
Kleine wahre Lügen
F 2010, Laufzeit: 154 Min., FSK 12
Regie: Guillaume Canet
Darsteller: François Cluzet, Marion Cotillard, Benoît Magimel, Gilles Lellouche, Jean Dujardin, Laurent Lafitte, Valérie Bonneton
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Ensemblefilm
Emotionales Wellensurfen
„Kleine wahre Lügen“ von Guillaume Canet
Am frühen Morgen rast Ludo nach durchzechter Nacht mit seiner Vespa in einen Lastwagen. Er landet auf der Intensivstation. Seine Freunde, allen voran seine Ex-Freundin Marie, sind geschockt. Gleich am nächsten Morgen versammeln sie sich alle im Krankenhaus. Viel können sie zur Zeit für Ludo aber nicht tun, und so spricht wenig dagegen, den anstehenden gemeinsamen Urlaub anzutreten. Außerdem hat es Tradition: Seit Jahren lädt Max, der Älteste und finanziell Erfolgreichste unter ihnen, seine Freunde in sein Feriendomizil an der Atlantikküste ein: die beziehungsunfähige Marie, den von seiner Ehe gelangweilten Chiropraktiker Vincent mit Frau und Kind, den seiner letzten Liebe nachtrauernden Antoine und den gescheiterten Schauspieler Éric. Max ist Restaurantbesitzer und hat bei Arcachon ein hübsches Anwesen. Doch in diesem Jahr lässt er nicht nur wie sonst auch seinen Erfolg raushängen, er ist außerordentlich reizbar. Das liegt daran, dass ihm sein langjähriger Freund Vincent kurz zuvor seine Liebe gestanden hat. Damit kann er nun gar nicht umgehen. Vor allem Max tigert dann auch zur Überraschung aller im ewigen Streit mit seinem besten Freund Vincent als Nervenbündel durch den Film: mal mäht er zum Entsetzen seiner Frau in aller Frühe den Rasen, mal maßregelt er eines der Kinder unverhältnismäßig. Und permanent macht er Jagd auf Nager und zerlegt wie ein Tollwütiger die Wände des Ferienhauses.
Regisseur Guillaume Canet hat sich viel vorgenommen: Sein autobiografisch gefärbter Cliquenfilm ist zwar ungewöhnliche 154 Minuten lang, für das Porträt von knapp ein Dutzend Protagonisten kann aber auch das noch kurz sein. Langeweile kommt indes nie auf in diesem lockeren Sommerfilm, der ebenso oft komödiantisch auftrumpft wie er in dramatische Regionen abtaucht. Inspiriert von seiner eigenen Lebenskrise mit Mitte 30, hat Canet all seine Beobachtungen über Lebenslügen, Egoismus und Marotten auf die Figuren verteilt, die sich damit gegenseitig in den Wahnsinn treiben – das aber ganz langsam und subtil. „Kleine wahre Lügen“ ist als spritzige Sommerkomödie inszeniert: Wasserski und Bootstouren wechseln sich mit Austernessen und gemütlichen Grillabenden ab. Doch immer, wenn man sich zu wohl fühlt, kommen zwischenmenschliche Krisen ins Spiel. Eine Trennung hier, eine Midlife Crisis dort, ein Ausraster am Morgen, ein folgenreiches Geständnis am Abend. Dabei hebt der prominent besetzte Film (Marion Cotillard, Franois Cluzet u.a.) nie zu sehr aufs Drama ab, bleibt immer geerdet und hält die Balance zwischen Freud und Leid.
Auch wenn Canet am Ende etwas zu deutlich wird und eine der Figuren sehr als positives Gegenbild aufbaut, damit es bei den Urlaubern wie beim Zuschauer Klick macht (zumindest beim Zuschauer hat es das zu dem Zeitpunkt schon längst gemacht), ist der Film auf weiten Strecken nicht nur ein nachvollziehbares Psychogramm, sondern vor allem ein stets unterhaltsames Porträt seines Figurenarsenals, bei dem sich Freude und Schrecken permanent die Hand reichen.
(Christian Meyer)

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