Karneval, so meinte der Kulturwissenschaftler Mikhail Bakhtin einmal, sei die Zeit, in der die Ideen der Herrschenden vom einfachen Volk getestet und in ihrer Absurdität vorgeführt werden können. Wenn er damit recht hat, dürfte in Duisburg im letzten Jahr auch außerhalb der tollen Tage häufiger Karneval gewesen sein. In kaum einer anderen Stadt des Ruhrgebiets hält die morgendliche Zeitungslektüre derart viele Absurditäten parat — egal ob sich ein Bürgermeister ohne Rückhalt an sein Amt klammert oder ein millionenschweres Bauvorhaben vor sich hinrostet. Die Duisburger Narren lassen sich davon aber den Spaß nicht verderben. „Wir machen sehr wenig zur Politik”, erzählt Michael Jansen vom Hauptausschuss Duisburger Karneval (HDK). Stattdessen hält man sich an das diesjährige Motto: „Bei all der ganzen Narrenpracht, Mercator hätte mitgelacht.” Es sei zwar nicht „historisch verbürgt”, dass der Universalgelehrte eine Schwäche für die Narren gehabt hätte, so Jansen, aber im Karneval sei sowas erlaubt. Womit er Recht hat. Denn ein strenges Regiment muss während der tollen Tage dann auch eigentlich nur der Karnevalsprinz führen. Von seiner Inthronisierung Anfang Januar bis zum Aschermittwoch muss er zwischen 230 bis 250 Auftritte absolvieren – vom Altersheim bis zu den Umzügen der einzelnen Stadtteile. „Das ist ein Vollzeitjob”, meint Michael Jansen.
Karnevalsmuffel haben es in Duisburg nicht leicht
Trotz der Frohsinnigkeit wirft die Katastrophe bei der Loveparade bis heute Schatten auf den Duisburger Karneval. Der traditionelle Sturm auf das Rathaus an Weiberfastnacht musste einer Outdoor-Veranstaltung mit Bierwagen weichen, und auch der Rosenmontagszug steht seitdem unter Beobachtung. Dennoch ist er auch in der rheinischsten Stadt des Ruhrgebiets das Highlight des Karnevals. 100.000 Menschen flankieren die Straßen, um sich von den ca. 130 teilnehmenden Gruppen mit Süßigkeiten bewerfen zu lassen. Und am Abend des Rosenmontags ist dann auch schon fast alles vorbei. Am Karnevalsdienstag finden noch vereinzelt Fischessen statt, auch der eine oder andere Hoppewitz geht noch in Flammen auf. Aber es ist ein sanfter Ausklang der Feierei. Karnevalsmuffel haben es in Duisburg während der tollen Tage allerdings nicht leicht. Alternative Karnevals-Veranstaltungen wie den Geierabend in Dortmund oder den Jeisterzoch in Köln gibt es dort nicht. Stattdessen geht das Ausgehvergnügen seinen wochenendlichen Gang. Sascha Bertoncin vom Duisburger Club Djäzz meint: „Mit Karneval haben wir nichts am Hut.“ Und die Punkrocker aus der Punkeria im Duisburger Norden gehen lieber nach Oberhausen auf ein Festival, statt einen Windmühlenkampf gegen die Karnevalisten zu führen. In Duisburg muss man also mitschunkeln – oder sich zu Hause gegenseitig aus der Zeitung vorlesen.
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