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Engagiert sich beruflich und privat gegen Rechts: Theatermacher Robert Koall
Foto: Ulrich Schröder

Kampf gegen Rechts

18. April 2016

Dresdner Theatermacher spricht in Buchhandlung transfer über Pegida – Literatur 04/16

Gespannte Stille herrscht in der bis auf den letzten Platz gefüllten Buchhandlung „Transfer“ in Dortmund-Hörde, als Robert Koall aus seiner zunächst als E-book erschienenen Publikation „Ein Winter mit Pegida“ liest. Diese dient zugleich als Grundlage für das Kapitel „Ein Jahr mit Pegida“ in der 2016 im Münchner Europa-Verlag publizierten Anthologie „Mein Kampf gegen Rechts“. Wie der Autor eingangs ausführt, bestehe sein Beitrag hierzu nicht etwa in einer „soziologischen oder politologischen Studie über Pegida“, sondern er zeichne das Portrait einer Stadt, in der die Stimmung innerhalb von zwei Jahren gekippt ist – ein „Menetekel für die Republik“, so der gebürtige Kölner.

Obwohl Robert Koall kein Sächsisch spricht (jedoch virtuos imitiert), identifiziere er sich sehr mit Dresden. Und wenngleich es ihn freut, dass Dynamo aktuell in die Zweite Liga aufgestiegen ist, hält er seine Empörung darüber nicht zurück, dass die Spielstätte des Vereins 2010 bis 2014 nach einem Bayrischen Energievertriebsunternehmen „Glücksgas“-Stadion tituliert wurde. Doch dies ist nicht das einzige politische Kuriosum in einer Stadt, in der aus wenigen versprengten Pegida-Anhängern Ende 2014 plötzlich „20.000 Verwirrte“ werden. So werde auf NPD-Wahlplakaten in der Stadt gerne auch mal vor „westdeutschen Verhältnissen“ gewarnt, und bei der Oberbürgermeister-Kür 2015 kamen AfD sowie Pegida mit ihren Kandidaten im ersten Wahlgang zusammen auf über 15 Prozent.

In Koalls kontrastreichem Stimmungsbild spiegeln sich Beobachtungen von beiden Seiten eines immer stärker polarisierten politischen Spektrums wider. So heißt es über Dresden im Herbst 2015: „Hier werden seit Monaten Menschen bedroht, Autos angezündet, hier wird auf Menschen eingeschlagen und hier werden Scheiben eingeschmissen. Von links wie von rechts.“ Mit rechter Gewalt hat der Staatsschauspiel-Chef bereits persönlich Erfahrungen gemacht; so etwa im März letzten Jahres, als ihm aus dem rechten Lager körperliche Gewalt angedroht wurde – bis hin zur Morddrohung, wie er in seinem Buchbeitrag schildert. Auch auf Pegida-Veranstaltungen, die seit nunmehr rund anderthalb Jahren an Montagen weiterhin an prominenter Stelle vor der Semper-Oper – keine hundert Meter Luftlinie vom Staatsschauspiel Dresden entfernt – behördlich zugelassen werden, schreckt man nicht vor bedrohlicher Todessymbolik zurück, etwa in Form eines allgegenwärtigen Galgens. Ausländische Ensemble-Mitglieder weigerten sich bereits, montags zu proben. Vor einem Asylbewerberheim werden gar Sprüche skandiert wie: „Wir woll’n euch hängen sehen.“ In der drastischsten Passage seines Buchkapitels beschreibt Robert Koall, wie Bekannte aus seinem persönlichen Umfeld von Rechtsextremen auf offener Straße körperlich misshandelt werden und die Polizei nur Hohn und Zynismus für die Opfer übrig hat: „Kein Wunder sei das, sagte einer, dass hier so was passiert. ‚Bei den vielen Tunesiern.‘“

„Geht doch in den Westen, wenn es euch in Deutschland nicht gefällt“ – in solch irrationalen Sprüchen bricht sich eine Vermischung postsozialistischer Traumata und offenem Nationalismus Bahn. Dresden erscheint dem Autor als „Brennglas deutscher Geschichte“, wo „alles miteinander verwoben ist“: „Hier findet ein unbewusster Rassismus zu sich selbst“, so Koall am Beispiel einer sich unreflektiert fremdenfeindlich gebenden jungen Demonstrantin. Der in Dresden nach dem Fliegerbomben-„Feuersturm“ vom 12./13. Februar 1945 ursprünglich von den Nazis propagierte „Opfermythos“ vermische sich in der Stadt mit dem politischen Einschnitt der Wende 1989 – für viele Dresdner ebenfalls eine herbe Verlusterfahrung. Das politische Klima in der Stadt ließe sich als „defensive Demokratie“ beschreiben, was sich u. a. in einer geringeren Beteiligung an Gegendemonstrationen niederschlage als beispielsweise bei Aufmärschen des Leipziger Pegida-Ablegers „Legida“: „‘Demokratie‘ nennt man es in Dresden, wenn es möglichst keinem wehtut“, diagnostiziert der Theatermacher.

Nach der aktuellen Spielzeit wird Robert Koall ans Düsseldorfer Schauspielhaus wechseln. Trotz der verfahrenen Situation in Dresden sei dies jedoch „keine Flucht“, bekennt er im Anschluss an die Lesung auf Nachfrage des trailer-ruhr-Magazins. Die Planung habe langfristig stattgefunden und die Alternative sei Wien gewesen. Und – mal ehrlich – wer würde als Kölner schon freiwillig nach Düsseldorf gehen? Das Publikum lacht erleichtert – trotz des ernsten Themas. Anlass zur kritischen Nachfrage geben allerdings die zahlreichen realsatirischen Passagen in Koalls Zustandsbeschreibung einer Stadt im politisch verwirrten Aufruhr – etwa wenn Pegida-Sympathisanten ihre Aktivitäten damit begründen, dass man nicht wolle, dass ihren „Kindern der Kopf abgeschnitten“ oder „der Islam eingeführt wird als Staatsreligion“. Doch gerade dieser Mix macht Koalls Ausführungen lesenswert, der am Ende durchaus nicht nur augenzwinkernd bekennt: „Dresden muss mit Ausländern geflutet“ und „Begegnung als Chance“ begriffen werden…

Ulrich Schröder

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