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Peter Land, Back to square one, 2015, Silikon, menschliches Haar, Leder, Karton, © Künstler, Institut für Kulturaustausch, Tübingen
Foto: Lior Zilberstein

Mitten im Leben

01. November 2020

Hyperrealistische Skulpturen im Osthaus Museum Hagen – kunst & gut 11/20

Jeder Realismus ist wunderbar und furchtbar zugleich: Die Ausstellung „Lebensecht?“ im Osthaus Museum Hagen beginnt im Foyer mit einem riesigen Baby, noch mit der Nabelschnur, monströs und bemitleidenswert in einem. Alleiniger Gegenstand der Ausstellung ist der Mensch, höchst präzise meist mit Kunststoffen und Farbe wiedergegeben, festgehalten in seiner Intimität oder Öffentlichkeit, mit den Veränderungen des Körpers, die in unserer Hochleistungs- und Optimierungsgesellschaft verdrängt werden, also mit einem oberflächlichen und einem wahren Bild von Schönheit. Die meisten der rund 30 Skulpturen zeigen den Mensch nackt, auch in Paaren von Mann und Frau und Alt und Jung, manchmal ist er nur Büste. Mit seiner Mimik, den Posen, seiner Einzigartigkeit aber auch Abnormität – und in der Ausstellung meist ohne Sockel – fordert er zum Nähertreten auf. Wir sehen die Poren und die Haaransätze, die Rötungen, Falten und das Glänzende der Haut. So gibt es Situationen, in denen die Skulpturen zu atmen scheinen und wir instinktiv mit Empathie reagieren.

Vom Obergeschoss des Neubaus schaut Andy Warhol herab. Aus der Nähe „schrumpft“ er auf ein Normalmaß und wird hinter der Maskerade „menschlich“. Die Strategien des Hyperrealismus ähneln sich, abgesehen vom täuschend Echten: Die Dimensionen sind verändert, Körperpartien sind verzerrt, sie wirken virtuell, die Haut ist alt oder glatt oder die Körper sind deformiert. Jedoch erzählt hier jede Skulptur ihre eigene Geschichte. John de Andrea wendet sich – in seiner Zeit – dem Vietnamkrieg zu. Patricia Piccinini konfrontiert drastisch mit Genmanipulationen. Brian Booth Craig schafft hingegen eine Figur von mythologischer Schönheit. Immer wieder geht es um das Altern und um Armut, soziale Schieflagen, überhaupt eine psychische Zerbrechlichkeit und die Härte des Lebens. Und Maurizio Cattelan demonstriert Dominanz und Unterwerfung mit einem irritierenden Unterton.

Leib und Psyche

In dieser von Tayfun Belgin vorzüglich arrangierten Ausstellung, die eine Kooperation mit dem Institut für Kulturaustausch in Tübingen ist, erhält jede Skulptur ihren Raum, lebt aus sich heraus. In den Kabinetten werden die Anfänge des Hyperrealismus mit Werken von George Segal, Duane Hanson und Robert Graham vorgestellt; John de Andrea und Carole Feuerman treten in den Räumen davor auf. Es fällt auf, dass es gerade US-Amerikaner waren, die diese Kunstrichtung in den 1970er Jahren entwickelt haben. Deutsche Künstler spielen bis heute keine Rolle, aber längst ist der skulpturale Hyperrealismus in Europa angekommen, auch das zeigt die Ausstellung. Kurz beleuchtet wird die Rolle der Pop Art, die den Hyperrealismus in den USA gefördert haben mag. Vertreten ist Mel Ramos mit einem Pin-up, dessen (sexistische) Oberflächlichkeit in Hagen entlarvt wird. Eine dazu antipodische Skulptur ist der verwachsene Leib mit seinem durchschimmernden Fleisch von Berlinde De Bruyckere. Er ist ein wichtiges Beispiel für die Aktualität dieser Ausstellung: Die Künstler hinterfragen unser Menschenbild gerade in Zeiten digitaler Retuschen, der Schönheitsindustrie und ihrer Verdrängungsmechanismen.

Lebensecht? - Hyperrealistische Skulpturen | geschlossen, wieder 1.12. - 31.1. | Osthaus Museum Hagen | 02331 207 31 38

Thomas Hirsch

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