Mit einem Ast und einer Glocke in der Hand schleicht der Musiker Robert Lippok durch die Gänge des Dortmunder Jazzclubs Domicil; er wischt mit den Blättern über den Boden und wirbelt die Glocke durch die Luft. Schwingungen erfüllen den Raum ehe sie mit einem lebendigen Rauschen entschwinden. Das Todesrasseln scheint besiegt. In seinem Projekt „Material“ spielt Lippock mit zeitlichen, räumlichen und klanglichen Verschiebungen. Becken und Verstärker erzeugen Feedbacks und rhythmische Fetzen, dazu erklingen Drones und Loops von Band und Rechner: „Musique Concrète“ und Joseph Beuys lassen grüßen
Nach 22 Konzerten in acht Städten und an elf Orten ging am Freitagabend das Festival „Blaues Rauschen“ zu Ende. Lippoks Konzert war der passende Abschluss für ein Festival, das es sich zu Aufgabe gemacht hat, örtliche und musikalische Grenzen zu überwinden. Für Letzteres steht auch der Auftritt des Duos Georg Graewe und Thomas Lehn. Der gebürtige Bochumer Graewe gehört zu den gefragtesten Pianisten in der improvisierten Musik, Lehn ist einer der virtuosesten Improvisatoren auf dem analogen Synthesizer und Minimoog. Beide leben in Wien und kennen sich seit vielen Jahren, haben aber noch nie miteinander gespielt. Wer an dem Abend dabei ist, möchte das kaum glauben.
Die Interaktion zwischen Piano und analogen Synthesizern ist zu jederzeit fesselnd und herausfordernd - für die Musiker und das Publikum. Lehn hat über die Key Notes das Kommando und kann die Sounds steuern: seine eigenen und die seines musikalischen Partners. Dennoch gibt es viele freie Momente und nahezu keine Längen. Die elegant fließenden, immer wiederkehrenden Kaskaden Graewes bieten einen wunderbaren Fixpunkt. Sie haben etwas angenehm Vertrautes, selbst dann wenn sie von Geräuschen Lehns, der permanent in Bewegung ist, mal schräg kratzend, dann wieder melodisch durchkreuzt und verstärkt werden. Fortsetzung unbedingt erwünscht.
Utopien für die Gegenwart
Merche Blascos hatte den Abend mit ihrem Stück „Fauna“ eröffnet - einer Live-Improvisation mit selbstgebauten Instrumenten und Artefakten. Field Recordings, Körper, Lichtquellen und Objekte nehmen dabei in Echtzeit Einfluss auf den Klang, der keiner Hierarchie folgt. und eine fremde, seltsam anmutende Atmosphäre erzeugt. Der Titel Fauna weist auch darauf hin, dass die Auseinandersetzung mit der Natur gerade in der elektronischen Musik einen immer größeren Platz einnimmt. Weitere Titel im Programm des Festivals belegen dies: „Rewildung“, „Blue Ocean/Black Sea“ oder „Grain“. Das Zusammenspiel von Klang, Technologie, Gesellschaft, Umwelt und Raum wird dabei zur Synthese aus der im Idealfall Utopien für eine bessere Gegenwart entwachsen können.
Dies wird auch beim Auftakt zwei Wochen zuvor in der Essener „Szene 10“ deutlich. Basak Günak kreiert in ihrem Stück „Rewilding“ sphärische Klangflächen, die immer wieder von schrillen Geräuschen begleitet und unterbrochen werden: krachend und kratzend stehen sie im Dialog mit dem Schattenspiel im Hintergrund. Ein Auftritt, der sich im Widerspruch versöhnt. Und man fragt sich: Are Friends Electric?
Christian Rosales Fonseca beschäftigt sich anschließend mit der Geschichte der indigenen Bevölkerung Kolumbiens. Seine audiovisuelle Performance arbeitet vor allem mit Gegenständen und Relikten, die in Museen gelagert werden und dort oftmals nutzlos vor sich hinschlummern und verstauben. Fonseca stellt sich die Frage: Wie kann man sie wieder zum Leben erwecken? Er verteilt Blumenerde und Äste auf dem Boden, zieht einen Kreis und erzeugt Klänge durch Bewegungen und Brechung des Lichts. Im Hintergrund laufen Bilder, die von der Einsamkeit in und mit der Natur zeugen. Für das Happy End muss jeder selbst sorgen. Back to Nature?
Das Motto steht auch über dem Auftritt von Nadia Struiwigh, aber unter komplett anderen Vorzeichen. Sequenzer vibrieren, das Delay erzeugt harmonische Ostinati, die übereinander gelegt und geschichtet werden. Aus dem Off erklingen nach vorne treibende Beats, die den Raum durchdringen. Hinterher erklärt die Künstlerin bewegt, dass sie diese sehr dichte Performance ihrem verstorbenen Vater gewidmet hat.
Grenzenlos glücklich
Das Festival schafft es, das Ruhrgebiet als musikalische Metropole jenseits provinziellem Kleinstadtdenkens darzustellen. Der Beigeordnete der Stadt Essen für Kultur, Muchtar Al Ghusain, hebt in seinem Grußwort die künstlerische Neugier, den interdisziplinären Austausch und die Bereitschaft, gewohnte Hörgewohnheiten zu hinterfragen hervor. Das Festival strahle über die Stadt Essen und das Ruhrgebiet hinaus.
Die stellvertretende Vorsitzende der LWL-Kulturstiftung, Birgit Neyer, kann daran anschließen und verkünden, dass ihre Institution die Förderung in diesem Jahr noch einmal erhöhen konnte. Der veranstaltende Verein open systems e.V. zeige sich agil und zukunftsgewandt als bedeutender Kulturakteur im digitalen Wandel, heißt es in der Begründung des LWL. „Er baut seine Kooperationen zu internationalen Akteurinnen und Akteuren aus und erweitert mit neuen Spielorten auch im westfälischen Ruhrgebiet das Kulturnetzwerk des Festivals.“
In Zeiten, in denen Kulturförderung nicht nur wegen knapper Kassen, sondern auch politisch unter Druck steht, ist das ein starkes Zeichen. Markus Heuger vom WDR will da nicht zurückstehen und teilt mit, dass der WDR 3 im Juni gleich zwei dreistündige Sendungen ausstrahlt, die sich ausschließlich mit dem Festival beschäftigen – und das Samstags um 20 Uhr, zur besten Sendezeit.
Und es gibt weitere Förderer: Die Musikschule Bochum finanziert den Abend im Musikforum Ruhr, freier Eintritt inklusive. Dadurch werden auch, vornehmlich junge, neugierige Leute angelockt, die viellicht zum ersten Mal mit den avantgardistischen Klängen konfrontiert werden. Beim nächsten Mal sind sie vermutlich bereits, dafür zu zahlen. Auch deshalb ist das Festival ein Erfolgsmodell. Etliche Abende sind ausverkauft, insgesamt kann man noch einmal mehr zahlende Besucher begrüßen als im Rekordjahr 2025. Das Publikum ist entsprechend gemischt: Von Jugendlichen bis hin zu rüstigen Rentnern sind alle Altersgruppen vertreten.
Scheitern als Chance
Dass nicht alles funktionieren kann, zeigt der Abend im „Alten Wartesaal“ des Bahnhofs Herne. Der sakral anmutende Raum mit seinen hohen, gewölbten Decken und dem gewissen Vintage-Ambiente ist eigentlich der ideale Ort für musikalische Experimente digitaler Art, doch die drei Acts konnten dem allenfalls ansatzweise gerecht werden. Schon der Auftakt will nur teilweise überzeugen: Robin Moedder und Thomas Machoczek machen einerseits die Wasserknappheit, andererseits Wasser als Bedrohung durch Unwetter zum Thema ihrer multimedialen Performance. Widersprüche, die sich unfreiwillig im Auftritt fortsetzen. Bilder und Sounds laufen eher nebeneinander, anstatt sich zu vereinen. Lediglich wenn man die Augen schließt, bekommt man eine Ahnung von dem, was die beiden Künstler bewirken wollen. Die Geräusche, die sich zum Teil zu einem bedrohlichen (Klang-)Gewitter zusammenbrauen, wirken besonders dann eindrücklich, wenn man sich auf die Musik und den Surround-Sound konzentriert und nicht durch die Visuals ablenken lässt.
Die Künstlerin Farzané zeigt im Anschluss eine „Live Human-Computer Improvisation”. Das Konzert verbindet Creative Coding, Field Recordings, Live-Elektronik sowie akustische Musik, bleibt aber insgesamt eher fragmentarisch. Schließlich wird man Zeuge davon, was passieren kann, wenn die Ki ein Eigenleben entwickelt und die Künstlerin darauf nicht immer die richtigen Antworten findet.
Zum Abschluss präsentiert Molly Joyce ihre siebenteilige Suite „State Change“. In den Songtexten verarbeitet sie ihre eigene Krankenakte. Nach einem Autounfall musste sich Molly Joyce sieben Operationen unterziehen, auch um die linke Hand vor der Amputation zu retten. Die im Halbsopran vorgetragenen Textpassagen klingen verstörend: „No function / No flexor / No extensor“ oder „In the wound / Paint and glass / Flesh and bone“. Vocoder sowie weitere elektronische Effekte werden dezent aber wirkungsvoll eingesetzt. Die Suite schließt mit einer Adaption des Doors-Songs „The End“. Hier kommt ein KAiKU Music Glove zum Einsatz – ein berührungsempfindliches Instrument, das an der linken Hand getragen wird, um MIDI-Noten und Samples auszulösen. Alles in Allem ein sehr ein persönlicher und versöhnlicher Abschluss eines Abends, der ansonsten hinter den Erwartungen zurückbleibt.
Orgel im neuen Gewand
Am darauffolgenden Sonntag sind im Bochumer Musikforum Ruhr alle Augen und Ohren auf die Orgel gerichtet - ein Musikinstrument, das vor allem in der klassischen und kirchlichen Musik zu Hause ist. Insofern ist der kleine Saal der zum Konzertraum umgebauten Marienkirche das perfekte Ambiente.
Den Anfang macht das Duo gamut inc (Marion Wörle und Maciej Śledziecki) mit „Black Square“. Sie spielen zwei computergesteuerte, winddynamische Orgeln, die 2025 von Tony Decap entwickelt wurden. Die durch ein SmartValve-Luftventil gesteuerten 64 Pfeifen erzeugen berauschende Stereo-Klangfelder, Vierteltonschichtungen und mikrotonale Verschiebungen. Der Luftdruck beeinflusst dabei den Klang, die Stimmung und die Lautstärke. Musikalisch erinnert der faszienierende Auftritt an die Minimal Music von Terry Riley mit wiederkehrende Patterns, die sich im Laufe des Konzerts sowohl was Modi und Tempi angeht, permanent verschieben. Ein gelungene Auftakt.
Höhepunkt ist jedoch das Konzert des Organisten Navid Navabs. Für das Projekt „Organism: In Turbulence“ hat Navab eine jahrhundertealte Orgel des Montrealer Instrumentenbauers Casavant vor der Zerstörung bewahrt und in ein experimentelles Klangsystem verwandelt. Nach einer kurzen Einführung in die Technik und die Spielweise legt er richtig los. Navab ist ständig in Bewegung, schiebt sein Mischpult über die Bühne, haut in die imaginären Tasten, bläst in die Orgelpfeifen, macht Verrenkungen und freut sich sichtbar über die Loops, Drones, Polyrhythmen, spacigen Soundscapes und pulsierenden Patterns, die sich mitunter frei auflösen. So entsteht ein atmosphärisch überaus dichter und gleichzeitig differenzierter Vortrag, der noch lange nachhallt. Stehende Ovationen.
Zwischen diesen beiden Konzerten zeigt das Quartett Benoît and the Mandelbrots wie Musik am Computer in Echtzeit programmiert werden kann. Auf einem großen Bildschirm kann das Publikum die Live-Interaktion zwischen den Musikern beziehungsweise zwischen den Programmieren und den Computern via Quellcodes nachvollziehen und Dauer auch erkennen, dass nicht alle Befehle ausgeführt wurden. Da jede Performance einzigartig ist, gibt es keine festen Stücke, sondern kollektive Echtzeit-Prozesse, die in Techno und Ambient bis hin zu Noise und Drone enden. Der entstandene Sound mag nicht neu sein, aber das Konzept funktioniert, so dass man auch ohne intellektuellen Input eine gute Zeit hat.
Dem Team um Eckart Waage und Karl-Heinz Blomann kann man nur wünschen, dass ihnen Energie und Partner nicht ausgehen, dann gehört dem Festival die Zukunft, in jeder Hinsicht.
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