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American Sweatshop

American Sweatshop
Deutschland, USA 2026, Laufzeit: 93 Min., FSK 16
Regie: Uta Briesewitz
Darsteller: Lili Reinhart, Daniela Melchior, Christiane Paul, Jeremy Ang Jones

Cyberthriller

In den Abgründen des Internets
„American Sweatshop
von Uta Briesewitz

Als „Sweatshops“ werden Fabrikationsstätten, meistens in Entwicklungsländern, bezeichnet, in denen Menschen unter unwürdigen Bedingungen für wenig Geld arbeiten. Daisy (Lili Reinhart) arbeitet jedoch als Content-Moderatorin in einem modernen Tech-Betrieb irgendwo in den USA. Mit Dutzenden von Kolleg:innen sitzt sie in einem Großraumbüro, sichtet Content, der als problematisch gemeldet wurde und entscheidet nach strengen Vorgaben, wann das Gesichtete so schlimm ist, dass es gelöscht werden muss. Es ist längst bekannt, dass es im Netz nur so vor schrecklichen Inhalten wimmelt – Frauenhass, Mordfantasien, Hassrede, Desinformationskampagnen, Kinderpornos. Solcher Content ist ungefiltert zugänglich, weshalb manche Länder den Social-Media-Zugang für Minderjährige inzwischen eingeschränkt haben. Doch nicht nur Jugendliche nehmen Schaden an solchen Inhalten. Die tägliche Sichtung der Abscheulichkeiten im Netz geht nicht spurlos an Daisy vorbei.

Eines Tages sieht sie ein Pornovideo, in dem eine Frau äußerst brutal von einem Mann mit Hammer und Nagel traktiert wird. Sie löscht das Video, aber die schrecklichen Bilder gehen ihr nicht mehr aus dem Kopf. Als ein paar Tage später dasselbe Video auf einer anderen Plattform auftaucht, meldet sie das ihrer Chefin (Christiane Paul). Doch diese sieht keinen Grund, das Video der Polizei zu melden. Daisy jedoch wird besessen von dem Gedanken, etwas tun zu müssen – den Mann in dem Video zu finden und zur Rede zu stellen. Aber was genau will sie damit bewirken? Sie wird von dem Bedürfnis angetrieben, selbstbestimmt zu handeln in einer Welt, die sie ständig mit menschlichen Abgründen konfrontiert. Das erneute Auftauchen des Nagelvideos verdeutlicht nicht nur Daisys Hilflosigkeit, sondern auch die Machtlosigkeit der Kontrollsysteme.

Genau dahin will Briesewitz in ihrem Spielfilmdebüt als Regisseurin unseren Blick lenken. Welche Bewältigungsmechanismen müssen wir im Umgang mit den sozialen Medien entwickeln, und wer schützt uns? Meist sind es junge Menschen wie Daisy, die glauben, einen nor­malen Einstiegsjob in der Techbranche gefunden zu haben – sie ahnen nicht, dass sie täglich den brutalsten und verstörendsten Bilder und Videos ausgesetzt sein werden. „Wir tun etwas Gutes“, sagt eine Kollegin. Doch sie wissen, dass sie nichts gegen die Flut an digitaler Gewalt ausrichten können. Daisys eigenmächtiger Kampf gegen gewalttätige Inhalte scheint ein Akt des Empowerments zu sein, doch in Wirklichkeit gleicht er dem Kampf gegen die Hydra – ein endloser Kampf, der sie psychisch zermürbt, weil jede Handlung neue Konfrontationen mit dem Grauen hervorbringt. Daisy ist zunehmend besessen von dem Wunsch, die Bösen zur Rede zu stellen – und schreckt am Ende selbst nicht vor Gewalt zurück.

Briesewitz‘ Film bietet keine tröstliche Auflösung. Er fragt: Welchen Preis zahlen wir, wenn Gerechtigkeit unerreichbar ist? Was passiert, wenn der Beobachter zum Akteur wird? „American Sweatshop“ setzt sich mit dem Verhältnis von moralischer Verantwortung, persönlichem Trauma und der grenzenlosen Grausamkeit des digitalen Zeitalters auseinander.

(Tina Adomako)

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