
Die Idee hinter dem Konzept Lesung ist einfach: Ein Autor setzt sich vor das Publikum und liest aus seinem Werk vor. Aber das ist nicht alles. Es geht vor allem darum, sich mit Gleichgesinnten zusammenzufinden, Autoren zu treffen, mit ihnen zu sprechen und unkompliziert einen spannenden Abend zu haben.
Das Les.Art Festival als dieser „Ort“ für Literatur ist inzwischen zur Institution geworden. Einmal im Jahr gewähren Autorinnen und Autoren einen Einblick in die aktuelle Literaturszene des Ruhrgebiets. Mitten im Dortmunder Kreuzviertel stellten Thomas Raab und Joachim Zelter im Literaturhaus ihre neuen Texte vor.
Um den Zustand unserer heutigen Gesellschaft und die drängenden Fragen der Gegenwart geht es beiden Autoren. Dazu versetzt Thomas Raab die Handlung in seinem Roman „Die Netzwerk-Orange“ kurzerhand ins Jahr 2025. Ähnlich einer Apfelsine besteht die namengebende „Netzwerk-Orange“ aus zwölf Teilen.
Die Welt ist völlig technisiert und statt individueller und lebendiger Figuren treten zwölf personifizierte Sinusmilieus auf, die die Netzwerk-Orange bevölkern und noch die Summe ihrer Eigenschaften sind, vermessen von Wissenschaftlern und überwacht von einem Ministerium. Aber sie werden nicht im Orwell´-schen Sinne in einem beängstigenden Überwachungsstaat bewacht. Die Menschen fühlen sich wohl in ihrer Haut, alle tun das gleiche, finden das gleiche gut und es wird niemand durch Individualität gestört. Der Wert der Person bemisst sich ganz einfach an ihrem Einkommen und ihrer Konsumfreude.
Genau das empört Raab: Der Mensch als Einzelwesen ist irrelevant geworden. Was der Mensch ist, das bestimmt die Wirtschaft und alle machen mit: „In der Welt der Netzwerk-Orange gibt es keine Bösen mehr, sondern nur noch Dumme.“ Die Technik diene dazu, die Außenwelt zu manipulieren. Während Thomas Raab liest, sucht er immer wieder den Kontakt zum Publikum. Er unterbricht, erläutert und streut immer wieder spontan Anekdoten und Ideen ein.
Seit seiner „Schule der Arbeitslosen“ für seine sozialkritische Sichtweise bekannt, packt Joachim Zelter das Thema anders an. In seinem Fokus steht der Bildungsbürger. Ein Schüler trifft seinen ehemaligen Lehrer nach über zwanzig Jahren wieder. Er hat ihn als inspirierende Person in Erinnerung, die an den Lehrer aus dem Club der toten Dichter erinnert.
Beim Wiedersehen eskaliert die Situation. Der eitle und skrupellose Lehrer demütigt seinen Schüler. Durch seine sehr betonte Art vorzulesen gelingt es Zelter allein durch seine Stimme, die Zuhörer in die Gedankenwelt des Schülers hineinzuziehen. Um die Eskalation geht es Zelter, wie er sagt, die in eine kafkaeske, immer groteskere Situation führt, an dessen Ende sich der Zögling schockiert und endgültig von seinem geistigen Vater abwendet und sich von ihm emanzipiert.
Mehr erfährt man anschließend bei Bionade, Weißwein oder Cola nebenbei, als sich die Autoren nach der Lesung ganz unkompliziert unter das Publikum mischen. Eine tragbare Zukunftsvision für die Gesellschaft bieten beide Werke nicht an: Weder die technisierte Welt, noch der eitle Bildungsbürger.
Hat Ihnen dieser Beitrag gefallen?
Als unabhängiges und kostenloses Medium ohne paywall brauchen wir die Unterstützung unserer Leserinnen und Leser. Wenn Sie unseren verantwortlichen Journalismus finanziell (einmalig oder monatlich) unterstützen möchten, klicken Sie bitte hier.

Familiengebiss und Partytoilette
Die 10. Lit.Ruhr eröffnete in Essen – Literatur 10/26
Die Grande Dame der Erotik
„Das Reine und das Unreine“ von Colette – Textwelten 10/26
Wie viel Wut ist genug?
„Honey“ von Imani Thompson – Literatur 10/26
Odyssee eines Spielzeugs
„Das Puppenhaus auf dem Schiff“ von Thomas Harding / Anna Sarfatti und Britta Teckentrup – Vorlesung 09/26
Kater mit schlitzohrigem Charme
„Fred“ von Posy Simmonds – Vorlesung 09/26
Orgasmus in der Küche
„Auf den Bildern“ von Annie Ernaux und Marc Marie – Textwelten 09/26
Mauer des Schweigens
„Eine einfache Wahrheit“ von Corinna Krenzer – Literatur 09/26
Das Unaussprechliche des Familienlebens
„Vertraute Gespenster“ von Anna Ruchat – Textwelten 08/26
Verglimmende Hoffnung
„Zündhölzer“ von Yevgenia Belorusets – Literatur 08/26
Glühender Zorn
„Das Teufelsbuch“ von Asta Olivia Nordenhof – Textwelten 07/26
Der Hungerartist
Wolfgang Welt: Lesung aus Briefen des Bochumer Schriftstellers in Düsseldorf – Literatur 07/26
Auf sich gestellt
„Wir gehen mal los“ von Raffaella Romagnolo – Literatur 07/26
Schule mit Herz und Humor
„Shrimpie und ich“ von Moni Port und Claudia Weikert – Vorlesung 06/26
Die eigene Karte als Kompass
„Ich mal mir meine Welt“ von Nicola Davies – Vorlesung 06/26
Kalter Krieg im Ruhrpott
„Weiße Westen, schwarze Nächte“ von Sabine Hofmann – Literatur 06/26
Lockendes Spiel
„Leichter Wahnsinn“ von Emy Koopman – Textwelten 06/26
Drei Farben zum Glück
„Zu Fuß“ von Michael Roher – Vorlesung 05/26
Naturforscher im Alltag
„Kinderleichte Experimente für draußen“ von Christine Sinnwell-Backes u. Timo Backes – Vorlesung 05/26
Nomen est omen
„Die Namen“ von Florence Knapp – Literatur 05/26
Haare zu lang, Röcke zu kurz
„Swinging Cologne“ von Stefan Winges – Textwelten 05/26
Meeresbewohner zum Anfassen
„Zusammenstecken und Entdecken: Meerestiere“ von Abigail Wheatley – Vorlesung 04/26
Wenn Wände Ohren haben
„Engel des Verschwindens“ von Slobodan Šnajder – Literatur 04/26
Neuer Bilderbuch-Klassiker
„Mit dem Sturm um die Wette rennen“ von Brian Floca und Sydney Smith – Vorlesung 04/26
Die Unendlichkeit erleben
„Liebe“ von Thomas Hettche – Textwelten 04/26
Beziehungen
„Du findest mich, wenn du willst“ von Lavinia Branişte – Literatur 03/26