Einfach war der Zugang bereits 2009 nicht, als Stephan Thome seinen Debütroman vorlegte. In „Grenzgang“ erzählte er vom Akademiker Thomas Weidmann, der kurz davor stand, in Berlin zum Professor aufzusteigen. Bis der Institutsleiter seine Pläne durchkreuzte und Weidmann aus der Großstadt enttäuscht in sein Heimatdorf nach Hessen abreiste. Ein geplatzter Lebensentwurf und eine Rückkehr in die Provinz, dieses Motiv war nun wahrlich keine literarische Innovation. Wie Thome jedoch diese Bilanz einer Existenz mit Zeitsprüngen verknüpfte, wie ein Zeitraum von fast dreißig Jahren nur aus der Perspektive der ProtagonistInnen durchschritten wurde, das sorgte nicht nur für ein begeistertes Echo in den Feuilletons. Es katapultierte sein Debüt prompt auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises. Gefühlt taucht sein Name seitdem immer auf dieser renommierten Liste auf, sobald er einen neuen Roman veröffentlicht. So war es auch mit „Gott der Barbaren“, aus dem Thome am Mittwoch beim „Literarischen Herbst 2018“ in der Zentralbibliothek Hamm las.
Leicht ist der Zugang auch hier nicht. Aber wie soll es anders sein bei dem historischen Stoff, den Thome zu einem literarischen Kaleidoskop des Chinas im 19. Jahrhundert verdichtet hat? Da erhebt sich ein christlicher Aufstand gegen das chinesische Kaiserreich, in dessen Mittelpunkt Hong Xiuquan, der Anführer der Taiping-Rebellion steht, den Thome als fanatische Figur rekonstruiert. Denn der Sinologe greift auf reale Biographien zurück und hat dafür penibel Quellen durchforstet. Tagebücher, Archive, Monographien, Fachzeitschriften. Dreieinhalb Jahre saß Thome an dieser Recherche. Das Ergebnis ist ein über siebenhundert Seiten dickes China-Œuvre, das mit einer geographischen Karte und einem großzügigen Personenverzeichnis den LeserInnen Orientierung anbietet (und den Eindruck erweckt, einen üppigen Dostojewski in den Händen zu halten). So gesteht auch Thome an diesem Abend eine Frage, die er sich selbst beim Verfassen gestellt hat: „Wie führt man eine Leserschaft, die mit dem historischen Kontext nicht vertraut ist, da hinein?“
Der Kontext umfasst jene komplexe Zeit, auf die ChinesInnen noch heute als „Hundert Jahre der Demütigung“ zurückblicken, wie Thome, der zwischen 2005 und 2011 in Taipeh forschte, in seinen zahl- wie detailreichen Fußnoten an diesem Abend erläuterte. Der Bauernaufstand mündete im Terror christlicher Fanatiker. Schließlich ging dieser Konflikt in einem Opiumkrieg über, mit dem Großbritannien ökonomisch wie militärisch intervenierte.
Auf diese Phase blickt Thome unter anderem aus der Perspektive des britischen Sonderbotschafters Lord Elgin zurück, dessen Biographie Thome aufmerksam studiert hat. „Er war von Anfang an in einem Zwiespalt zwischen sich und seinem Auftrag“, so Thome. Hautausschläge, Lähmungen, Verdauungserkrankungen, Erblindungen plagten Elgin, der zwischen einer „Reihe melancholischer Gemetzel“ an den Chinesen, wie es in dieser Romanpassage heißt, und den Gewissensbissen, die er in seinen Tagebüchern formulierte, stand. Elgin reiht sich in die zahlreichen Protagonisten ein, die sich im krisengeschüttelten Wirrwarr verlieren. Thome beleuchtet diesen Krisenherd von der Warte der Gegenwart. „Die Lehren, die man daraus zog, war, dass China nie wieder so schwach sein darf“, sagt der Schriftsteller etwa über das innen- wie außenpolitische Selbstverständnis der heutigen Weltmacht, das auf diese Jahrzehnte währende Herrschaft des Britischen Empires zurückgeht. Genauso wie Terrorismus und Fanatismus in den einstigen Kolonien. „Gott der Barbaren“ versucht, diese Verwerfungen als Gründe für heutige Brandherde begreiflich zu machen. Detailliert und unterhaltsam, ein Epos über eine Ur-Katastrophe des 21. Jahrhunderts.
Literarischer Herbst '18 Hamm | bis 29.11. | Programm
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