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Foto (Ausschnitt): Doreen Salcher / Adobe Stock

Reif für die Trennung

28. Juni 2022

Nähe und Abstand in Familie und Freundschaft – Teil 2: Leitartikel

In meiner Jugend sang Gloria Gaynor „I will survive“ und wir grölten auf jeder Party mit. Auch wir würden überleben! Worum ging‘s? Schwere Krankheit? Jobverlust? Naturkatastrophe? Mitnichten. Es ging darum, nach dem Liebes-Aus allein klarzukommen.

Der Abschied in der Liebe scheint der härteste zu sein. Darüber werden Poeme gedichtet, Lieder gesungen, Romane geschrieben, Kunstwerke geschaffen. Die Liebe gilt als eines der erstrebenswertesten Ziele, gleichzeitig ist sie Ursache für so viel Unglück. Für diesen Text habe ich „sad-“ und „happy love songs“ gegoogelt. Die traurigen Songs vom Verlassenwerden machten das Rennen, ich fand unzählige Listicles mit Songs übers Einsamsein. „Can’t live, if living is without you“, singt Harry Nilsson, Adele trauert in „My Little Love“ einer geplatzten Ehe nach, für Bill Withers geht in „Ain’t no sunshine“ die Sonne nie mehr auf, und Andreas Bourani fragt „Wo ist die Liebe geblieben?“.

Liebe, ein gesellschaftliches Konstrukt

Warum ist das Schlussstrichziehen in der Liebe so schwer und schmerzhaft? Wo wir doch wissen, dass die Idee der romantischen, lebenslangen Liebe ein gesellschaftliches Konstrukt ist, Verliebtsein ein chemischer Prozess? Die Scheidungsrate in Deutschland lag in den 1960er Jahren bei 10,2%, stieg 2005 auf 52%, ging kurz etwas zurück, um seit 2019 erneut stark anzusteigen. Trotz dieser eher düsteren Prognose trauen sich immer wieder Paare. Denn der Mensch braucht Liebe, dieses Gefühl mit biochemischer Grundlage und neurobiologischen Mustern, das uns ermöglicht, Bindungen einzugehen. Die Mutter muss ihr Baby lieben, um es nach der Geburt hegen und pflegen zu können. Familien sind durch Liebe verbunden. Doch Familienbindungen funktionieren nicht immer.

Während wir Partner:innen, Freund:innen und auch Jobs in der Regel selbst aussuchen, und daher, wenn nötig, auch austauschen können, ist das mit der Familie eine ganz andere Sache. Mit Familie ist man gesegnet – oder auch gestraft. Diese Menschen suchen wir uns nicht aus, wir werden in den Verbund hineingeboren. Eine meiner Freundinnen wohnt in einer beengten 2-Zimmer-Wohnung in einer teuren Stadt. Obwohl sie einen guten Job hat, kann sie sich nichts Größeres leisten. Ihre ältere Schwester lebt in einer Villa am Zürichsee und hat in Cannes eine Yacht im Hafen liegen. Meine Freundin leiht sich oft bei mir Geld. Zur Schwester hat sie keinen Kontakt, da sie nicht in deren soziale Kreise passt. Für mich, aus afrikanischen Familienverhältnissen stammend, ist das unbegreiflich. Blut ist dicker als Wasser heißt es bei uns und Familie hält zusammen, egal was kommt. Aber warum eigentlich? Ich vermute, die Schwester meiner Freundin ist dünkelhaft, kein netter Mensch. Ich kenne sie nicht, denn auch ich gehöre nicht zu den richtigen Kreisen. Würde ich sie überhaupt kennen lernen wollen? Und warum sollen sich Geschwister näherstehen, nur weil sie miteinander verwandt sind? Man hat sich vielleicht in der Kindheit gut verstanden, aber das heißt nicht, dass Familie uns lebenslang guttut. Warum sind die meisten dann so bemüht, Familienbande aufrecht zu halten? Warum ist da ein Abschied oft noch verpönter als bei einer Scheidung?

Familienbande um jeden Preis?

Es ist ein Zeichen von Reife sich trennen zu können. Egal, ob in einer Partnerschaft, in einer Freundschaft und auch in einer Familie: Wenn die Beziehung ungesund ist, sollten wir wie Gloria Gaynor auf die Tür verweisen und die Person bitten zu gehen. Das überleben wir. Und schaffen Platz für etwas Neues – und oftmals Besseres.


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Tina Adomako

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