Liebe und Leidenschaft, das merkt der geneigte Besucher sofort, ist das, woran der prominente Autor Martin Walser immer noch glaubt. Dabei, so scheint es, ist es egal, in welchem Alter man sich befindet. Walser beleuchtet in seinem neuesten Roman die klassische Ménage à trois, bei der die Figuren einen Altersunterschied von fast 30 Jahren aufweisen.
Aber beginnen wir von vorne: Vornehm sieht es aus, das Gebäude der Haniel-Akademie in Duisburg, wo sich der preisgekrönte Autor Martin Walser die Ehre gibt. Das Ambiente passt, mit Sektchen geht es dann in den großen Saal, der bereits gut gefüllt ist. Kräftiger Applaus ist zu hören, als Walser dann endlich den Raum betritt, gefolgt von zwei Fotografen der örtlichen Presse, die ein wenig zu aufdringlich um den Star des Abends herumtänzeln und ihn, fast Paparazzi-like, in sekundenlanges Blitzlichtgewitter tauchen. Unterbrochen wird dies erst, als Veranstalter Gerd Herholz vom Literaturbüro Ruhr mit der Begrüßung beginnt und in einer vielleicht ein wenig zu ausführlichen Einleitung auf Walsers Präsentation eingeht. Humorvoll gestaltet sich denn auch die Antwort des Autoren, der im Anschluss daran eine „Lesung als Ergänzung der umfangreichen Einleitung“ verspricht. Mit überraschend kräftiger Stimme und lebendiger Mimik, die auf den ersten Blick fast gar nicht zur Erscheinung des Autors passen möchte, beginnt Walser mit seiner gut 45-minütigen Lesung. Lebendig ist sein Vortrag und sorgt besonders bei der Betonung der „Ute-Marieeee“ für Lacher.
Walsers neuestes Werk plädiert, so erfahren die Zuhörer schließlich in der anschließenden Diskussion, für die Freiheit in der Literatur, in der am Ende die utopische Situation eintritt, dass ein jeder Recht bekommt - die Wirklichkeit: „Vergessen wir das“, sagt Walser und, „Jeder liest sein eigenes Buch und nicht das Buch des Autoren“. So ist es irgendwo dem Zuhörer und Leser selber überlassen, sich für eine von Walsers Figuren zu entscheiden, denn zumindest für jede Frau dürfte das Romanende - das Händeschüttlen der beiden Damen über dem Bett des kränkelnden Regisseurs - pure Utopie und der auf ewig belächelte Wunschtraum eines lüsternden Mannes bleiben. Mit Walsers Absicht, keine seiner Figuren verlieren zu lassen und, betrachtet man es auf der Ebene einer reinen Beziehungskonstellation, sogar den weiblichen Figuren die Zurechnungsfähigkeit und das Verständnis zuzuschreiben, dass den dritten, männlichen Part als gescheiterten Helden auftreten lässt, bietet „Die Inszenierung“ eine interessante Grundlage, um das nie aus der Mode kommende Problem zu diskutieren: Was ist die Liebe denn nun?
Ein gelungener Abend, der von vor Lachen bebenden Schultern bis, zugegeben, zu einem leisen Schnarcher aus den hinteren Reihen reichte und zumindest bei mir persönlich einige Emotionen hervorbrachte, denn seien wir doch ehrlich: Was Augustus Baum in seinem Krankenzimmer treibt, ist doch einfach nur dreist. Damit, lieber Herr Walser, haben Sie mein aufrichtiges Kompliment, denn nur noch selten fordert die Literatur eine derart eindeutige Positionierung für oder gegen eine Figur.
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