
Beim Todesfall des 14-jährigen Yosefs aus Dormagen steht ein 12-Jähriger unter Tatverdacht. Der erschütternde Fall, bei dem mutmaßlich ein sehr junger Mensch einen anderen erstochen hat, gibt der politischen Debatte um eine Senkung des Strafmündigkeitsalters von 14 auf 12 Jahren weiteren Auftrieb. Befürworter:innen einer Senkung sehen darin ein Mittel, um einer Zunahme von Gewaltdelikten unter Minderjährigen etwas entgegenzusetzen. Eng damit verbunden ist der Befund einer zunehmenden Verrohung der Jugend – er kann plausibel scheinen, angesichts von aufsehenerregenden Meldungen über Jugendkriminalität, besonders über Jugendgewalt.
Harmlose Delikte
Michael Erz, Geschäftsführer der Evangelischen Jugendhilfe Bochum, kann diesem Befund keineswegs zustimmen. Seit 35 Jahren arbeitet Michael Erz in der Jugendhilfe, die Hälfte der Zeit als Pädagoge für Kinder, Familien und Eltern. „Wir betreuen 250 Kinder und Jugendliche in Bochum, Witten und Herne und 150 Familien in Bochum und Herne“, erläutert er. Die Jugendhilfe bietet Kindern und Jugendlichen im Alter von 14-21 Jahren sowie ihren Eltern und Familien Hilfe an, will neue Perspektiven und Chancen öffnen. Von Kindern oder Jugendlichen verübte Gewalt sei allerdings kaum je ein Thema, so Erz. Zwar gebe es in der Einrichtung auch Jugendliche, die während ihres Aufenthalts straffällig würden, allerdings handele es sich dabei in der Regel um vergleichsweise harmlose Delikte wie Diebstahl oder Schwarzfahren.
Mediale Eindrücke
Laut der Datenbank Statista ist die Straffälligkeit von Kindern und Jugendlichen seit 2024 insgesamt rückläufig. Allerdings verzeichnet sie ab 2021 eine Zunahme im Teilbereich der Gewaltdelikte. Ähnlich wie Michael Erz betonen zahlreiche Experten, dass straffällige Kinder und Jugendliche mehrheitlich eher leichte Delikte begehen, die prominente Berichterstattung über besonders schwere Gewaltfälle allerdings zu einem gegenteiligen Eindruck beiträgt. Um gerade den schweren Fällen entgegenzuwirken, sei es entscheidend, sich den Problemen zuzuwenden, die die jungen Täter:innen in Alltag und Entwicklung außergewöhnlich belasteten.
Was Kinder und Jugendliche prägt
So geraten die gesellschaftlichen Verhältnisse in den Blick, die zum Verhalten der Kinder und Jugendlichen maßgeblich beitragen. „Jugendliche sind nicht gefährlicher als vor 20 Jahren, sie sind ein Produkt ihrer Sozialisation, ihres Elternhauses, ihrer Peergroup und politisch vorgelebter Ideale“, erklärt Michael Erz. Zu einer hohen Straffälligkeit in jungen Jahren trügen maßgeblich etwa ungleiche Bildungschancen bei, frühe Gewalterfahrungen, Diskriminierung, gewaltverharmlosende Inhalte auf Social Media. ,,Daran verändert sich durch die Senkung des Strafmündigkeitsalters nichts“, fährt Erz fort.
Hilflose Gesetze
Präventivmaßnahmen scheinen allerdings nicht im Vordergrund der politischen Debatte zu stehen. Bekannt sollte außerdem sein, dass härtere Gesetze keineswegs ein bewährtes Mittel sind, um vom Begehen von Straftaten abzuschrecken. Das gilt mehr noch als für Erwachsene eben für Kinder und Jugendliche, deren körperliche und mentale Entwicklung in vollem Gange ist und bei denen gerade die Impulskontrolle, die Selbstbeherrschung unter Stress, Frust oder Druck noch längst nicht ausgereift ist.
Darum, betont Michael Erz, sei es entscheidend, gesellschaftliche Missstände abzubauen, die straffälliges Verhalten begünstigen, statt nach gesetzlichen Verschärfungen zu rufen. ,,Das ist der einzig richtige Weg, der ist mühselig und geschieht nicht von heute auf morgen.“
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Fehlbilanz
Intro – Mündig
Überwachen und Strafen
Teil 1: Leitartikel – Eine gesenkte Strafmündigkeit würde nicht zu mehr Sicherheit führen, sondern zu mehr Kindern und Jugendlichen im Knast.
„Kinder, die Probleme machen, haben in der Regel auch Probleme“
Teil 1: Interview – Kriminologin Nadine Bals über Jugendstrafrecht und Strafmündigkeit
Die unmögliche Schule
Teil 2: Leitartikel – Lernen und Lehren zwischen Takt und Freiheit
„Wirklich Interesse zeigen“
Teil 2: Interview – Pädagogin Inke Hummel über die Beziehung zwischen Jugendlichen und Erwachsenen
Freude am Lernen lernen
Teil 2: Lokale Initiativen – Der Verein In Via Köln und die Motivia-Werkstattschule
Jedem sein Kreuz
Teil 3: Leitartikel – Über Mündigkeit an der Wahlurne
„Wir empfehlen, das Wahlalter zu senken“
Teil 3: Interview – Demokratieexperte Jonathan Hoffmann über die Wahlbeteiligung von Jugendlichen
Was junge Menschen bewegt
Teil 3: Lokale Initiativen – Filmreihen von Jugendlichen im Medienprojekt Wuppertal
Machtinteresse
In Österreich wählen bereits 16-Jährige – Europa-Vorbild: Österreich
Die Reifeprüfung
Erst zornig, dann stur. Das Leben des Homo politicus – Glosse
Eine bessere Zukunft
Teil 1: Lokale Initiativen – Die Frauenberatungsstelle Duisburg
Rauf mit der Hemmschwelle
Teil 2: Lokale Initiativen – Die Mobile Beratung gegen Rechtsextremismus Köln
Raus aus der Grauzone
Teil 3: Lokale Initiativen – Solidarisch und unbeirrbar: Wuppertals Frauenverband Courage
Klimaschutz braucht (dein) Engagement
Teil 1: Lokale Initiativen – Die Bochumer Initiative BoKlima
Dem Klima verpflichtet
Teil 2: Lokale Initiativen – Die Initative Klimawende Köln
Klimaprotest im Wandel
Teil 3: Lokale Initiativen – Extinction Rebellion in Wuppertal
Im Krieg der Memes
Teil 1: Lokale Initiativen – Saegge klärt in Bochum über Populismus auf
Über Grenzen hinweg entscheiden
Teil 2: Lokale Initiativen – Das Experimentallabor Decision Lab Cologne
Weil es oft anders kommt
Teil 3: Lokale Initiativen – Gut aufgestellt in Wuppertal: Pro Familia berät zu Schwangerschaft, Identität und Lebensplanung
Klassenkampf im Quartier
Teil 1: Lokale Initiativen – Bochums Stadtteilgewerkschaft Solidarisch in Stahlhausen
Gegen die Vermüllung der Stadt
Teil 2: Lokale Initiativen – Umweltschutz-Initiative drängt auf Umsetzung der Einweg-Verpackungssteuer
Der Kitt einer Gesellschaft
Teil 3: Lokale Initiativen – Der Landesverband des Paritätischen in Wuppertal