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Batsheva Dance Company
Foto: Yoav Alon

Bitter und schön zugleich

26. Juni 2019

Die Batsheva Dance Company aus Tel Aviv zu Gast in Köln – Tanz am Rhein 07/19

Der Vorhang geht auf und sofort gleitet der Blick über die muskulösen Rücken der Tänzer und die zarten Schultern der Tänzerinnen. Ganz nah sind die Körper der Künstler dem Publikum. Fast wie ein Schock wirkt die Eröffnungssequenz von „Venezuela“, der neuen Produktion der Batsheva Dance Company, mit der sie im Depot des Schauspiels in Köln gastierte. Die eng beieinander stehende Gruppe löst sich auf, später findet sie sich wieder zusammen – es ist ein unaufhörliches Pulsieren, das sich da auf der Bühne ereignet. Wobei Choreograf Ohad Naharin die gesamte Breite der Bühne bespielen lässt, ohne Kulissen, Farben oder Kostüme bemühen zu müssen, wird hier großes Kino geboten. Mehr als die schwarzen Kleider, Hosen und eine geniale Lichtführung braucht es nicht, um die Erotik zwischen Männern und Frauen zu entfesseln. Eine der faszinierendsten Übungen der Tanzkunst vollbringt das Ensemble aus Tel Aviv, indem es zwar immer als Gruppe agiert, dabei jedoch die persönliche Ausstrahlung jedes Tänzers und jeder Tänzerin im Verbund noch deutlicher zum Ausdruck zu verbringen mag, als es ein Solo vermag. Jedes getanzte Thema wird zur kollektiven Angelegenheit. Wenn die Frauen wie Elefantenbändigerinnen auf den Männern reiten oder sie gleich Hunden auf allen Vieren neben sich über die Bühne führen, wird Dominanz als Phänomen menschlicher Beziehung ausgestellt.

Dem Rhythmus des Ensembles folgt man gleich einem Sog, dem sich die Zuschauer kaum entziehen können. Erzeugt wird er durch eine Tanztechnik, die Ohad Naharin über Jahre entwickelte. Die Company wurde 1964 von der Baroness Betshabée (Batsheva) de Rothschild in Tel Aviv in Zusammenarbeit mit Martha Graham, der Ikone des Modern Dance, gegründet. 1990 übernahm Ohad Naharin die Truppe und prägt seither die Ästhetik der Company. Die Aktionen der Tanzenden scheinen organisch zu fließen, sie folgen jedoch nicht einfach der Logik der Bewegung, sondern dem emotionalen Impuls. Hier begegnen sich nicht perfekt trainierte Tänzer, sondern Personen. Die Abkehr vom Drill hin zur menschlichen Beziehung gibt den Tanzenden eine große Sicherheit und der Choreografie eine Extraportion Energie und Entschlossenheit. Jede Geste besitzt Nachdruck, bleibt unmissverständlich gemeint.

So wird die Ästhetik der Israelis zum Thema der Produktion, die nicht auf eine Handlung angelegt ist. Die Dramaturgie einer Geschichte verweigert das Ensemble, indem es die Choreografie nach der Hälfte des Abends wiederholt. Alles, was man in „Venezuela“ an Chaos, Gewalt, Sex und Zerstörung gesehen hat, setzt Naharin dem Publikum noch einmal vor. Nur die Tanzenden wechseln und die Musik transferiert das Spiel in der Zeit. Hört man im ersten Durchgang Gregorianische Choräle, wird das Stück nun mit Popsongs unterlegt. Sieht man die Choreografie ein zweites Mal verliert sich die Tragik ihrer Gesten, dafür rückt die resignierende Erkenntnis in den Vordergrund, dass sich Chaos und Gewalt wiederholen, solange es Menschen gibt. Kein Fortschritt, ein bitteres aber realistisches Ergebnis und ein mutiger inhaltlicher Zuschnitt, der sich einer Schönheit der Gesten bedient, die Weltklasse darstellen.

Thomas Linden

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