
A Useful Ghost
Thailand, Frankreich, Singapur, Deutschland 2025, Laufzeit: 136 Min., FSK 16
Regie: Ratchapoom Boonbunchachoke
Darsteller: Mai Davika Hoorne, Witsarut Himmarat, Apasiri Nitibhon
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Phantastisches satirisches Geisterdrama
Frieden finden
„A Useful Ghost“ von Ratchapoom Boonbunchachoke
Mehr als zwei Drittel der Thailändischen Bevölkerung glauben an Geister. Ein Glaube, der vielen abgehängten Menschen den Funken Hoffnung erhält. Hoffnung womöglich auf das Quäntchen Vitamin B aus dem Geisterreich. Zugleich sind Geister Glücksversprechen für die, denen es gut geht – bis hinauf zum Premierminister, der sich mit goldenen Amuletten vor dem Bösen zu schützen meint. Geister sind traditionell verwurzelt in Thailand, über Ritual, Pilgerstätte, Amulett und natürlich in der Fiktion. Grundsätzlich nimmt der Geist unter den vielen phantastischen Gestalten in Literatur und Film eine Sonderstellung ein, denn: Der Geist ist einer wie du und ich – weil er einst einer von uns war. Das macht ihn mal besonders vertraulich, mal besonders bedrohlich. Denn mit den Geistern ist es wie mit den Menschen: Es gibt gute, andere meinen es böse.
Nat (Davika Hoorne) ist eine, die es gut meint: Die Gattin von March (Witsarut Himmarat) stirbt an Staubverschmutzung und kehrt als freundlicher Geist zurück – im Körper eines Staubsaugers. Während sich March rasch dankbar arrangiert, zeigt sich seine Familie – „Hör auf, mit dem Ding rumzumachen!“ – entgeistert und setzt alles daran, das seltsam beseelte Haushaltsgerät loszuwerden. Unterstützt wird die Sippe von einer skurrilen Gruppe buddhistischer Mönche. Andernorts macht der Geist eines verstorbenen Fabrikarbeiters seine Firma für seinen Tod verantwortlich und sorgt für ordentlich Chaos im Betrieb. Und ein Minister mit dunkler Vergangenheit wird von Verdrängtem unsanft heimgesucht.
Getrieben von Liebe und Rachsucht, mal freundlich, mal tödlich – die Geister, die Ratchapoom Boonbunchachoke ruft, sind vielschichtig gezeichnet. Vielschichtig ist auch das Drama, das der thailändische Regisseur mit chinesischen Wurzeln hier in seinem Spielfilmdebüt auf die Leinwand wirft. Augenzwinkernd, fantasievoll und spielerisch seziert er den Geisterglauben seiner Heimat, führt mal munter, mal bedrohlich aus, was Geister mit Menschen machen – und Menschen mit Geistern. Schmerzhaft ist der Blick Boonbunchachokes auf die Gesellschaft, die er wenig empathisch zeichnet. Macht fußt auf Ausbeutung, die nicht einmal die Geister verschont. Das Volk dient dem Zweck, störende Erinnerung gehört verdrängt, verklärt, ausgelöscht. Doch Geister sind Erinnerung: Sie sind da, so heißt es hier, weil sie sich erinnern – und weil wir uns erinnern.
Boonbunchachoke ist ein scharfer Beobachter, seine Tonalität reicht von poetisch bis subversiv, von überdreht satirisch bis tief traurig – und doch inszeniert er souverän aus einem Guss. Der Regisseur haut viel raus, so wie es sich für ein Debüt gehört. Doch er weiß, und hier scheitern gern andere Debüts, alles in richtige Bahnen zu lenken. Boonbunchachoke ist gleichermaßen beeinflusst von seiner thailändischen Kultur und dem europäischen Kino, vermengt Tradition mit Pop- und queerer Kultur. „A Useful Ghost“ ist Komödie und Tragödie, politisches Drama und Gesellschaftssatire. Anmut, Poesie und Traurigkeit eines „A Ghost Story“ treffen auf den kindlichen Witz von „Toy Story“ & Co. Zugleich reiht sich der Filmemacher auf Augenhöhe ein in die Gesellschaftskritik des zeitgenössischen asiatischen Kinos („Parasite“, „No Other Choice“).
„A Useful Ghost“ ist ein starkes Debüt und in vielerlei Hinsicht geistreich. Ratchapoom Boonbunchachoke (merken Sie sich diesen Namen!) ist ein Weltenwanderer. Im Hinblick auf Menschen und Geister ebenso wie als Filmemacher, der von den eigenen kulturellen Wurzeln ebenso inspiriert ist wie von europäischen Surrealisten. „Kino“, sagt Boonbunchachoke, „eignet sich ideal dafür, Geistern eine Form zu geben und sie zum Leben erwachen zu lassen.“ Und wenn dramatisches Arm-Reich-Gefälle, sozialer Druck und autoritäre Regierung in Thailand den Glauben an Geister nähren, sollten sich auch hierzulande schon bald die Leinwände verstärkt den Geistern öffnen. Dem deutschen Film wär’s durchaus zu wünschen. „In die Sonne schauen“ hat bereits einen zarten Anfang gemacht.

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