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„Bloghouse“-Lesung mit Elke Wittich und Stefan Laurin
Foto: Benjamin Trilling

Chillende Dissidenten

20. März 2016

„Bloghouse“-Lesung mit Stefan Laurin am 19.3. im Schauspiel Dortmund – Literatur 03/16

„Sich fügen heißt lügen“, hat der Anarchist Erich Mühsam mal geschrieben. In der neoliberalen Leistungsgesellschaft geht das allerdings schnell: Prekäre Arbeitsverhältnisse, Regelstudienzeit, Turboabi und andere Zumutungen. Selig sind die, die einfach mal episch chillen und sich die Kante geben. Oder wie es Stefan Laurins Journalistenkollege, Jörn Schulz von der Jungle World formulierte: „Lieber süchtig als tüchtig“. Diesen hedonistischen Aphorismus greift Stefan Laurin in seinem Text auf, der bereits im Kulturmagazin des Westens erschien und den er auch an diesem Abend im Institut des Schauspiels Dortmund liest.

Denn zusammen mit den Ruhrbaronen ließ man nach fast zwei Jahren im Dortmunder Theater die Reihe „Bloghouse“ wieder aufleben, in der neben Laurin auch die Jungle World-Mitgründerin Elke Wittich Texte vortrug. Genug Raum also für politische und weniger politische Reflexionen über unsere Zeit. Beim Ruhrbarone-Herausgeber war es unter anderem diese, wie er es ausdrückte, Rückkehr des Kapitalismus im 21 Jahrhundert zu seinen puritanischen Wurzeln.

 

Die pointierte Rettung sieht der Blogger im Proletarier von heute. Denn der neue Kapitalismus verordnet Rauchverbote in Kneipen, Entkoffeiniertes, Entalkoholisiertes und andere Grausamkeiten. Der Kapitalist von heute ist weniger der Fette mit der fetten Zigarre, sondern der Gesunde mit der gesunden Ernährung. Der Veganismus kündigt sich dem Dialektiker Laurin schon im besten Adorno-Duktus als düsteres Vorzeichen an: „Die Wurst ist die Zigarette der Zukunft.“ Nur der Proletarier scheißt beharrlich auf Fitnessstudio und Diätetik. Was bleibt einem auch anderes übrig. „Alles, was es heute zu ächten gibt, wird der Arbeiterklasse zugeschrieben“, sagt Laurin. Als Beleg sieht er etwa Kai Twilfers Prekariat-Satire „Schantall, tu ma die Omma winken! Aus dem Alltag eines unerschrockenen Sozialarbeiters“, in der ein Sozialarbeiter vermeintliche Stereotype einer abgehängten Unterschicht auf die Schippe nimmt: Sie saufen, ficken sich durch die Weltgeschichte und verschulden sich. „Die Welt der Arbeiterklasse ist darin ein Schaden, der aus der Welt gehört“, so Laurin. „Eigentlich der richtige Moment zu sagen, ich bin Arbeiter und ich bin stolz darauf.“

 

Umso passender, dass Elke Wittich im Anschluss gegen „die Frühaufsteherdiktatur“ agitiert. Für Spätaufsteher ist dieses System natürlich eine Hölle: „In Zeiten, in denen wir aktiv sind, ist nichts los“, so Wittich. Geschlossene Ämter, Ladenschluss im Supermarkt und die U-Bahn fährt auch nicht mehr: „Wir sind diejenigen, die das Taxigewerbe aufrecht erhalten.“ Ihr Spätaufsteher-Manifest sieht Maßnahmen dagegen vor, so heißt es unter anderem im Paragraph 5: „Ausschlafen ist Menschenrecht“. Vielmehr braucht es nicht: „Auf die Revolution sollten wir nicht hoffen“, verkündet sie. „Warum? Weil wir auch sie verschlafen.“

Elke Wittich und Stefan Laurin zeigen in der Neuauflage der Leserunde „Bloghouse“, wie gemütlich Dissidententum sein kann: Schöne dialektische Blüten gegen die raue und triste Leistungsgesellschaft. Chillen als subversives Schlupfloch im Neoliberalismus. Hoch leben die tüchtigen Faulenzer!

Benjamin Trilling

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