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Stefan Blunier
Foto: Paul Epp

„Ein definitiv unterschätztes Orchester“

29. August 2026

Duisburger Philharmoniker: Der neue künstlerische Leiter Stefan Blunier über seine Ziele – Interview 09/26

trailer: Herr Blunier, was lockt einen Dirigenten, der schon vier Mal als Chefdirigent Orchester leitete, nach Duisburg?

Stefan Blunier: Ich war viele Male hier und es war stets eine glückliche und freudige Begegnung. Das ist nicht selbstverständlich. Ich bin mittlerweile in einem Alter, in dem ich allergisch auf Orchester reagiere, die keine große Lust haben und nur ihr Geschäft abwickeln. Das ist bei den Duisburgern ganz anders. Sie sind ein definitiv unterschätztes Orchester und müssen sich immer wieder neu beweisen. Das setzt Kräfte frei. Bei ihnen brennt ein Feuer und sie sind stets gut vorbereitet. Es ist ein bisschen wie beim Fußball: Mannschaften, die ihren Platz nicht so sicher haben, spielen mit entschiedenerem Einsatz.

Den Duisburger Philharmonikern wird hohe Flexibilität und stilistische Wandlungsfähigkeit nachgesagt.

Sie sind gut in Form und haben tolle solistische Leistungsträger. Weil sie auch Oper spielen, sind sie flexibel, denn ein reines Konzertorchester ist kaum in der Lage, die spontanen Zeichen eines Dirigenten umzusetzen. Ein Theaterorchester ist fähig, auf Unvorhergesehenes zu reagieren. So ein Orchester mit zwei Dimensionen wollte ich immer leiten.

Ein Orchester mit zwei Dimensionen“

Sie sind als freischaffender Künstler in der ganzen Welt unterwegs und könnten ihre Existenz mit Gastieren bestreiten. Was reizt Sie, jetzt wieder ein festes Orchester zu übernehmen?

Ein bisschen ist das so: Man möchte immer das haben, was man gerade nicht hat. Der Traum vom Freelancer ist nur halb so spannend: Man wird meistens für ganz bestimmte Programme angefragt, aber den Mahler-Zyklus, den macht dannder Chefdirigent des Orchesters. Ich liebe auch das kontinuierliche Arbeiten. Es geht mir um den Prozess einer langjährigen, wachsenden Detailarbeit, und um das längerfristige Umsetzen von Ideen.

Die Duisburger Philharmoniker sind ein gut aufgestelltes Orchester. Was wollen Sie mit ihnen in den nächsten Jahren erreichen?

Also, Basisarbeit wartet hier nicht auf mich. Wir haben zum Beispiel wunderbare Holzbläser. In der Vierten Sinfonie von Carl Nielsen in einem der letzten Konzerte hat sich das atemberaubend gezeigt. Ich kenne wenige Orchester, die das so blitzblank spielen. Vielleicht könnte man die Ausdrucksextreme noch befeuern, aber dann ist es wichtig, die Balance und Klangqualität zu kontrollieren. Ich möchte so etwas wieeine kontrollierte Unkontrolliertheit haben, eine Bewegung auf Messers Schneide. Mir geht’s auch darum, Ausdrucksweisen auszureizen oder die Pianissimo-Kultur noch mehr zu fördern. Das erreicht man nur mit kontinuierlicher Arbeit, nicht als Gast.

Das erreicht man nur mit kontinuierlicher Arbeit, nicht als Gast“

Diese „kontrollierte Unkontrolliertheit“ wird bei Ihrem Einstandskonzert am 14. und 15. Oktober bei den ekstatischen und bizarren Momenten in Gustav Mahlers Siebter Sinfonie gefordert sein.

Ja, absolut. Ich mag auch im Leben krasse Situationen. Ich liebe das Abgründige, aber im Gegenzug auch übersteigerte Schönheit, die hierzulande gern als Kitsch abgetan wird. In der Schweiz, wo ich herkomme, ist das Wort nicht so negativ behaftet. Wenn etwas wahnsinnig schön ist, sagt man: Ah, das ist ein herrlicher Kitsch. Das gibt es, im positiven Sinn, bei Mahler auch. Mich reizt es, diese bis an die Schmerzgrenze schöne Musik zu dirigieren. Musik hat etwas Spielerisches – sie kann ein schönes und ein schreckliches Spiel sein. Deswegen schätze ich auch Programme, die leichte Muse zur Geltung bringen, und welche mit bösen, harten Klängen. Ich brauche schon immer alles!

Stichwort Bruckner: Sie wollen einen Sinfoniezyklus beginnen und bieten damit einen spannenden Vergleich zu ihrem jungen Kollegen Aurel Dawidiuk, der sich in Bochum ebenfalls mit Bruckner befassen wird. Wie werden Sie Bruckner lesen? Eher analytisch oder eher klangsinnig?

Das eine schließt das andere nicht aus, würde ich sagen. Bruckner schreibt dynamisch sehr genau hin, was er gerne hätte. Da muss es ab und zu den Bombast geben, aber dann auch das zauberhaft Leichte. Mich reizt bei ihm auch das Erhabene. Schon mit Fünfzehn war mein Lieblingsstück die Neunte von Bruckner. Für mich ist Bruckner ein wichtiger Komponist, eigenständig, mit einer klaren Tonsprache, die sonst niemand mehr geschafft hat. Übrigens hat sich das Orchester ebenfalls Bruckner gewünscht. In den Konzerten kombiniere ich die Sinfonien immer mit österreichischen Stücken, das sorgt für Abwechslung: Neben die Siebte etwa habe ich Johann Nepomuk Hummels Fagottkonzert gestellt. Neben Bruckner liebe ich Joseph Haydn über alles. Alle seine 104 Sinfonien zu dirigieren ist so eine Art Lebensprojekt von mir. Denn in jeder Sinfonie steckt eine Idee und ein Experiment, viel Humor und mancher Schabernack.

Ich mag auch im Leben krasse Situationen

Sie sind bekannt dafür, sich mit Hingabe und Leidenschaft Komponisten zu widmen, die weniger bekannt sind. Als GMD in Bonn haben Sie Opern von Franz Schreker, Max von Schillings und Eugen d’Albert dirigiert. Werden Sie das Repertoire zwischen Spätromantik und Moderne auch in Duisburg pflegen?

Das wird kommen. Aber in der Sinfonik gibt es nicht ganz so viele Möglichkeiten wie in der Oper. Bei Schreker gibt es nicht viel mehr als zwei, drei Werke, die in Frage kommen, wie etwa das „Vorspiel zu einer großen Oper“ von 1933.

Sie mögen die sogenannte leichte Muse. Werden Sie auch auf dieses Repertoire schauen?

Ein Traum von mir wäre, einmal die „Tänzerische Suite“ von Eduard Künneke zu bringen, ein wunderbares Stück. Vor allem schätze ich die „Silberne“ Ära der Operette, Paul Abraham, Oscar Straus oder Mischa Spoliansky. Für eine fesche Neujahrsgala oder ein Konzert im Park wäre das genau richtig.

Lied der Nacht | 14. und 15.10 19.30 Uhr | Philharmonie Mercatorhalle, Duisburg | Info: 0203 283 62 100

Interview: Werner Häußner

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