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Ulrich Greb
Foto: Christian Nielinger

„Die Wunden sind offen“

12. Februar 2020

Ulrich Greb zur Produktion „Parade 24/7“ im Schlosstheater Moers – Premiere 02/20

trailer: Herr Greb, es geht um die immer noch nicht aufgearbeitete Katastrophe bei der Love Parade in Duisburg vor genau zehn Jahren. Vor genau einem Jahr empfiehlt das Gericht das Verfahren einzustellen. Die Verschleierung der Verantwortlichen hat also funktioniert?

Ulrich Greb: Das war der auslösende Impuls, dass wir gesagt haben, wir müssen da was zu machen. Moers ist die Nachbarstadt von Duisburg, da ist gerade mal der Rhein dazwischen, und wir haben das alle miterlebt, teilweise ganz konkret. In der Region gibt es niemanden, der keinen kennt, der dort war, wo die Ängste da waren, ob dem was passiert ist oder nicht. Das Thema ist also absolut virulent und das Interesse ist da. Der Umgang damit ist für einen Laien nicht nachzuvollziehen. Nach neun Jahren – das ist am 24.7.2010 passiert – sagen die Staatsanwaltschaften: Wir haben so und so viel ermittelt und wir haben sehr viel Verantwortung und Schuld entdeckt. Die atomisiert sich aber so, dass man denken könnte, man könne alles machen: Wenn man es nur auf viele Köpfe verteilt und wenn ein ganzer Staat verantwortlich ist, dann sind alle unschuldig. So ist eine fast kafkaeske Situation entstanden: 21 Tote, über 600 Verletzte und alle haben alles richtig gemacht. Wie geht man damit um? Mit alternativen Fakten? Jedenfalls ist da viel, das nicht zusammenpasst. Alle Verfahren wären längst eingestellt, wenn nicht bei drei Mitarbeitern des Veranstalters Lopavent eine mittelschwere Schuld festgestellt wurde, die der Richter gegen eine kleine Strafzahlung auch erledigt hätte. Aber die sagen: Das wollen wir aber nicht, denn wir wollen nicht die Anwaltskosten zahlen, wir fühlen uns genauso unschuldig wie alle anderen. Nur wegen dieser drei wird das Verfahren überhaupt weiterlaufen, aber aus meiner Sicht ziemlich sicher in die Verjährung, die ja in diesem Jahr am 27.7., am Tag des letzten Todesopfers eintreten wird. Deshalb müssen wir uns irgendwie dazu verhalten und unser Mittel ist, das auf die Bühne zu bringen.

Kann man sich so einer Tragödie im Theater tatsächlich nur dokumentarisch nähern?

Nein, auf keinen Fall. Das tun wir auch nicht. Es nur dokumentarisch zu machen, da gibt es Berufene für: Journalisten, Medienleute, die sich damit auseinandersetzen, da gibt es das Verfahren, wo das alles festgehalten wird. Wir müssen uns dieser Thematik mit den genuinen Mitteln des Theaters annähern, auch den Aspekten, dass das schwer auszuhalten, dass das zermürbend ist. Natürlich auf der Basis einer ausführlichen Recherche, und wir sitzen immerhin seit Mai letzten Jahres dran. Das ist eigentlich das aufwendigste Rechercheprojekt, das wir hier je gemacht haben. Wir spielen auch weder Täter, noch spielen wir Opfer nach. Das verbietet auch der Respekt vor den Verletzten und vor den Angehörigen, die sich ja bei der Ankündigung aufgeregt gemeldet haben, aber wir haben Kontakt mit denen aufgenommen und sehr gute Gespräche geführt. Weil bestimmte Ängste existierten, dass wir jetzt eine Show daraus produzieren wollten. Das wurde aber in dem Dialog durchaus ausgeräumt. Wir machen das, was wir können: nämlich eine Öffentlichkeit herstellen, eine öffentliche Debatte, auch im Sinne der Betroffenen Initiative Lopa 2010.

Und wie stellen sechs Schauspieler eine Million Menschen dar?

Tatsächlich haben wir noch andere Mitspieler, aber keine Menschen, und die Millionen sind alles sogenannte mediale Zahlen. Es waren knapp 200.000 da, aber die haben schon gereicht die Katastrophe herbeizuführen. Aber die Million stellt sich der Zuschauer im Kopf vor. Da hoffen wir, dass wir mit den bewährten Mitteln des Theaters es schaffen, dass Bilder im Kopf des Zuschauers entstehen.

Muss man bei so einem Geschehnis denn zwanghaft alte Wunden wieder aufreißen, so dass sie sich eigentlich nie schließen?

Das hängt sehr stark von der Perspektive ab, über wen man spricht. Grundsätzlich glaube ich, dass die Wunden gar nicht geschlossen sind. Die sind offen und möglicherweise sogar eitrig. Da die Situation so unbefriedet ist, können die gar nicht verheilen. Wir deuten nur auf etwas hin, das sowieso noch nicht vernarbt ist.

Also bleibt die Frage: Pupsgemeinden sollten keine Megaevents ausrichten?

Das Thema ist größer und auch ernsthafter. Was uns aber interessiert, sind bestimmte strukturelle, systemische Geschichten. Was man gut erfährt ist, wie Zuständigkeiten einzelner Behörden der Stadt das alles voneinander wegweisen und auf den anderen schieben, wo der Veranstalter und wo die Polizei und damit das Innenministerium in den Blick kommen. Auch da: Ich war`s nicht, der andere war`s. Die Hauptsätze in dem Gerichtsverfahren sind: „Ich kann mich nicht erinnern“ und „Das war nicht meine Zuständigkeit“. Bürgermeister Sauerland hat sogar mal den fast philosophischen Satz gesagt: Meine Aufgabe war keine Aufgabe. Das kann man als Gedicht verstehen. Dieses systemische Versagen hat sehr intensiv und tief mit der Geschichte des Ruhrgebiets zu tun. Wo immer dieser berechtigte und nachvollziehbare Wunsch da ist, wir wollen auch mal das große Rad drehen. Und als Rainer Schaller die Love Parade bundesweit ausgeschrieben hat und diese Idee von der Metropole Ruhr aufkam, da hieß es: Komm doch her ins Ruhrgebiet, wir bieten dir vier, fünf Städte an, machen ein richtig großes Ding und wir stechen München und die ganzen richtigen Metropolen aus. Man kann sich das vorstellen, was da zusammen mit der Kulturhauptstadt für eine Stimmung herrschte und dass es für Einzelne sehr schwer war, zu sagen, aber das geht nicht, das wird nicht funktionieren.

Bochum hat das gemacht.

Ganz genau, Bochum hat das gemacht. Aber es ist eben auch ein schwerer Weg gewesen.

„Parade 24/7“ | R: Ulrich Greb | 19.(P), 28., 29.2. je 19.30 Uhr, 23.2. 18 Uhr | Schlosstheater Moers | 02841 88 34 110

INTERVIEW: PETER ORTMANN

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