Vor ein paar Jahren, ich weiß es nicht mehr so genau, machte sich der stets unzeitgemäß moderne Peter Sloterdijk einmal sehr unbeliebt, als er den Vorschlag unterbreitete, der Sozialstaat sei im Grunde genommen überholt und ungerecht, man müsse stattdessen zu einer Gesellschaftsform finden, die sich durch freiwilliges Spenden der Wohlhabenden auszeichnen würde. Das Geschrei war groß und bis heute hat eigentlich niemand so richtig verstanden, was Sloterdijk eigentlich sagen wollte – was nicht die Möglichkeit ausschließt, dass er richtig lag. Aber gut, Almosen statt Steuern? In den Ohren der mehrheitsfähigen Meinung klang das wie eine Geste totaler Altershybris, wollte da etwa einer das Gemeinwohl auf ein Fundament der Freiwilligkeit stellen?
Sloterdijk selbst nannte seinen Ansatz damals die „Revolution der gebenden Hand“, selbstverständlich nicht zu verwechseln mit der „Politik der ruhigen Hand“ Gerhard Schröders – aber diese zeichnete sich am Ende ja auch eher durch ein Nehmen, denn durch ein Geben aus, und gerade Letzteres dürfte aller Wahrscheinlichkeit nach eine der Grundbedingungen funktionierenden Gemeinwohls sein.
Wohl und Wehe menschlichen Lebens ist an das Dasein im Diesseits gekettet, jede systematische Vertröstung auf ein transzendentales Ziel im Jenseits ist seit jeher nichts anderes als das Eingeständnis, gemeinschaftsfördernde Bedingungen nicht herstellen zu können bzw. nicht herstellen zu wollen. Hier sollte man stets misstrauisch werden, was selbst schon die Kommunisten begriffen hatten.
Besonders gegen Ende hin wird das Leben bekanntlich mühsam und in nicht wenigen Fällen schmerzhaft und rau, hier zeigen sich die Symptome einer aus dem Kurs geratenen Orientierung am Gemeinwohl am deutlichsten. Man hatte mal eine durchaus gelungene Idee, indem man die Renten des in die Jahre gekommenen, nicht mehr arbeitsfähigen Teils der Bevölkerung zu ordentlichen Bedingungen von denen bezahlen ließ, die gerade die Wertschöpfung betrieben (und dafür zur Belohnung immer so schön in den Urlaub fuhren).
Plötzlich aber fiel auf, dass die Deutschen nicht mehr so viele Kinder bekamen wie in der tollen Zeit nach dem Krieg und alle steigerten sich so lang in die Hysterie eines aussterbenden Volkes hinein, bis jeder genug Angst hatte, um seine bereits drastisch gekürzten Renten doch lieber selbst (oder gar nicht) anzusparen – am besten auf dem Kapitalmarkt, jeder für sich. Studenten der Wirtschaft, der Politik und der Soziologie schrieben daraufhin fleißig ihre Hausarbeiten zum demographischen Wandel und priesen nach allen Regeln der Wissenschaft die schrittweise Aufkündigung aller bisher gültigen Gesellschaftsverträge. So auch der Autor dieses Textes.
Seither wachsen junge Menschen in dem unumstößlichen Wissen auf, dass sie – zum Wohle aller – in Zukunft nichts mehr von allen anderen, also von uns, erwarten dürfen. Außer Almosen. Peter Sloterdijk hatte recht.
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(Thema im Dezember)
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