Die Mallinckrodtstraße in Dortmund wird inzwischen gern als Kulisse benutzt, wenn Fernsehsender über die neue Freizügigkeit in Europa berichten. Dort stehen tagsüber dutzende Männer mit farbbeklecksten Blaumännern und warten darauf, von Auftraggebern, die Schwarzarbeiter suchen, in ihre Transporter geladen zu werden. „Arbeiterstrich“ heißen die paar hundert Meter im Volksmund. Und diese neuen Zuwanderer, die selbst nicht wissen, wie sie ihren Lebensunterhalt bestreiten sollen, haben meist ihre Kinder mitgebracht.
Direkt an die Mallinckrodtstraße grenzt der Nordmarkt. Die Nordmarkt-Grundschule ist eine der ersten Schulen, die für die neuen Zuwandererkinder sogenannte Auffangklassen einrichtete. Von insgesamt 360 Schülerinnen und Schülern sind dort 36 in jenen speziellen Klassen untergebracht. 120 neue schulpflichtige Kinder kommen pro Monat insgesamt nach Dortmund. Die Stadt weiß kaum noch, wohin mit ihnen. Sie können natürlich kein Deutsch, meist aber nicht einmal schreiben. Viele von ihnen sind Roma und deren Kultur kennt keine Schriftsprache. Diese Kinder sind zudem schon oftmals in ihrer alten Heimat nicht gefördert worden, können nur bruchstückhaft ihre eigene Sprache sprechen. Sei es ihre Muttersprache Romanes oder die Amtssprache Rumänisch. Bei den kleinen Einwanderern aus Bulgarien sieht es nicht besser aus. Kein Wunder, allein zwei Drittel der bulgarischen Roma-Kinder mussten in ihrer Heimat gesonderte Schulen besuchen, deren Lehrer es als Strafe empfanden, sie zu unterrichten. Die Kinder, die an die Dortmunder Schulen kommen, sind mit neun oder zehn Jahren auf dem Bildungsstand Dreijähriger. Eine harte Nuss für die Lehrer. An mehr als 30 Schulen wurden bereits Auffangklassen eingerichtet, in denen den Kindern die deutsche Sprache beigebracht wird, damit sie möglichst rasch in den Regelunterricht integriert werden können. Die Schulen liegen nicht nur im Norden, mit Schulbussen werden die Kinder bereits in Einrichtungen gefahren, die auf das ganze Stadtgebiet verteilt sind.
Die Lehrerinnen und Lehrer stehen derweil in den Auffangklassen vor riesigen Problemen. Geld für Schultaschen, Stifte, Mappen und Hefte haben die Eltern der neuen Schulkinder nicht. Der Gesundheitszustand vieler Kinder ist sehr schlecht. Andererseits sind die Kinder sehr motiviert und entsprechen so gar nicht den langläufigen Vorurteilen. Manche der Kinder, die vor wenigen Jahren noch eine Auffangklasse besuchten, gehen jetzt auf das Gymnasium. Angelika Henkemann ist Lehrerin in einer Auffangklasse an der Nordmarkt-Grundschule in Dortmund. Der WAZ berichtete sie stolz, dass eine ihrer ehemaligen Schülerinnen inzwischen Jahrgangsbeste an einer Gesamtschule sei. Für die Kinder ist das Erlernen der deutschen Sprache nicht nur die einzige Möglichkeit später Fuß zu fassen, sie haben auch offensichtlich Spaß daran. Ihre Eltern haben es da deutlich schwerer. Die meisten scheitern an den einfachsten Fragen der Allgemeinbildung. Sie wie ihre Kinder auf die Grundschule zu schicken ist schlecht möglich. Also werden sie weiter an der Mallinckrodtstraße stehen und auf Arbeit hoffen.
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