Hinter den Bahnschienen und Unterführungen im Bereich des Hauptbahnhofs liegt die Dortmunder Nordstadt. Ihr Image ist schlecht: Prostitution, Drogenhandel und Probleme mit Armutszuwanderung bestimmen die Schlagzeilen der letzten Jahre. Positives wird nur selten vermeldet und wenn, wirken Straßenfeste, Gebäudesanierungsprogramme oder Bürgerinitiativen vor allem für Außenstehende wie Tropfen auf den sprichwörtlichen heißen Stein.
Dabei hat der Stadtteil viel zu bieten und großes wie vielfältiges Potential. Die Dortmunder Nordstadt ist ein junger, bunter Stadtteil mit Menschen aus 130 Nationen und einer wertvollen Bausubstanz. Mit ihren 53.000 Einwohnern und einer Bevölkerungsdichte von 36,7 Einwohnern pro Hektar als größtes, zusammenhängendes Altbaugebiet des Ruhrgebiets beherbergt sie auch viele Studenten und Kreative und lockt mit einem großen kulturellen Angebot.
Wie jeder Stadtteil ist auch die Nordstadt von ihren Anwohnern geprägt. Das Fotobuch „Wir echt Nordstadt“ will die Gesichter der Menschen und Gruppen zeigen, die die Nordstadt zu einem lebens- und liebenswerten Stadtteil machen. Da ist beispielsweise die Velo-Kitchen, eine bunt gemischte Gruppe, die sich regelmäßig zum veganen Kochen und zum Werkeln an ihren Fahrrädern trifft oder der marokkanische Lebensmittelmarkt von Gegenüber, der seine Stammkunden mit frischem Gemüse und Fisch versorgt. Die erste offiziell von der Türkei anerkannte Moschee in Deutschland, die Dortmunder Zentralmoschee, wird wie das Nordstadttheater ebenfalls im Buch thematisiert. Dies sind aber nur vier von 106 Gruppen, die der Nordstadt ihr freundliches Gesicht verleihen und ihre Vielfalt und Qualitäten repräsentieren.
Gut drei Monate Arbeitszeit haben die Journalisten Claudia Behlau, Irmine Skelnik und Alex Völkel, und die Fotografen Dietmar Wäsche und Klaus Hartmann auf die Produktion des Buchs verwendet. Eine intensive Zeit: „Der Arbeitsaufwand war enorm und höher als gedacht. Auch wir als Fotografen und Texter haben dazugelernt“, konstatiert Fotograf Dietmar Wäsche, der selbst in der Nordstadt wohnt. Doch jede Minute, die in den Bildern und portraitierenden Texten steckt, ist vor allem auch eine Wertschätzung der Menschen. Das „Wir“ des Titels lässt es schon erahnen: Das „Wir – Gefühl“ soll ebenfalls gestärkt werden. „Das Buch wirkt als Imageprojekt nach außen, hat aber auch einen positiven Effekt nach innen“, erklärt Quatiersmanagerin Jana Heger.
Das Buch bietet, gerade für Außenstehende, einen neue Perspektive, einen anderen Blick auf den problembehafteten Stadtteil. Die Gruppen selbst erfahren Anerkennung und durch die gemeinsame Teilhabe am Projekt entsteht Identifikation und Zusammenhalt und auch sie selbst lernen ihren Stadtteil durch das Projekt noch besser kennen. „Eine Imageveränderung kann nur durch die Bewohner selbst von innen nach außen getragen werden, ein reines Branding durch Dritte ist nur wenig sinnvoll“, stellt Heger klar.
Neben den Fotobüchern werden die Bilder auch auf der neuen Internetseite „Echt-Nordstadt.de“ zu sehen sein. Außerdem wird es im Oktober eine Ausstellung am Phoenix-See geben. Initiiert und betreut wurde das Projekt vom Quatiersmanagement Dortmund, finanziert vom Stadtbezirksmarketing. Die Idee für Buch und Ausstellung stammt aus Rotterdam. Das erfolgreiche Projekt „De Zuiderlingen – 155 Groepsportretten“ von 2008 zeigt das Hafenviertel der niederländischen Metropole in ähnlicher Art und Weise und hatte die Gründung eines nachbarschaftlichen Zentrums zur Folge.
Das Buch erscheint voraussichtlich im Oktober 2014.
Nähere Informationen unter www.echt-nordstadt.de/
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