Nore (Dana Herfurth) lebt ruhelos. Nachts angelt sich die junge Schneiderin in adrett genähtem Kostüm im Club One Night Stands. Rein, raus, aus. Nichts bleibt. „Ich ficke viel, ich ficke gern.“ Dann begegnet sie der naiven Jonna, die Nore bei sich aufnimmt. Beginn einer Reise in die düstere Vergangenheit. Immer diffiziler beschäftigt sich das Gegenwartskino mit sexueller Gewalt. In diesem Monat betrachten die sehr empfehlenswerten „Sorry, Baby“ und „Smalltown Girl“ das Leben zweier Frauen nach dem Missbrauch. „Smalltown Girl“ wird getragen von einer starken Dana Herfurth. Und es schnürt einem nach und nach die Kehle zu. Nicht bloß mit der Gewalt, dem Schmerz des Opfers und Nores vermeintlich unangepassten Opfergebaren. Auch, weil es Täter in aller Erbärmlichkeit bloßstellt.
Im alten botanischen Garten der hessischen Universitätsstadt Marburg steht seit über hundert Jahren ein Ginkgobaum. Die Zeit scheint stehen geblieben an diesem Ort. Menschen schlendern durch den Park, begegnen dem Ginkgo. Unbewusst. Bewusst. In dem Drama „Silent Friend“ von Ildikó Enyedi („Körper und Seele“) bildet der Baum den Dreh- und Angelpunkt dreier Menschen aus drei Epochen. 1908 wird Grete (Luna Wedler) als erste Studentin an der Universität aufgenommen und stößt überall auf Herablassung. Rund um den Ginkgobaum sucht sie Halt. 1972 findet der ländlich verwurzelte Student Hannes (Enzo Brumm) keinen Anschluss im Kreise der Kommiliton:innen, stattdessen entdeckt er die Flora für sich. 2020 untersucht der Neurowissenschaftler Tony (Tony Leung Chiu-wai) aus Hongkong Pflanzen auf Hirnströme. Der Ginkgobaum wird Proband seiner Forschung. Drei Forscher:innen, die dem Baum begegnen, sein Wesen ergründen, sich mit ihm verbinden. Ildikó Enyedi entfaltet ein sinnlich mäanderndes, meditatives Drama über Mensch, Natur, Einsamkeit und Selbstfindung, das wundersam erdet, anregt und berührt.
Kein Wunder, dass sich jetzt der Film auf Deutschlands meistgespieltes Theaterstück „Extrawurst“ der beiden Kölner Autoren Dietmar Jacobs und Moritz Netenjakob (u.a. „Stromberg“) stürzt. Regisseur Marcus H. Rosenmüller schickt mit feinem Gespür für Pointen-Timing die Crème de la Crème der deutschen Kino- und TV-Stars von Hape Kerkeling über Christoph Maria Herbst bis hin zu Fahri Yardım und Gaby Dohm in den satirischen Kampf gegen Alltagsrassismus, religiöse Vorurteile und sektiererischen Veganismus: Dürfen sich Schweinswurst und Lammkotelett auf demselben Grill bräunen? Oder hat das einzige muslimische Mitglied des Vereins das Recht auf einen eigenen Grill? Egal: Der „Sieger“ dieser launigen Komödie ist auf jeden Fall Hape Kerkeling, der wieder einmal beweist, dass er Deutschlands bester Film-Clown ist!
Außerdem neu in den Ruhr-Kinos: das beklemmende Drama „Aisha Can‘t Fly Away“ von Morad Mostafa, die höchst vitale Verwandlungsgeschichte „Madame Kika“ von Alexe Poukine, das Thrillerdrama „Mother’s Baby“ von Johanna Moder, die satirische Wohnzimmerabrechnung „Home Entertainment“ von Dietrich Brüggemann, der böse Gesellschaftskrimi „The Housemaid – Wenn sie wüsste“ von Paul Feig und der neueste Zombie-Streich „28 Years Later: The Bone Temple“ von Nia DaCosta.
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