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Die Punk-Band „Pascow“ spielte im Bahnhof Langendreer
Foto: Benjamin Trilling

„Björn Höcke die Brille von der Nase schlagen“

27. Januar 2017

Pascow mit „Lost Heimweh“-Tour am 26.1. im Bahnhof Langendreer – Musik 01/17

Es hat schon fast etwas Familiäres, als sich „Pascow“ ins Publikum fallen lassen und im vollen Saal des Bahnhof Langendreer in der Menge verschwinden. Ihr Song „Wenn Mila schläft“ wird von Frontmann Alex Pascow kurz angestimmt – und laut mitgesungen. Wenn man so will bezeichnend: „Pascow“ hat treue und textsichere Fans, aber anders als Punk-Bands wie „Turbostaat“ oder „Feine Sahne Fischfilet“ stehen sie nicht auf den Covern von Lifestyle-Magazinen. Die Musiker aus dem rheinland-pfälzischen Dorf Gimbweiler stehen eher für einen Spagat zwischen kommerziellen Festivals und Autonomen Zentren. „Pascow“ sind ein echtes Szene-Phänomen.

Darum geht es auch in dem Film „Lost Heimweh“, mit dem die Band aktuell auf Tour ist: Unter dem Motto „Dosenbier & Popcorn Noir“ (alle Erlöse der verkauften Getränke und Popcorntüten gingen an „Pro Asyl“) wurde im Endstation Kino Platz genommen, bevor es im Konzertsaal des Bahnhof Langendreer weiterging.

Irgendwo zwischen Hamburger Schule und Deutschpunk

Der 2015 und 2016 gedrehte Dokumentarfilm begleitet die Band bei ihrer Tour durch selbstverwaltete und Autonome Zentren und lässt WegbegleiterInnen zu Wort kommen über ihre Musik, Anekdoten und legendäre Auftritte.

Frontmann Alex Pascow, Foto: Benjamin Trilling

Die stark vom deutschen Punk – nicht zu verwechseln mit Deutschpunk – beeinflusste Band hat seit ihrer Gründung 1998 einen eigenen Stil entwickelt: Ein melancholisch-aggressiver Grundton, der fast schon Feuilleton-kompatibel ist und entsprechend zum Fabulieren einlädt: Ist das Studentenpunk, weil intelligenter als Deutschpunk? Oder sogar schon Hamburger Schule (ein JournalistInnen-Etikett, gegen das sich schon Bands wie „Tocotronic“ oder „Die Sterne“ gewehrt haben)? Die Gimbweiler um Frontmann Alex wollen sich da jedenfalls überhaupt nicht festlegen. Dafür sind die – gemäß ihrem Szenehit „Trampen nach Norden“ aus dem Debütalbum „Richard Nixon Discopistole“ – in Hamburg lebenden Musiker auch viel zu sehr mit der Szene verknüpft, in deren selbstverwalteten Zentren „Pascow“ am liebsten auftreten.

Aufhören? „Die Sache nicht zu spät beenden.“

Daher ist der Film auch einer über diese linken und alternativen Freiräume in Berlin, Hamburg, Leipzig und anderen Orten. Und ohne diese wäre vielleicht auch die Band selbst nicht denkbar. Denn seit ihrem erfolgreichen Album „Alles muss kaputt sein“ sind auch die Hallen größer geworden. Ein Dilemma. Die Devise: Back to the roots statt mehr Erfolg: „Einfach nur größer werden, ohne in qualitativer Hinsicht abzuliefern, geht nicht“, erklärt Frontmann Alex im Film.

Ob nach dem letzten Album „Diene der Party“ noch was kommt, ist ungewiss. Man will sich für den Erfolg nicht bloß reproduzieren. „Die Sache nicht zu spät beenden“, meint Alex Pascow. Gepflegte Abneigung gegen Kommerzialisierung und die großen Bühnen. „Pascow“ sind auch die Anti-Toten-Hosen. Lieber aufhören, als zum Stadion-Rocker zu degenerieren. Diesen Eindruck erwecken sie im Film und zelebrieren es auf der Bühne: Gesellschaftkritische Gitarrenriffs aus Gimbweiler.

Selbst wenn das Ende der Band in Sicht ist, ihre Schlachtrufe einer Merkel-Jugend, so der Titel eins ihrer Songs, bleiben. Dazu gehören die neuen Ansagen: „Ich möchte Björn Höcke die Brille von der Nase schlagen“, wie Alex an diesem Abend  in den Konzertsaal ruft. Oder die alten Weisheiten: „The Weltordnung Is The Fuck!“ Wirklich nichts für die großen Bühnen.

Benjamin Trilling

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