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Roberto Ciulli
Foto: H. Hoffmann

„Wir haben eine falsche Rezeption von Migration“

04. Dezember 2019

Theaterchef Roberto Ciulli über „Boat Memory / Das Zeugnis“ – Premiere 12/19

trailer: Herr Ciulli, ist der Advent genau die richtige Zeit für eine Geschichte von toten Menschen am Strand?

Roberto Ciulli: Man muss keine besonderen Daten haben, um dieses Phänomen der Toten am Strand zu erzählen. Das muss in Europa jeden Tag, jede Stunde, ständig erzählt werden.

Was ändert sich für die Gesellschaft, wenn wir den Toten im Mittelmeer eine Biografie geben?

Vielleicht gelingt es erst mit den Biografien, die Menschen zu berühren. Aber Berühren ist nicht genug. Das ist erst der erste Schritt. Was viel wichtiger ist als die Berührung – und da sind wir bei Brecht – ist die Frage, „erreicht man auch den Verstand?“ Zu realisieren, dass das ist ein Zustand ist, der auf gar keinen Fall hinnehmbar ist.

Aber ändert sich dadurch auch etwas im Verhalten gegenüber denen, die mit Gewalt hier rüber wollen?

Wir müssen dafür eine Lösung finden. Zuerst einmal glaube ich, dass wir eine falsche Rezeption von Migration haben. Wir haben vergessen, dass die Geschichte des Homo Sapiens auch die Geschichte der Migration ist. Wenn man das akzeptieren und verstehen würde und, wie ich immer sage, wenn wir in die Vertikale gehen und uns erinnern, denn unsere Geschichte geht bis zu zwei Millionen Jahre zurück und das haben wir alles noch in uns. Es gibt eine andere Art damit umzugehen und die wurde in der Vergangenheit auch schon beschrieben: Die Zukunft ist eine Welt der Republik und nicht mehr der Nationen. Das ist die einzige Zukunft, die der Mensch auf der Erde hat. Die Weltrepublik bedeutet keine Nationen mehr. Und das heißt auch, in der Welt gibt es keine Peripherie. Weder geografisch, noch menschlich. Aber diese Zukunft zu realisieren ist sehr komplex und sehr schwierig.

Wie inszeniert man nun das Grauen im römischen Mare Nostrum?

Es ist etwas Unerzählbares. Und es ist auch moralisch schwierig. Welchen Anspruch hat man, das, was unerzählbar ist, zu erzählen? Wir haben das Dokumentarische, es gibt die Fotos, da sind die Menschen in einem Boot, da sind die Toten. Das Wiedergeben des Dokumentarischen hat den Effekt, dass die Menschen eigentlich abstumpfen, weil sie das Tag und Nacht sehen, und dann berührt sie das nicht mehr. Im Theater ist deshalb der dokumentarische Weg meines Erachtens nicht begehbar. Man muss einen Weg finden, mit den Mitteln des reinen Theaters zu erzählen und nicht mit dem Anspruch, genau das wiederzugeben, was ist. Wir beschreiben etwas, was nicht ist, was überhaupt nicht da ist. Das ist nicht einfach, aber der Versuch lohnt sich.

Erreicht man mit dem Theaterpublikum nicht immer die falschen Leute?

Was heißt die falschen Leute? Bei uns im Publikum gibt es vielleicht eine junge Studentin, die zufällig ins Theater kommt, einmal, und sie sieht eine Vormittagsvorstellung. Und nur mit Studierenden, die behaupten, nichts zu verstehen und eigentlich nicht wollen, und diese einzige Studentin hat die Begabung und den Verstand – und jetzt zitiere ich nochmal Brecht – dann ist die Wirkung groß. Und aus dieser Erfahrung heraus fängt sie an zu sagen, ich möchte gerne schreiben. Ich möchte Dramatikerin werden, und das hat eine sehr große Wirkung. Es kommt nicht darauf an, wie viele Menschen wirklich überzeugt werden.

Gibt es noch Hoffnung – angesichts des Rechtsrucks in ganz Europa?

Das ist ja eine Frage nach der Zeit. Wenn ich versuche zu glauben, dass sei die Zeit meines Lebens und wenn ich erwarte, dass sich etwas verändert durch meine Arbeit, dann wäre das naiv. Die Zeit, in der man lebt, ist nicht so wichtig, aber sie schafft auch eine Perspektive in die Zukunft, wenn ich auch nicht mehr da bin, aber in 200 Jahren könnte es die Weltrepublik geben, dann ist die Hoffnung da.

Kann nur ein nordafrikanischer Schriftsteller, in diesem Fall ist er aus Marokko, authentisch über so etwas wie die Ertrunkenen schreiben?

Das ist ja die Aufgabe der Kunst. Wir müssen diese unerzählbaren Dinge weitererzählen. Mit den künstlerischen Mitteln. Aber was macht ein Künstler eigentlich? Er ist im Wettbewerb mit Gott und macht etwas, das Gott vergessen hat. „Guernica“ von Picasso hat nicht Gott gemalt. Das gab es nicht vor Picasso. Das ist die Aufgabe von Künstlern und Schriftstellern, etwas in die Welt zu setzen, das noch nicht erzählt worden ist. Und ein paar Künstler gibt es ja Gott sei Dank auch im Theater. Nicht viele, aber es gibt ein paar.

„Boat Memory / Das Zeugnis“ | R. Roberto Ciulli | 13.(P), 19.12. 19.30 Uhr, 15.12. 18 Uhr | Theater an der Ruhr Mülheim | 0208 599 01 88

INTERVIEW: PETER ORTMANN

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