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Die „Madonna“ des Künstlers Mirosław Bałka vor der Christ-König-Kirche
Foto: David Lindner

Mitleid unter Tage

06. August 2026

Die Manifesta 16 in Bochums Christ-König-Kirche – Kunst 08/26

Ihr 30-jähriges Bestehen begeht die Manifesta im Ruhrgebiet. Die künstlerisch-experimentelle Wanderbiennale präsentiert sich alle zwei Jahre in einer anderen urbanen Region Europas. Vor zwei Jahren war Barcelona der Schauplatz, im Jahr 2028 wird es das portugiesische Coimbra sein.

Die 16. Ausgabe besucht nun das Ruhrgebiet. Sie bespielt nicht – wie es naheläge – alte Zechengelände, Halden, Bergwerke oder Fabrikhallen, sondern insgesamt zwölf evangelische und katholische, leerstehende Nachkriegskirchen in Duisburg, Essen, Gelsenkirchen und Bochum. Künstlerische Installationen, Lesungen, Diskussionen und Führungen verändern die sakralen Räume und sollen Gelegenheiten für eigene Entdeckungen und Interpretationen schaffen.

Bei einer dieser „Open Walks“ genannten Führungen sieht sich eine Besuchergruppe vor der Bochumer Christ-König-Kirche der Skulptur „Madonna“ des polnischen Künstlers Mirosław Bałka gegenüber. Die menschenähnliche Skulptur ragt vor der massiven Ziegelfassade der Kirche rund drei Meter in die Höhe. Sie besteht aus Kohlestücken, glitzernd im Sonnenlicht, umschlossen von einem Stahlraster.

Wo gebetet wurde

Im kühlen Kirchenschiff erwartet die Besucher die Installation „When Animals Fall From the Sky“ der tschechischen Künstlerin Eva Koťátková. Wie tot liegen Vögel aus Stoff verstreut am Boden, dort wo sich einst Mittelgang und Bankreihen befanden. Die Vögel erinnern an überlebensgroße Tauben, Amseln oder Krähen. Regenwürmer und Motten, wiederum absurd vergrößert, sammeln sich dazwischen. Es ergibt ein skurriles, ekliges Bild. Zugleich regt sich Mitleid. Die Gruppe diskutiert, was es damit auf sich haben könnte, nennt Grubenvögel, die unter Tage benutzt wurden, um vor Kohlenmonoxid zu warnen und den Menschen, der sich die Erde untertan macht.

Abseits davon, im Seitenschiff, fragt die türkische Künstlerin Mehtap Baydu mit „The Distance Between Me and Everything Else“ danach, was einen Menschen ausmacht. Die Installation aus Polyester und Silikon soll Distanz schaffen, gegenüber der Welt und dem eigenen Körper: Eine gräuliche Hülle, offenbar menschliche Haut liegt da wie verdorrt, bedeckt den Boden wie ein Teppich oder hängt im Beichtstuhl von einer Stange herab. Die Haut ist ein Ganzkörperabdruck der Künstlerin.

Fremde Haut

Bedruckte Vorhänge spannen sich entlang des Kirchenschiffs. Der belgische Künstler Luc Tuymans interpretiert hierauf eine Szene aus Leni Riefenstahls NS-Propagandafilm „Triumph des Willens“. Der Blick fällt auf einen Häuserblock und Randbereiche einer Straßenparade, symbolisiert durch blaue Fahnen, gerahmt von dunklen Wolken und Rauch. Vom Kirchenschiff aus betrachtet, wirkt es, als stünden die Gebäude in Flammen. Von der gegenüberliegenden Empore aus lassen sich die vermeintlichen Flammenzungen als ausgestreckte Arme interpretieren. Die Gruppe diskutiert, ob das dominierende Blau auf die AfD anspielt. 

Verwandten politischen Interpretationsraum bietet auch die Arbeit der in Genf lebenden und aus Paris stammenden Künstlerin Bérénice Gaça Courtin, die sich u.a. auf textile Arbeiten konzentriert. In „Confessional of the Unnamed“ hat sie verschlüsselte Nachrichten eingewebt, in Anlehnung an ihren Großvater Kazimierz Gaca, einen polnischen Widerstandskämpfer, der im Zweiten Weltkrieg maßgeblich dazu beitrug, die Enigma-Chiffriermaschine zu entschlüsseln, die vor allem von der Wehrmacht genutzt wurde.

Verfolgte Kultur

Die Videoinstallation „Looking for Jesus“ der polnischen Künstlerin Katarzyna Kozyra setzt sich mit dem Jerusalem-Syndrom auseinander, das Schätzungen zufolge jährlich rund hundert Besucher der Altstadt Jerusalems betrifft: Sie identifizieren sich wahnhaft mit heiligen Charakteren aus dem Alten oder Neuen Testament.

Im Altarraum blicken Bärenskulpturen aus Wachs und Ruß den Besuchern entgegen. An der Wand und auf dem Altar, erheben sich wächserne Köpfe und menschliche Körper. Mit der Installation setzt sich die polnische Künstlerin Małgorzata Mirga-Tas mit der Geschichte der Roma auseinander, mit ihrer Kultur und der Diskriminierung und Verfolgung, deren Opfer sie geworden sind. Mirga-Tas ist selbst in einer Roma-Siedlung aufgewachsen und gilt als erste Roma-Künstlerin, die ein Land auf der internationalen Kunstbiennale in Venedig vertrat.

Die Installationen in der Christ-König-Kirche und elf weiteren Gotteshäusern sind ihm Rahmen der Manifesta noch bis Anfang Oktober zu besichtigen.

Manifesta 16 Ruhr | bis 04.10. | 12 Veranstaltungsorte in Bochum, Duisburg, Essen, Gelsenkirchen | Info

David Lindner

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