Erna. Erna de Vries. Dieser Name fällt an einem Freitagvormittag im Computerraum einer Duisburger Gesamtschule dutzende Male. Neun Jugendliche zwischen 14 und 16 Jahren lernen Erna an diesem Vormittag kennen, machen Bekanntschaft mit ihr, stellen ihr Fragen, bewundern sie. Mit im Raum sitzt Erna de Vries jedoch nicht. Die 97-Jährige Zeitzeugin, die als Jüdin den Holocaust überlebte, wird durch die „Zweitzeugin“ Ksenia Eroshina vertreten, die den Schüler:innen Ernas Geschichte erzählt.
Die meisten Zeitzeug:innen des Holocausts sind verstorben. Die noch lebenden sind häufig zu alt, um in Schulen zu kommen und ihre Geschichte zu erzählen. Der Verein Zweitzeugen hat es sich zur Aufgabe gemacht, dem drohenden Vergessen durch Workshops in Bildungseinrichtungen entgegenzuwirken. Nicht abstrakte Zahlen und Texte sollen die Erinnerung aufrecht erhalten, sondern die Geschichten von Holocaust-Überlebenden
Ein ganz normaler Tag
Zu Beginn des Workshops, den Eroshina an diesem Freitagvormittag leitet, liegen zahlreiche Postkarten auf dem Boden innerhalb des Stuhlkreises. Auf ihnen lesen die Jugendlichen Zitate von Zeitzeug:innen. Anhand dieser Karten klärt Eroshina mit den Schüler:innen Grundbegriffe und Grundzüge der Zeit von 1933 bis 1945. Was bedeutet eigentlich Faschismus? Wann war der zweite Weltkrieg?
Das NS-Regime und der Holocaust liegen für Schüler:innen zunächst in weiter Vergangenheit. Wie sollen sie begreifen, was damals geschah? Dazu bittet die Workshopleiterin Eroshina die Schüler:innen, ihr zu schildern, wie für sie ein ganz normaler Tag aussieht. Eroshina notiert alles an der Tafel: Aufstehen, Eier und Brötchen frühstücken, mit dem Bus oder dem Rad zur Schule fahren, Musik hören, Fußball spielen, schlafen. Im Anschluss schaut sich die Gruppe gemeinsam die antijüdischen Gesetze aus den Jahren 1933 bis 1945 an. Wie sähe ein ganz normaler Tag aus, wenn sie als jüdische Jugendliche in Deutschland gelebt hätten? Nach und nach streicht Eroshina mit einem roten Stift alle Aktivitäten, die Jüd:innen per Erlass verboten wurden. Am Ende bleibt bloß: Aufstehen, laufen, schlafen.
Abschied für immer
Nach der Pause erzählt Eroshina die Geschichte der Holocaust-Überlebenden Erna de Vries. Diese wird im Jahr 1923 als Kind einer jüdischen Mutter und eines protestantischen Vaters in Kaiserslautern geboren. Der Vater stirbt früh und Erna unterstützt ihre Mutter, indem sie als Wäschenäherin arbeitet. Während der Novemberpogrome 1938 verstecken sich die Mutter und die 15-jährige Tochter beim Grab des Vaters auf einem protestantischen Friedhof, wo sie sich in Sicherheit wähnen. Von da an sind es bloß wenige Jahre bis de Vries Zwangsarbeit in einer Eisengießerei leisten muss, 1943 folgt die Deportation von Tochter und Mutter ins KZ Auschwitz-Birkenau. Bald darauf wird Erna ins KZ Ravensbrück verlegt. Beim Abschied, von dem beide wissen, dass er für immer sein wird, sagt die Mutter zu Erna: „Du wirst überleben und du wirst erzählen, was sie mit uns gemacht haben“. Dieser Satz, im September 1943 zum ersten Mal gesprochen, brennt sich in Ernas Erinnerungen ein und wird weitergetragen in das Duisburger Klassenzimmer im Sommer 2021.
Hier in Duisburg haben sie verstanden. Auch wenn niemand von ihnen erlebt hat, was Erna erlebt hat, kennen fast alle von ihnen Flucht, Diskriminierung oder Rassismus aus eigener Erfahrung. Sie nennen Erna „eine mutige Frau“, wünschen ihr, dass es ihr nie mehr schlecht ergehen soll. Ihre Bewunderung und all ihre Wünsche können sie zuletzt in einem „Brief gegen das Vergessen“, der an Erna übermittelt wird, ausdrücken. Erna und ihre Geschichte wird niemand von ihnen so schnell vergessen. Sie sollen sie nun weitertragen und so selber zu Zweitzeug:innen werden.
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