
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Historisches Drama
Staatsmann
„Die dunkelste Stunde“ von Joe Wright
1940 überrollt die Wehrmacht mit unerbittlicher Wucht die Nachbahrländer. Im britischen Parlament hagelt es Kritik an Premierminister Chamberlain, der gemeinsam mit Parteigenosse Halifax unverbesserlich auf Verhandlungen mit den Nazis setzt. Chamberlain tritt ab, für die fortan formierte Allparteienregierung findet sich nur ein Politiker, der von allen akzeptiert wird: Winston Churchill. Damit ist Schluss mit Appeasement. Churchill schließt Friedensverhandlungen mit „Herrn Hitler“ kategorisch aus und sieht nur einen Weg, dem deutschen Aggressor entgegenzutreten: Kampf! Dafür findet er kaum Rückhalt, weder beim König noch in den eigenen Reihen. Als wäre die Lage nicht schon brisant genug, steht Churchill kurz nach seinem Amtsantritt im Mai vor der ersten konkreten Krise: In der französischen Küstenstadt Dünkirchen sind über 300.000 britische Soldaten von den Deutschen eingekesselt.
Der Titel ist wahrlich Programm: Churchill stellt sich im Mai 1940 dramatischsten Herausforderungen und muss für seine Entscheidungen große Opfer eingehen. Der Film indes fängt zunächst einmal fast absurd munter an: Geradezu clownesk gestaltet sich die Einführung Churchills, der sich genüsslich britisch, mit Zigarre und Drink zur frühen Stunde, Scharmützel mit Gattin, neuer Sekretärin, König und Politikern liefert. Ein Kauz. Doch wenig später verschärft sich die Lage und Regisseur Joe Wright bringt sein Schiff auf Kurs. Auch wenn ihm eine gesunde Portion Humor nicht abhanden kommt, folgt er Churchill fortan geboten dramatisch durch die Abgründe. So manches Bild, so manche Szene erreicht dabei mal Musical-Charakter, wenn Churchill beispielsweise sein Volk in der U-Bahn aufsucht, die Passagiere, vom Kind bis zum Farbigen, fragt, ob er denn mit Hitler verhandeln soll, und einer nach dem anderen: „Never!“, „Never!“, „Never!“ singt, nein, Entschuldigung: ruft. Trotzdem: Wright bewahrt auch hier den Kurs, und der richtet sich gezielt auf die Dramatik des Moments. Wright fokussiert. Auf Churchill, auf den Augenblick, auf seine Reden. Die Menschen um ihn herum bleiben konsequent Randfiguren, einzig die wunderbaren tragikomischen Dialoge mit King George VI (Ben Mendelsohn) entfachen Brisanz auf Augenhöhe. Ansonsten überragt Gary Oldman das Geschehen, und er stemmt die Rolle mit Bravour, sprich: Man erkennt Oldman über weite Strecken überhaupt nicht.
Auch wenn das Kino vornehmlich Staatsmännern Aufmerksamkeit schenkt, die in schicksalsschweren Stunden walten oder tragisch enden („JFK“), so bleibt „Die dunkelste Stunde“ ein Film über einen ganz normalen, aber aufrichtigen Politiker mit Weitblick, um den herum sich Kandidaten scharen, die selbst in dunkelster Stunde intrigieren und um nichts anderes als Macht und Amt bedacht sind. So streitbar Churchill war, angesichts der Politikverdrossenheit, die sich auch in unserem Land zu Recht immer weiter ausbreitet, könnte Deutschland eine/n Churchill verdammt gut gebrauchen: Allein, dass dieses Drama von einem ehernen Politiker erzählt, macht es heutzutage relevant. Und das ist doch recht bedenklich.
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