Kinokalender
Mo Di Mi Do Fr Sa So
29 30 1 2 3 4 5
6 7 8 9 10 11 12

12.454 Beiträge zu
3.713 Filmen im Forum

Jessica Muirhead singt in Essen die Lisa
Foto: Bettina Stöß

Land des verschwindenden Lächelns

29. Januar 2020

Sabine Hartmannshenn krempelt Lehár-Operette in Essen um – Oper in NRW 02/20

Die Operette ist nicht jedermanns Sache. Die einen lieben sie heiß und innig, die anderen verachten die leichte Muse geradezu. Das gilt nicht nur für das Publikum, sondern auch für viele OpernregisseurInnen. Sabine Hartmannshenn lässt sich wohl zumindest ein gespaltenes Verhältnis zur Operette unterstellen, wenn man betrachtet, was sie an der Essener Aalto-Oper aus Franz Lehárs „Land des Lächelns“ gemacht hat. Möglicherweise ist es auch nur eine Abneigung gegen den Komponisten, dessen größter Fan Adolf Hitler war und der seine jüdische Ehefrau durch größtmöglichen Opportunismus vor den Nazis rettete.

Statt der eigentlichen Handlung, einer unglücklichen Liebesgeschichte einer Wiener Grafentochter und eines chinesischen Prinzen im frühen 20. Jahrhundert, erzählt Hartmannshenn jedenfalls lieber die Geschichten, die es um das Stück herum zu erzählen gibt. Die sind durchaus interessant und erzählenswert. Sie zur Grundlage einer Inszenierung zu machen, führt jedoch zwangsläufig in ein Dilemma. Und so gibt es in dieser ordentlich umgekrempelten Version auch Szenen, in denen Text und Bühnengeschehen nicht mehr logisch im Einklang stehen.

Zu sehen ist ein Theater auf dem Theater. „Die gelbe Jacke“, das Bühnenstück von Victor Léon, das Lehár und seinen drei Librettisten als Vorlage diente, wird 1929, dem Uraufführungsjahr der Operette, in einem kleinen Berliner Varietétheater gezeigt – als China-Revue, in der die opulent-exotische Ausstattung der Pekinger Hofgesellschaft maximal verballhornt wird. Die unüberwindbaren Hindernisse zwischen den Kulturen, an denen die interkontinentale Liebe von Lisa und Sou-Chong schließlich scheitert, versucht die Regisseurin als zunehmenden Rassismus der aufziehenden Nazi-Herrschaft darzustellen. Was als abstraktes Konzept noch naheliegend erscheint, entpuppt sich in Verbindung mit der ursprünglichen Handlung als hochproblematisch, denn von dieser bleibt eigentlich nichts übrig.

Immerhin: Die Bühne von Lukas Kretschmer und die Kostüme von Susana Mendoza sind wirklich gelungen und einer Operettenaufführung absolut würdig. So bleibt den Freunden der gepflegten Operettenromanze noch die Musik. Dirigent Stefan Klingele leistet eine durchweg überzeugende Arbeit und kann sich dabei auf eine gute Solistenriege verlassen. Jessica Muirhead singt eine selbstbewusste und kraftvolle Lisa mit starker Ausstrahlung. Carlos Cardoso hat als Sou-Chong – die Regie macht aus ihm mitunter auch einen „Pedro“ – den rechten tenoralen Schmelz für einen jugendlichen Liebhaber. Christina Clark und Albrecht Kludszuweit singen als Prinzessin Mi (hier: Martha) und Graf Gustl (hier: Claudius) das zweite Liebespaar klangschön und darstellerisch überzeugend. Für den Buffowitz, den Lehár dem Gustl zugedacht hat, bleibt in dieser Fassung allerdings wenig Raum.

„Land des Lächelns“ | R: Sabine Hartmannshenn | 2.2., 9.2. 18 Uhr, 21.2. 19.30 Uhr, 23.2., 1.3. 16.30 Uhr, 12.4., 10.5. 18 Uhr | Aalto-Theater, Essen | 0201 812 22 00

Karsten Mark

Hat Ihnen dieser Beitrag gefallen? Als unabhängiges und kostenloses Medium sind wir auf die Unterstützung unserer Leserinnen und Leser angewiesen. Wenn Sie uns und unsere Arbeit finanziell mit einem freiwilligen Betrag unterstützen möchten, dann erfahren Sie über den nebenstehenden Button mehr.

Neue Kinofilme

House of Gucci

Lesen Sie dazu auch:

„Fünf Uhr, Zeit für den Tee“
„Alice im Wunderland“ als Weihnachtsmusical am Theater Hagen – Oper in NRW 12/21

Hochdramatisches Konzentrat
„Lucia di Lammermoor“ am Aalto Theater Essen – Oper in NRW 11/21

Singspiel aus dem Bilderbuch
„Die Geschichte vom Fuchs, der den Verstand verlor“ – Oper in NRW 11/21

„Es wird Tote geben“
Dietrich Hilsdorf über „Lucia di Lammermoor“ – Premiere 11/21

Opernregisseur mit Swing im Blut
Mozarts „La finta giardiniera“ in Essen – Oper in NRW 10/21

Raus aus dem Graben
Kölner Konzertbühne zeigt Großproduktionen – Klassik am Rhein 10/21

„Das Publikum ist unsere Lobby“
Heribert Germeshausen über sein Erfolgsrezept als Intendant – Interview 10/21

Oper.

Hier erscheint die Aufforderung!