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Foto: JackF/Adobe Stock

Die Reifeprüfung

26. März 2026

Erst zornig, dann stur. Das Leben des Homo politicus – Glosse

„Der Präfrontale Kortex ist erst mit 25 Jahren voll ausgebildet“, sagt die Neurowissenschaft.

„Was? Der pektorale Kontext?“, fragt das Betagte Bildungsbürgertum.

„Nein, der Präfrontale Kortex, Cortex praefrontalis, oder einfach PFC“, sagt die Neurowissenschaft, diesmal etwas lauter.

„Ja, PVC kenne ich. Hatten wir früher auch in der Küche“, mischt sich die Untere Mittelschicht ein.

„Peh EFF Zeh“, betont die Neurowissenschaft mit einem Augenrollen, das zeigt, dass das Ende ihres Geduldsfadens in Greifweite ist.

„Das ist ein Teil des Gehirns, der unter anderem unsere Gefühle und Impulse reguliert und eine wichtige Rolle bei ausgewogenen Entscheidungen spielt“, springt der Wissenschaftsjournalismus der Neurowissenschaft zur Seite. „Und dieses Hirnareal ist bei den meisten Menschen erst im Alter von 25 Jahren voll ausgewickelt; manche Wissenschaftler sagen sogar: erst mit 30 Jahren. Daher ist die Jugend eher spontan und handelt eher unüberlegt. Sie neigt dazu, emotionaler und impulsiver zu sein.“

„Kurz: Die Jugend ist unvernünftig!“, fasst das Betagte Bildungsbürgertum zusammen. Seine Augen blitzen ob dieser kleinen Bestätigung seiner Vorurteile.

„Noch kürzer: Die Jugend ist dumm!“ Wer hat da gepoltert? Na klar, es ist der Populismus. „Und wird auch immer dümmer. Und unverschämter!“

„Das habe ich nicht gesagt …“, will die Neurowissenschaft einwerfen.

„Darum: Härtere Strafen!“ Der Populismus kommt in Fahrt. „Wahlalter rauf! Schluss mit diesen

Kindereien! Freitags gehören die Blagen in die Schule!“

„Gibt es Fridays for Future eigentlich noch?“ Die Untere Mittelschicht kratzt sich am Hinterkopf.

„Nein, das Wahlalter muss runter!“, sagt die Politisch Interessierte Jugend. „Ohne mich regiert Die Politik doch an den wichtigen Themen vorbei! Klimaschutz, Digitalisierung, soziale Themen …“

„Das sind doch Themen, die sind aus deiner übertriebenen Gefühlsduselei entstanden. Die haben bei uns Großen, Ernsten, Rationalen nichts verloren“, sagt eine politische Partei, woraufhin die Politisch Interessierte Jugend entgegnet: „Nicht Gefühlsduselei. Empathie ist das!“

Die Partei Die Den Namen Einer Auf Nächstenliebe Aufgebauten Religionsgemeinschaft Konsequent Ignoriert (DPDDNEANARKI) kontert gewohnt schlagfertig: „Papperlapapp!“ und schiebt hinterher:

„Das sind bloß Hirngespinste, die aus deiner vor lauter Faulheit und Unfähigkeit entstandenen sogenannten Depression entstanden sind.“

„Du hast doch selbst schon einen Burnout hinter dir. Das ist auch eine Form von Depression.“

„Das ist nichts anderes als mentaler Muskelkater. Wer viel leistet, darf sich auch alle paar Jahre eine Woche ausruhen.“

„Darf ich kurz einwerfen …“, sagt die Neurowissenschaft und hebt vorsichtig die Hand. Alle drehen sich zu ihr um.

„Der präfrontale Kortex ist zwar erst mit etwa 25 voll ausgebildet“, sagt sie, „aber ein anderes Phänomen beobachten wir ebenfalls sehr häufig.“

„Na also!“, ruft der Populismus. „Jetzt kommt’s!“

„Mit zunehmendem Alter“, fährt die Neurowissenschaft fort, „verhärten sich kognitive Muster. Menschen neigen stärker zu Bestätigungsfehlern, zu vereinfachenden Weltbildern und zu emotional aufgeladenen Reaktionen auf komplexe Probleme.“

Stille.

„Kurz“, übersetzt der Wissenschaftsjournalismus, „man wird mit dem Alter manchmal sturer.“

„Das ist doch ideologisch!“, ruft der Populismus.

Das Betagte Bildungsbürgertum räuspert sich und legt seine Hand auf die der DPDDNEANARKI. Beide murmeln etwas, das man als Zustimmung deuten könnte.

„Wenn die Jugend zu emotional und unreif ist, sollten sie natürlich keine wichtigen Entscheidungen treffen“, sagt der Radikal Träumende Glossenschreiber.

Das Betagte Bildungsbürgertum nickt zufrieden. Der Populismus grinst.

„Und wenn Ältere Menschen“, fährt der Radikal Träumende Glossenschreiber fort, „stur die Vergangenheit verklären, während sie die sich verändernde Gegenwart nicht begreifen, sollten sie natürlich auch keine wichtigen Entscheidungen treffen.“

Die DPDDNEANARKI schaut irritiert.

„Wer bleibt dann übrig?“, fragt die Untere Mittelschicht.

Der Radikal Träumende Glossenschreiber zuckt mit den Schultern.

„Ungefähr sieben Leute.“ 

Kurzes Schweigen. „Die könnten dann vielleicht einfach vernünftig miteinander reden.“

Und damit startet das vermutlich radikalste politische Experiment der Bundesrepublik.

Marek Firlej

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