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Erwin Heerich, unbetitelt, (2. Hälfte 1960er Jahre), Kartonplastik, 16,5 x 23 x 34 cm, © VG Bild-Kunst, Bonn 2022
Foto: Stiftung Museum Schloss Moyland/Maurice Dorren

„Er ist ganz nah am Haptischen“

06. Juni 2022

Alexander Grönert über die Erwin Heerich-Ausstellung auf Schloss Moyland – Sammlung 06/22

trailer: Wie entsteht Kunst aus Pappe?

Alexander Grönert: Bei Erwin Heerich entsteht sie mit sehr viel Präzision und mit Schere, Messer und Klebstoff.

In den 1960er Jahren war das ein ungewöhnliches Material.

Ja, das war in den 1960er Jahren in der Skulptur sicher ein ungewöhnliches Material, ist es vielleicht auch heute noch. Heerich hat immer, wenn man ihn gefragt hat, was ihn an seinen Skulpturen wichtig ist, auf seine Zeichnungen verwiesen. Er hat also gesagt, das was ich mache, das plane ich im Kopf, das arbeite ich in der Zeichnung aus und dann bin ich eigentlich fertig. Plastik dagegen, die ist dann noch etwas Zusätzliches. Ich finde es bezeichnend, dass die Plastik in seiner Schwerelosigkeit und Fragilität aus Pappe immer zurück auf das Zeichnen verweist. Wir haben in den 1960er Jahren auch die Entdeckung von Industriematerialien in und für die Kunst. Heerich nimmt sein eigenes Material – und der Karton verweist auf den Ort, wo er sich das ausdenkt und ausarbeitet.

Dr. Alexander Grönert
Foto: Klaudia Taday/Fotografie am Hofgarten, Düsseldorf
Zur Person: Dr. Alexander Grönert promovierte über italienische Barockarchitektur an der Eberhard Karls Universität Tübingen. Er arbeitete an der Bibliotheca Hertziana, am Max-Planck-Institut für Kunstgeschichte in Rom und am Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg. Seit 2009 ist er der Leiter der Sammlungsbereiche Malerei, Skulptur und Angewandte Kunst des Museums Schloss Moyland.

Gibt es in den Zeichnungen eine Welt jenseits des Millimeterpapiers?

Bei der Zeichnung geht es um Planung, etwas möglichst präzise umzusetzen und da ist das Millimeterpapier für ihn sehr, sehr wichtig. Es gibt aber auch viele Zeichnungen von ihm, die nicht auf Millimeterpapier sind. Da geht es zwar auch um Planung, da wird ein Lineal verwendet. Unsere Ausstellung kann aus dem Bestand des Museums Moyland schöpfen und da habe ich bewusst Arbeiten ausgesucht, wo er kein Millimeterpapier verwendet.

Was macht den Minimalismus von Erwin Heerich so außergewöhnlich? Seine begehbaren Skulpturen auf der Museums Insel Hombroich?

Der Minimalismus war in der zweiten Hälfte der 1960er Jahre erstmal eine amerikanische Kunstrichtung, die gegen Europa opponieren wollte, dann aber auf Europa auch ausgestrahlt hat. Insofern gibt es einen europäischen, auch einen deutschen Minimalismus und gegen den hat sich Heerich mit Händen und Füßen gewehrt, dazu wollte er nicht gezählt werden. Also keine minimalistische Kunst, aber eine sehr rational-reduzierte. Konkrete Kunst, denen steht Heerich wahrscheinlich näher, aber er ist dabei sehr individuell, auch durch die Besonderheit seiner Karton-Skulpturen. Wenn Sie die Möglichkeit haben, die Skulpturen in die Hand nehmen, die können Sie locker tragen, die sind ganz leicht. So eine schöne Kartonanmutung, das fühlt sich auch an wie Karton. Heerich hat 1972 in einem Interview mal von einer Haut gesprochen und wenn Sie diese Anmutung von Haut haben, die plastische Haut, dann merken Sie worum es ihm geht, er ist ganz nah am Haptischen.

Und das verbindet sich auch mit Emotionen?

Ja. Es gibt immer diese Momente des Unlogischen, diese Umschläge vom Rationalen ins krass Irrationale, wo man merkt, dahinter steckt menschliches Empfinden, ein ganz individueller Zugang und keine rationale Objektivität dahinter.

Was sagen uns die textilen Gemeinschaftsarbeiten mit seiner Frau Hildegard?

Die sind in der Ausstellung auch vertreten – nicht in voller Breite, aber sie gehören für mich zum Werk von Erwin Heerich dazu. Ihre Zusammenarbeit fängt früh, 1957 an, wir haben Arbeiten aus den 1960er Jahren und dann gibt es später in den 1990er Jahren eine zweite Gruppe, die wir zeigen. Ich habe mit Hildegard Heerich darüber gesprochen, in den 1960ern ist das die reine Umsetzung von Entwürfen in Textil, oft auch Auftragsarbeiten für einen Wandteppich. In den 1990er Jahren sind das sehr farbige Arbeiten, wo Hildegard Heerich tatsächlich die Stoffe ausgewählt und gekauft hat, und mit ihrem Mann zusammen die Farbauswahl festgelegt hat. Da setzt sie zwar auch seine Entwürfe um, aber viel freier und das Ergebnis sieht anders aus als alles, was man sonst von ihm kennt.

Welche Dramaturgie durchzieht die Ausstellung?

Dramaturgie bei den rationalen Arbeiten von Heerich – das ist eine gute Frage, ich weiß nicht, ob ich mich dieser Herausforderung wirklich gestellt habe. Zu Beginn habe ich gedacht, man merkt, dass das Oeuvre sehr, sehr vielschichtig ist, wenn man sich das genauer anschaut, und mich gegen die frühen Spielzeuge, die er in den 1950er und 60er Jahren gemacht hat, entschieden. Diese Sachen aus Holz werden nicht gezeigt. Wichtig bei Heerich sind die Karton-Plastiken, dafür steht er und die stehen im Zentrum der Ausstellung. Was mich zusätzlich total interessiert hat, ist dieser Übergang von der Zeichnung in den Raum. Dieses Auffalten in den Raum und in räumliche Dispositionen hinein findet nicht erst in Hombroich statt, sondern längst vorher schon. Da gibt es auch Zeichnungen dazu, die wir zeigen. Das sind die architektonischen Landschaften, wie er sie nennt, auf großen Holzplatten, aber immer mit den Kartonplastiken als Ankerpunkt.

Erwin Heerich – Plastiken, Zeichnungen, Grafische Serien | 25.6.–16.10. | Museum Schloss Moyland | 02824 95 10 60

Interview: Peter Ortmann

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