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Hannelore Zech
Foto: Robert Schloßnickel

„Man kann Nullkosten entstehen lassen“

31. Januar 2023

Permakultur-Gärtnerin Hannelore Zech über das Konzept der Selbstversorgung – Teil 3: Interview

trailer: Frau Zech, wie sind Sie zur Permakultur gekommen?

Hannelore Zech: Als typisch niederbayrisches Landei aus dem Bayerwald bin schon so aufgewachsen. Ich hatte das Glück, mit meiner Oma durch Wald und Wiese zu streifen. Sie hat mir die Pflanzenwelt, Pilze und alles, was es essbares gibt, näher gebracht. Wir hatten immer Tiere rund um uns herum. Was mich nur gestört hat, war, dieses konventionelle Wirtschaften: Dieses ewige Hacken und, dass alles furchtbar sauber sein muss. Das hat mich immer gestört, weil ich es in der Natur anders gesehen habe. So bin ich auch auf das erste Buch von Sepp Holzer gestoßen mit Anfang Zwanzig. Das hat mich regelrecht wach gerüttelt, so, dass ich diesen Weg weiter verfolgt und alles an Impulsen mit genommen habe. 2009 habe ich dann einen Permakultur-Design-Kurs nach Bill Mollison gemacht. Das war ein weiterer Türöffner. Seitdem arbeite ich noch intensiver daran. 

Man muss selbst nicht unbedingt einen großen Garten bewirtschaften“

Was braucht es, um ein guter Selbstversorger zu werden?

Es braucht vor allen Dingen eine Art Pioniergeist. Selbstversorger zu sein heißt, mit wachen Augen und Ohren durch die Landschaft zu gehen und das mitzunehmen, was die Natur und vor allen Dingen das Netzwerk bietet. Man muss nicht selbst unbedingt einen großen Garten bewirtschaften. Meine 1,5 Hektar sind schon eine Kleinstlandwirtschaft – das braucht man nicht unbedingt. Es reichen für eine Familie tausend Quadratmeter, die man klug nutzt.

Was gehört dazu?

Mit Netzwerk meine ich, sich mit guten Kontakten, die den gleichen Weg gehen, auszutauschen. Mit Personen, die entsprechendes Wissen angesammelt haben, lassen sich Rezepte und Nahrungsmittel tauschen. Zur Selbstversorgung gehört auch mit dazu, sich ehrenamtlich zu engagieren, genauso wie Vereinsmitgliedschaften und selbstverständlich für andere da zu sein.

Manche Pflanzen mögen sich einfach nicht“

Sie sprechen das menschliche Netzwerk an. In der Pflanzenwelt ist es auch wichtig, auf Harmonie zu achten ...

Ja, genau. Wenn bestimmte Pflanzen nicht ins System passen, merkt man es relativ schnell. Beim Garten spreche ich immer ganz gerne von einem System, einem eigenen Kosmos. Von daher ist es immer wichtig, auf die Harmonie zu achten – gerade beim Kultur-Gemüse kennen wir diese Mischkulturen. Manche Pflanzen mögen sich und manche mögen sich einfach nicht. Sie versuchen voneinander weg zu wachsen und kommen dann einfach nicht in den Fruchtertrag. Dieses Phänomen tritt beim Kultur-Gemüse am intensivsten auf, im Obst-Bereich weniger intensiv. In meinem Waldgarten, meiner essbaren Landschaft, ist es hauptsächlich ein Spiel mit dem Licht, was ich beachten muss. Doch auch dort geht es ums Schichten und Stapeln und darum, den Platz am günstigsten auszunutzen, um eine möglichst große Vielfalt ins System zu bringen.

Ich empfehle immer, Blühendes dazuzupacken“

Haben Sie ein Beispiel für Pflanzen, die sich nicht so gut verstehen?

Wenn ich jetzt Kartoffeln neben Sellerie pflanze, dann bleibt der Kartoffelertrag aus und die Selleries wachsen nicht. Pflanze ich aber Karotte und Lauch zusammen, siedeln sich keine typischen Schädlinge an. Lauch hat in der Regel Probleme mit der Zwiebelfliege, bei den Karotten ist es die Möhrenfliege. Stehen beide Pflanzen aber nebeneinander, kommt weder die eine noch die andere Fliege.

Spannend. Woran liegt das?

Das liegt hauptsächlich am Geruch. Deswegen ist die Mischkultur so wichtig. Ich empfehle auch immer, Blühendes dazu zu packen, damit ganz viele Nützlinge zwischen den Pflanzen unterwegs sind. Das Gemüse, das sie normalerweise nicht besuchen würden, besuchen sie dann trotzdem – durch die Blumen, die daneben stehen.

Welche Blumen eignen sich dafür gut?

Am allerbesten sind Ringelblumen oder Tagetes. Auch der Borretsch leistet wertvolle Dienste, meistens macht er sich aber ein bisschen zu breit.

Einfach ein gutes Netzwerk aufbauen“

Das stimmt, die Erfahrung habe ich auch gemacht. – Sind anfängliche Kosten der Selbstversorgung für manche vielleicht zu hoch?

Es geht ja schon auf dem Balkon. Man muss auch nicht alle Pflanzen in der Gärtnerei kaufen, sie lassen sich auch tauschen. Die Menschen, die schon gärtnern, haben meistens einen Überschuss an Pflanzen: Entweder bleiben Jungpflanzen übrig oder Stauden müssen geteilt werden. Dadurch kann man tatsächlich Nullkosten entstehen lassen, indem man einfach ein gutes Netzwerk aufbaut.

Man kann da anfangen, wo man gerade ist, wenn die Lichtverhältnisse passen?

Wenn ich nur Schatten habe, dann werde ich nicht erfolgreich sein – also Gemüse braucht immer Licht, braucht immer Sonne. Es kommt natürlich auch darauf an, wie intensiv die Einstrahlung ist: Wenn mein Balkon im Sommer ein Glutofen ist, dann wird es Sinn machen, eine Beschattung anzubringen und die wird wahrscheinlich schon was kosten.

Man kann sich einer Solidarischen Landwirtschaft anschließen“

Oder Pflanzen anbauen, die die Sonne gut vertragen ...

Genau, innerhalb des Gemüses gibt es so viele Arten. Da hat man eine irre Auswahl. Und was mit einer normalen Paprika vielleicht nicht so funktioniert, klappt vielleicht mit einer Chili sehr gut. Da muss man einfach Versuche starten.

Wie wichtig ist dabei eine starke Gemeinschaft?

Wenn man selbst keinen Grund zur Verfügung hat, kann man sich einer Solidarischen Landwirtschaft anschließen und da mitwirtschaften. Auch hier spielt der Austausch eine große Rolle, weil man bald nicht nur Gemüse anbauen und mit nach Hause nehmen wird, sondern sich mit Kleidung und Gebrauchsgegenständen aushilft. Man muss sich nicht alles selber kaufen, sondern kann sich zu zweit, zu dritt, zu viert zusammenschließen, wenn man sagt „Okay, ein Solardörrer wäre jetzt interessant“. Aber es sind ja nicht nur Waren, sondern auch Erfahrungen, die hier getauscht werden. Sie sind besonders wertvoll, denn nicht jeder muss den gleichen Fehler selber machen. Wenn man ein kommunikativer Mensch ist und gerne mit anderen beisammen, ist das ein Vorteil. Als Eigenbrötler tut man sich in der Selbstversorgung oft schwer.

Kontakt zu Menschen ist wichtig“

Und man hat Ansprechpartner, wenn man ein Problem hat ...

Genau. Oder, wenn man einfach mal krank ist, sind da Menschen, an die man sich wenden kann. Wenn man jetzt nicht zum Einkaufen kann oder keine Karotten mehr im Haus hat, kann man sie fragen, ob sie was über haben. Den Kontakt zu den Menschen zu haben, die den gleichen Weg einschlagen wie man selber, ist immer wichtig.

Beispielsweise bräuchte ich nicht gleich Erfahrung in der Tierhaltung, wenn jemand anderes hier helfen kann?

Ganz genau. Wenn ich zum Beispiel ein Problem mit einem Huhn habe, dann kann ich mich getrost an meinen Geflügelzuchtverein wenden – die wissen immer Antwort.

So bleibt in der ersten Frühlingstrockenheit die Feuchtigkeit einfach drinnen“

Wie wichtig ist ein Wasserzugang?

Wasser ist natürlich immer gut, aber es geht auch tatsächlich ohne. Ich habe in meinem Garten auch extensive Bereiche: Da ist es einfach wichtig, dass ich Vorsorge betreibe. Sprich ich packe im Herbst so viel Laub wie ich nur kriegen kann, auf meine Beete. So bleibt in der ersten Frühlingstrockenheit die Feuchtigkeit einfach drinnen. Ich kann die Pflanzen da mit hineinpflanzen und der Boden bleibt weiterhin feucht. Wichtig ist, extensive Kulturen wie Stangenbohnen, Kürbisse, Kartoffeln, Kohl, der länger braucht, auch Zuckermais und dergleichen auf Beete zu packen, die dann nicht gegossen werden müssen. Diese Lager-Gemüse braucht man im Winter auch einfach vorrätig.

Salz und Öl werde ich in den wenigsten Fällen selbst herstellen“

Inwieweit lässt sich als Selbstversorger autark leben – auch angesichts der unterbrochenen Lieferketten und steigenden Preise?

Natürlich brauche ich immer Produkte, die ich selber nicht anpflanzen kann – sprich ich brauche Getreide, Mehl oder Nudeln. In einem kleinen Garten funktioniert das einfach nicht, vor allen Dingen, wenn man viele Wildtiere hat. Sie fressen einem die ganzen Getreidehalme ab – weil sie einfach auch was brauchen – und lassen nur noch Stroh stehen. Auch Salz und Öl werde ich in den wenigsten Fällen selbst herstellen. Je nachdem, ob ich Fleischesser bin oder Milch benötige, ist es dann wichtig, in Kooperation mit Landwirten zu gehen: Der eine baut mein Tierfutter an, von dem anderen kann ich Milch holen. Da bin ich wirklich unabhängig vom Supermarkt. Natürlich wird er jetzt auch mehr für sein Getreide verlangen, aber wenn ich dort Stammkunde bin, dann kann ich auch mal etwas im Tausch machen. Dann muss nicht immer alles über Geld laufen.

Prinzipiell entsteht in der Selbstversorgung kein Müll“

Wie sieht es mit Müll aus: Lässt sich rückstandslos verwerten, was man selbst anbaut?

Das, was man selber anbaut, tatsächlich ja. Plastiktöpfchen, die ich für die Anzucht verwende, halten nicht ewig, gehen dann auch mal kaputt. Aber man kann sie in der Wertstoff geben und dort werden sie einfach wieder recycelt. Probleme gibt es tatsächlich beim foodsharing, wo wir uns besonders engagieren. In der Lebensmittelrettung kommt sehr viel Müll zusammen. Das ist teilweise nicht mehr lustig: Die Spenden aus dem Supermarkt sind oft dermaßen eingepackt. Teilweise kommt die Ware sogar in Styroporkisten an. Den Müll bekommen wir dabei inklusive in die Hand. Dann ist nicht mehr das Unternehmen, sondern dann bin ich in der Verantwortung, auch das dem Werkstoff ordentlich zuzuführen. Aber prinzipiell entsteht in der Selbstversorgung kein Müll, außer vielleicht die Papiersäcke fürs Getreide. Die kann ich dann aber in meinem Garten wieder vermulchen oder kompostieren.

Die werden dafür kleingehäckselt?

Die Papiersäcke werden im Ganzen aufgelegt, um das Gras zu unterdrücken. Und dann kommt Laub drauf und darauf baue ich als Erstkultur Kartoffeln an. Kartoffeln fungieren dabei als Kultivierer: Sie machen mir den Boden frei, lockern ihn auf und diese Fläche kann ich dann für weitere Kulturen verwenden.

Das Papier wird komplett abgebaut?

Ja, das fressen die Würmer tatsächlich sehr gerne. Diese Cellulose wird von ihnen extrem geliebt und sobald die Temperaturen über 15 Grad steigen, ist es relativ schnell weg.


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Interview: Nina Hensch

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