Ein Gedicht muss sich nicht reimen, es muss nicht romantisch, noch nicht mal logisch sein. Beim Poetry Slam muss es vor allem eines: unterhalten. Und beim Jazz-Poetry-Slam? Da wachsen Lyrik und improvisierte Musik zu einem Gesamtkunstwerk zusammen – ohne dabei zur zähen Kulturperformance zu mutieren.
Während ein dumpfes Rauschen aus dem Saxophon hervorquillt, erklärt Moderator Sebastian 23, wie der Poetry-Slam funktioniert: drei Dichter, zwei Runden, sechs Gedichte. Passend zum Motto des Abends startet Poetry-Slammer Jason Bartsch mit einem Werk, das den charmanten Namen „Warum ich Jazz hasse“ trägt. Ganze zehn Punkte zählt er auf, warum ihm die freieste aller Musikrichtungen so an die Nieren geht. „Jazz ist nur was für reiche Leute“ und „Jazz hat die Finanzkrise ausgelöst“, stellt Bartsch als unumstößliche Wahrheiten in den Raum – Bartsch, der Meister der investigativen Poesie.
Rhythmisch, moduliert verfrachtet der Dichter seinen Hass gegen den Jazz vom Zettel ins Mikro. Die Musik nimmt das Tempo seiner Sprache auf. Gitarre und Saxophon zeigen dabei keine Ambitionen, die Töne so zu treffen, wie das an Popmusik gewöhnte Gehör es gerne hätte. In hastigen Worten phantasiert Bartsch von einem fiktiven Hauslöwen, der mit gezielten Bissen die kleinen und großen personellen Schwierigkeiten seines Lebens lösen soll – von den Zeugen Jehovas bis zu unliebsamen Jazzbands, die uns bekanntermaßen vielleicht bald schon in die nächste Wirtschaftskrise jammen könnten.
Zwischen den einzelnen Poeten spielt die Band Improvisiertes. „Könnt ihr ein bisschen etwas Nachdenkliches spielen? Aber nicht Fahrstuhlmusik. Kriegt ihr das hin?“, fragt Dichterin Sandra DaVina die Band. Es folgen sphärische Klänge und klackernde Percussion. Im weißen Minikleidchen dichtet DaVina über die Menstruation und den Tod. „Im Gegensatz zum Leben hält der Tod seine Versprechen“, streut sie eine kleine Weisheit unter ihre humorvollen Ausführungen. Für DaVina ist es der erste Slam mit einer Live-Jazz-Band. „Es ist total komisch: Man hört sich selber nicht, wenn die Band spielt“, sagt sie nach gehaltenem Vortrag. Irgendwann sei sie dann zum Brüllen übergegangen – was der Zuhörer nur als erhöhte Ereiferungsstufe wahrnehmen konnte.
DaVinas Gedanken über den Tod folgt Jan Coenens Sinnieren über das Alter – das aber bitte mit „melancholisch-lebensbejahender“ Musik, wie er von der Band fordert. Und so löst sich ein weiches, gummiartiges, düsteres Jaulen vibrierend von den Saiten der E-Gitarre. Die fast hawaiianisch anmutenden Sounds fallen nach wenigen Sekunden altersschwach zu Boden, während der Zahn der Zeit knirschend über die dicken Metallsaiten des Kontrabasses kratzt. Kurzweilig erzählt Coenen über die Symptome der in vergleichsweise jungen Jahren einsetzende Spießigkeit: „Ich bin nicht mehr Rock‘n Roll. Ich bin Tanztee, ich bin Strickjacke“, sagt er bewusst in letztere gekleidet.
Gewinner des Abends ist Jazz-Kritiker Jason Bartsch, gewählt durch den Applaus des Publikums, prämiert mit einer CD: Lyrik und Musik als Mix. Lasst die Löwen los!
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