Viele Jahre geht die Geschichte dieser beiden Familien, von den 80er Jahren bis heute. Doch sie wird nicht chronologisch erzählt, und lange birgt die kunstvoll gesponnene Erzählung Geheimnisse. Zwei befreundete Paare ziehen ihre Söhne wie Geschwister auf. Mehr als ein Kind ist in China nicht erlaubt, das Verbot wird bis 2003 strikt befolgt. Doch eines der Kinder stirbt. Nach und nach zeigen sich die Folgen – und erst spät in dem über dreistündigen Film „Bis dann, mein Sohn“ versteht man alle Zusammenhänge. Aber die lange Zeit im Kino lohnt sich. Wie sich die Politik und deren Wandel auf ganz normale Menschen auswirken, wird von Regisseur Xiaoshuai Wang, der auch am Drehbuch beteiligt ist, rührend, spannend und vielschichtig entwickelt. Die Städte verändern sich, die Politik wechselt, es bleiben die Gefühle.
„Booksmart“, das Regiedebüt der Schauspielerin Olivia Wilde („Dr. House“, „Her“), wird bereits als weibliche Antwort auf „Superbad“ gehandelt. Da passt es, dass neben der ruhigeren Kaitlyn Dever die quirlige Beanie Feldstein eine Hauptrolle hat – sie ist die Schwester von „Superbad“-Star Jonah Hill. Und wie in „Superbad“ geht es für die wortgewaltige, mollige „Molly“ und die ruhigere, lesbische Amy natürlich darum, auf die eine coole Party zu gelangen – über tausend Umwege. Die sind in „Booksmart“ häufig nicht nur äußerst bizarr, sondern loten natürlich auch sehr peinlich die sexuelle Schamgrenze aus (trotzdem: FSK 12). Und trotzdem ist das zwischen allerlei politischen und gesellschaftlichen Fußnoten nicht nur superkomisch, sondern auch superkorrekt.
Der Titel „Sterne über uns“ täuscht, nichts ist hier romantisch. Denn Melli (Franziska Hartmann) schaut sich mit ihrem Sohn Ben den Nachthimmel nicht freiwillig an. Der alleinerziehenden Mutter wurde kurzfristig die Wohnung gekündigt. Nun irrt sie mit Ben auf Wohnungssuche umher, die beiden schlafen im Wald in einem Zelt. Des Tags leben sie aus dem Koffer, den Franziska hinter sich herzieht. Vom Zelt in die Schule zum Flughafen, wo sie eine Probezeit als Flugbegleiterin absolviert. Permanente Improvisation, permanente Bittstellung. Das Jugendamt immerzu im Nacken. Gute Miene, tiefe Verzweiflung. Entwürdigend. Tadellos beklemmend inszeniert Christina Ebelt die Reichweite der Obdachlosigkeit. Getragen vom Spiel Franziska Hartmanns, geht ihr Drama durch Mark und Bein. Beängstigend nah.
Es ist ein impulsiver Akt der Rebellion, als Petrunija (Zorica Nursheva) in den Fluss springt, der durch ihr mazedonisches Heimatstädtchen fließt, und ein Holzkreuz herausfischt – womit sie einen Skandal provoziert. Denn sie verletzt männliches Hoheitsgebiet: Das Kreuz ist Teil eines religiösen Rituals, an dem nur Männer teilnehmen dürfen. Bis Petrunija neue Saiten aufzieht, weil sie die Demütigungen, denen sie als arbeitslose, unverheiratete Frau ständig ausgesetzt ist, satt hat. Der Ärger, den sie sich damit einhandelt, ist gewaltig. Regisseurin Teona Strugar Mitevska liefert in „Gott existiert, ihr Name ist Petrujina“ das Porträt einer betörend dickschädeligen Frau, die unbeirrbar ihr Recht auf Würde einfordert, und nimmt satirisch die Reaktionen einer patriarchal geprägten Gesellschaft aufs Korn. Der Stoff, aus dem Heldinnen sind!
Außerdem neu in den Ruhr-Kinos: Hossein Pourseifis Politdrama „Morgen sind wir frei“, Pia Hellenthals etwas anderes Frauenporträt „Searching Eva“, Marios Piperides' Ausreißer-Komödie „Smuggling Hendrix“ und Seamus Murphys Reise-Tagebuch „PJ Harvey - A Dog Called Money“. Dazu starten Erwin Wagenhofers Gute-Nachrichten-Doku „But Beautiful“, Kelly Coppers und Pavol Liskas Jelinek-Adaption „Die Kinder der Toten“, Julie Delpys Familiendrama „My Zoe“, Paul Feigs romantische Komödie „Last Christmas“, Deon Taylors Bodycam-Actioner „Black and Blue“ und James Mangolds unterhaltsames Rennduell „Le Mans 66 - Gegen jede Chance“. Und auch Martin Scorseses Netflix-Produktion „The Irishman“ findet den Weg ins Kino.
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