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Die Zombies gehen um in der Essener Casa. Hier: Silvia Weiskopf
Foto: Birgit Hupfeld

„Das Stück handelt eher von uns selbst“

23. Februar 2017

Jörg Buttgereit über „Die lebenden Toten oder: Monsters of Reality“ in Essen – Premiere 03/17

Sie steuern auf unsere Küsten zu, wollen unserem Wohlstand an den Kragen und lassen sich durch nichts aufhalten. Horrorfilmregisseur Jörg Buttgereit inszeniert in der Essener Casa Christian Lollikes „Die lebenden Toten oder: Monsters of Reality“ im Bühnenbild von „Dawn of the Dead“ von George A. Romero.

trailer: Herr Buttgereit, die lebenden Toten können nur vernichtet werden, wenn ihr Gehirn irreparabel beschädigt wird. Sind dümmliche TV-Formate also auch eine Lösung?
Jörg Buttgereit: Wir beziehen uns tatsächlich auf TV-Formate, was im Stück aber eigentlich gar nicht angelegt ist. Das sind alles Sachen, die jetzt in meiner Bearbeitung dazu kommen. Es wurde dem Fernsehen ja bereits in den 1960er Jahren vorgeworfen, dass es uns zu willenlosen Zombies macht. Die Zombie-Metapher muss ja eben für alles herhalten.

Also kann man mit „Bauer sucht Frau“ Zombies umbringen?
Ich glaube, da erschafft man eher Zombies mit.

Wie inszeniert man denn die Masse der Gespensterseelen auf so einer kleinen Bühne?

Jörg Buttgereit
Foto: Maxi Braun

Zur Person

Jörg Buttgereit, geboren 1963, ist ein Berliner Regisseur und Autor von Theaterstücken und Arthouse-Horrorfilmen. Er inszenierte bereits einige Theaterstücke im Ruhrgebiet. Buttgereit ist insbesondere durch seine Filme „Nekromantik“ (1987) und „German Angst“ (2015) weltweit bekannt geworden.


Indem man nur über sie redet. Nein. (lacht) Wir haben ja einen begnadeten Illustrator dabei, den Comic-Zeichner Fufu Frauenwahl, mit dem ich auch schon seit meinen „Captain Berlin“-Comics zusammenarbeite. Der macht uns jede Menge schöner Projektionen. Zum Teil werden dort die Texte mit Storyboards, wie man sie aus dem Comic kennt, illustriert – das hilft eine Menge und ist sozusagen das einzig Multimediale. Weil ich auch auf diese beim Zombie-Thema natürlich sehr naheliegende Verbindung zum Film, also auf Filmprojektionen generell völlig verzichte. Schließlich machen das irgendwie so viele und es soll ja hier in der Casa ja auch Theater sein. Mit dieser Videoästhetik, die am Schauspiel so oft bemüht wird, tue ich mich immer ein bisschen schwer.

Gibt es einen Unterschied der Authentizität zwischen der Filmästhetik und der Theaterästhetik?
Ich bin Purist und habe nie mit Video gearbeitet. Selbst wenn ich Videoclips für Bands gemacht habe, habe ich immer auf Super 8 oder 16mm gearbeitet. Für mich spielt also, wenn es um Film geht, auch die Filmästhetik eine Rolle, aber eben nicht diese kalte Videoästhetik.

Also sehen wir Filmästhetik, aber ohne Zelluloid.
In dem Stück beziehen wir uns, was das Formale angeht, also den Aufbau des Bühnenbilds und die Herangehensweise, wo die Schauspieler herkommen, insbesondere auf Zombiefilme aus den 1970er Jahren. Speziell auf „Dawn of the Dead“ von George A. Romero, der im deutschen „Zombie“ hieß und der damals von Bernd Eichingers Agentur in die Kinos gebracht wurde, mit großem Aufwand und mit großem Erfolg. Das ist ein Film, der auf 35mm gedreht ist, der quietschbunt ist, und auf diese spezielle Farbgebung beziehen wir uns auch. Im Film von 1978 ist der Handlungsort eine amerikanische Shopping-Mall und unsere Bühne ist eine Art Nachbildung davon, was natürlich ganz lustig ist, weil die Casa hier in Essen ja auch in einem Einkaufszentrum liegt. Diese Verkaufs-Architektur geht sozusagen im Theater weiter. Eigentlich könnte man das auch gleich draußen spielen lassen, direkt im Einkaufskomplex. Aber das ist organisatorisch natürlich schwer machbar.

Und wegen der Zombies würde wahrscheinlich auch die Polizei immer vorbeikommen.
Das könnte sein, ja klar.

Auch weil Zombies dumm und böse sind?
Bei uns fangen sie immerhin wieder an zu denken und zu reden.

Kommen wir zum dänischen Autor Christian Lollike. Sind manche Textpassagen im Stück nicht längst schon wieder von der politischen Realität überholt?
Ja, man muss da natürlich sehr aufpassen, weil das Stück von 2015 ist. Oder besser die Fassung, die wir zuerst gelesen haben. Lollike selbst, mit dem ich mich in Berlin vor ein paar Wochen auch mal getroffen habe, hat sein Stück schon mehrfach selbst überarbeitet und hat mir auch die Freiheit gelassen, so viel rauszuschmeißen, wie ich möchte oder auch andere Sachen wieder mit reinzunehmen. Also wir sind frei im Text, und klar: Sachen wie der Deal mit der Türkei, die waren damals noch nicht passiert, die sind aber für uns wichtig, das heißt, die tauchen bei mir jetzt wieder auf. Also aktualisieren wir da ständig und können deshalb – das ist ja das Schöne am Theater – auch auf diese aktuellen Geschehnisse eingehen.

Also europäische Rechtspopulisten als Nazi-Zombies?
Das Stück von Lollike handelt gar nicht so sehr von den anderen, sondern immer eher von uns selbst. Wenn es um rechte Populisten geht, fragt das Stück eher, wie viel dieser Ideen ist in der ganz normalen Meinung des Volkes immer schon verwurzelt – und funktioniert das System der Verblendung deswegen so gut? Es geht in dem Stück auch gar nicht so um Flüchtlinge, sondern es geht eher um unseren Umgang mit dieser Frage nach ihnen. Um die Schuldeingeständnisse der Hilflosigkeit und bei mir eben auch als eine Flucht in die Fiktion. Für mich in die Filmrealität. Schon als Jugendlicher, schließlich bin ich mit Horror- und Monsterfilmen aufgewachsen, habe ich mich politischen Themen eigentlich immer nur in Form von Science Fiction nähern können. Man merkt das ja oft selbst, wenn man irgendwelche Sachen in den Nachrichten sieht, dass man so einen Reflex hat und denkt, Mensch, das ist ja wie in einem 1970er-Jahre-Science-Fiction Film, doch wo ist Charlton Heston? Das ist im Grunde auch die Idee, wie meine Bearbeitung von „Die lebenden Toten oder: Monsters of Reality“ entsteht. Und damit werde ich mich auch ein bisschen von der Anlage des Stücks entfernen.

Bei Lollike denkt man nicht, dass Maskenbildner viel zu tun hätten. Ist das hier anders?
Also bei Lollike selbst, in seiner Inszenierung in Kopenhagen, da sind die Schauspieler, glaube ich, schon richtige Zombies. Bei uns sind sie auch Zombies. Also die Maskenbildner haben schon zu tun. Es gab ja meines Wissens erst ein oder zwei Bearbeitungen davon in Deutschland, aber die habe ich nicht gesehen.

Und die Lösung für die Flut von Menschen, die über das Mittelmeer zu uns kommen – wäre da nicht eine Mauer am Strand ganz schön?
Im Moment ist die ja gar nicht nötig. Weil im Moment haben ja andere Leute Mauern für uns gebaut. So dass wir unser Gewissen reinwaschen können. Deswegen wundert es mich auch so, dass sie sich immer alle so über Trump aufregen. Wir sind doch auch nicht besser.

„Die lebenden Toten oder: Monsters of Reality“ | R: Jörg Buttgereit | Sa 4.3.(P), Sa 11.3., Mi 22.3. 19 Uhr | Schauspiel Essen, Casa | www.schauspiel-essen.de

INTERVIEW: PETER ORTMANN

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