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Sänger Kai Wingenfelder im Dialog mit dem Publikum
Foto: Petra Vesper

Die Konsensband am Kanal

06. August 2026

Fury in the Slaughterhouse in Gelsenkirchen – Musik 08/26

Erinnert sich noch jemand, dass Fury in the Slaughterhouse im Jahr 2008 eine große Abschiedstour gaben? Unter anderem in der Bochumer Jahrhunderthalle, die viel zu selten Schauplatz für Rock-Konzerte ist, verabschiedete sich eine überaus erfolgreiche Band damals fulminant von ihren Fans. Fast zehn Jahre dauerte die Pause – abgesehen von kurzen Lebenszeichen zu besonderen Anlässen. Was dann 2017 zum 30-jährigen Bandjubiläum startete, hätte ein kurzes nostalgisches Aufflackern sein können – doch offenbar bereitete der Band nicht nur das Spielen der alten Hits wieder große Freude, sondern es gab auch wieder Inspiration für neue Songs. Corona bremste das Comeback ein wenig aus, doch mittlerweile haben die Hannoveraner bereits ihr drittes Album seit 2021 veröffentlicht. „Changes“ lautet der Titel und mehr als nur einmal handeln die Texte von Veränderungen, von Sehnsüchten und, ja, auch vom Älterwerden. Fury erfinden sich mit diesem Album nicht neu, führen aber kontinuierlich fort, was sie seit ihrer Rückkehr mit „Now“ und „Hope“ begonnen haben: Sie bringen den typischen Fury-Sound in die heutige Zeit und knüpfen scheinbar mühelos an die alten Erfolge an.

Auf der Bühne des bis auf den allerletzten Platz gefüllten Amphitheaters Gelsenkirchen verspricht Sänger Kai Wingenfelder eine Dreiteilung des Sets: jeweils acht Songs in einer der folgenden Kategorien stünden auf der Setlist: 1. Songs vom neuen Album, 2. Songs, die Fans hören wollen und 3. Songs, die die Band spielen will, egal ob die Fans sie hören wollen. Und mal ehrlich: Es gibt vermutlich keine Songs der dritten Kategorie, bei denen jemand aus Langeweile zum Bierstand gegangen wäre – und der größte Teil der Kategorie 1 könnte sich in den nächsten Jahren zur Kategorie 2 weiterentwickeln.

6.000 feiern neun Leben

Das Set beginnt mit dem Titelsong des neuen Albums, leise Töne, die sich in bewährter Form zum Mitsingrefrain steigern. Mit dem ebenfalls neuen „9 Lives“ forcieren die Furys das Tempo. Schon beim dritten Song, „Milk and Honey“ aus dem Jahr 1995, mischt sich Kai Wingenfelder ins Publikum und macht das über 6.000 Personen fassende Amphitheater gefühlt zum Club. Mit „Radio Orchid“ kommt einer der großen Hits aus den Neunzigern schon recht früh, diesmal erklimmt Wingenfelder sogar die Ränge.

„Lost and found“ klingt teilweise wie einer der guten Depeche Mode-Songs mit einem an INXS erinnernden Riff im Mittelteil. Er ragt etwas aus dem Fury-Sound heraus, fügt sich aber überraschend gut ins Live-Set ein. Dem ebenfalls neuen „Sorrowland“ verpassen die Furys an diesem Abend ein akustisches Gewand - der Song gewinnt durchaus. Selbstverständlich stehen auch „Every Generation Got It’s Own Desease“ und „Won’t Forget These Days“ auf dem Programm. Die Band ist bestens aufgelegt – auch wenn Wingenfelder öfter den kurzen Steg ins Publikum nutzt, stellt er sich nie aufdringlich in den Mittelpunkt. Christof Stein-Schneider, der seinen orangenen Anzug auf das Album-Cover abgestimmt zu haben scheint und sich wie immer durch den Abend kalauert, kann nicht verhehlen, dass er sein Instrument bestens beherrscht. Vielleicht hätte es mal ein Gitarrensolo mehr sein dürfen.

Der Konsens funktioniert

In einer der Ansagen erzählt Gitarrist Thorsten Wingenfelder, wie die Band in frühen Zeiten einmal anlässlich einer USA-Tour im Focus vorgestellt wurde – unter dem Titel „Konsensband“. Damals als Beleidigung empfunden, sieht man diese Einordnung mittlerweile positiv: Wenn man als „Konsensband“ an einer so tollen Location feiern und Tausende zum Mitsingen bewegen kann, ist Konsens doch nicht das Schlechteste. Die Security hat denn auch an diesem Abend kaum mehr zu tun, als die Fluchtwege freizuhalten; selbst die langen Schlangen vor den Getränkeständen und Toiletten nehmen die Fans weitgehend lächelnd hin.

Mit dem folkigen „Years of Thunder” erinnern Fury daran, dass sie einst als Toursupport der Pogues gebucht worden sind. Ein bierselig treibender Reel, der in der ersten Zugabe zum legendären „Time to Wonder“ hinleitet. Und mit der Ballade „Sister Moon“ hat es tatsächlich ein Titel der neuen Platte geschafft, den Schlusspunkt der Setlist zu setzen. Eine wunderschöne Melodie, die die Fans in die immer noch warme Sommernacht begleitet.

Frank Schorneck

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