Scheinbar wurde es höchste Zeit für solch einen Ort. Der Rekorder in der Dortmunder Nordstadt entwickelt sich zur In-Location für ein grob als alternativ zu kategorisierendes Publikum. Egal ob israelischer Surf-Pop, Deutsch-Punk oder eine Lesung mit Bisley und Bernemann – über mangelnden Zuspruch kann sich die Veranstaltergruppe „Tonbande“ nicht beschweren. Nicht zum ersten Mal ging auch an diesem Abend irgendwann nichts mehr. Gut 45 Minuten nach Einlass schob das Team des Rekorders den Riegel vor. Die ehemalige Gaststätte war ausverkauft. Um den nachströmenden Menschen noch Platz zu bieten, wurden die bereits sitzenden, frühen Vögel irgendwann zum Stehen aufgefordert. Die spartanisch auf Wohnzimmer getrimmte Bühne sah sich schließlich mit einer stehenden Menschenmenge konfrontiert, die man so eher auf einem Rock-Konzert erwartet hätte. Wer den Schreib- und Performance-Stil der Autoren jedoch kennt, weiß, dass Lesungen und Rock-Konzerte sich manchmal nur noch marginal unterscheiden.
Sascha Bisley machte den Anfang. Der volltätowierte Sozialarbeiter aus Dortmund mit Hang zu Schnaps und Kippen eröffnete sein Heimspiel mit einer Anekdote aus dem Jahr 1989. Während ein paar 100 Kilometer entfernt der Mauerfall vorbereitet wurde, erprobten sich die Dorf-Kids aus dem Sauerland mit dem Konsum von halluzinogenen Pilzen, welche sie wohlwollend überdosierten. Kurze Zeit später erblickten sie neben auf Zeigefingern drapierten Luftschlangen auch die „Hebamme von Kreta“ am Firmament. Schon an dieser Stelle wurde deutlich, dass Bisley kein Mann der versteckten Botschaften ist. Was andere Autoren mit negativ belegten Adjektiven umschreiben, ist bei Bisley einfach „scheiße“. Seine rotzige, bewusst prollige, aber dennoch irgendwie liebevolle Art zu erzählen, passt zu seiner gesamten Erscheinung wie Fäuste auf Augen. Wer im Internet recherchiert, bekommt schnell die zutiefst rissige Biografie des Sascha Bisley serviert und damit auch die ein oder andere Erklärung für dessen Gesamtwerk.

Bernemann schwimmt im selben Fahrwasser, ist aber der ruhigere, mehr dem Wortspiel zugeneigte Ex-Punk mit Poetry-Slam-Vergangenheit. Der am Niederrhein geborene Wahl-Berliner erzählte von knisternden Gebäuden einer grauen Stadt mit miesgelaunten Menschen, die den Weltkrieg kommen sehen, ihn aber gekonnt mit Drogen in schicken Clubs beiseite tanzen. Den Krieg überleben will der wild gestikulierende Bernemann am liebsten zu zweit, bei Spezi und Ravioli. Dabei ist er sich seiner Einsamkeit stets bewusst. Danach wurde es derb. Während Bisley in seiner autobiografischen Kennenlernstory eimerweise Jägermeister kippte und in der Folge in unangenehm detaillierter Weise von Geschlechtstrieben, deren Befriedigung und Diarrhoe erzählte, fragten sich Teile des Publikums, ob die chauvinistischen Anflüge des Autors Provokation oder sein Frauenbild darstellen.
Nach der Pause erfreuten sich die Ohren des Publikums einer nicht ganz klischeefreien, abgewandelten Version von Max und Moritz. Bernemanns Gedicht „Max und Murat“ erzählte in acht Streichen die Biografie von immigrierten System-Verlierern, die auf Diskriminierung mit Gewalt und Gefängnissaufenthalten reagieren. Systemkritik? Check! Bisley erfreute das Publikum postwendend mit niederschwelligeren Geschichten von Durchfällen nach Besuchen in Gourmet-Tempeln und blutenden Intimpiercings, derer sich eine osmanische, medizinisch ausgebildete Version von Jean Pütz annahm. Das Publikum würgte und lachte zugleich. Mit Bernemanns Lobpreisung der menschlichen Ängste und einer Coverversion von Andreas Bouranis „Nur in meinem Kopf“, eingebettet in einen Medien-Abgesang Bisleys, endete die Lesung schließlich nach gut 120 Minuten versöhnlich unschroff.
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