
trailer: Frau Hummel, Pubertierende waren ja schon immer schwierig. Ist es heute noch komplizierter als früher?
Inke Hummel: Ich denke, Kinder trauen sich an manchen Stellen mehr, sich zu zeigen. Insgesamt stehen sie vielleicht stärker unter Druck, als das sonst der Fall war. Heute haben wir auch viel mehr Menschen, die etwas Kritisches dazu schreiben. Mit Blick auf die Zeitungsüberschriften und dann erst recht in Social Media.
Auch, weil die Jugendlichen sich hier selbst präsentieren, etwa nicht nur „Unsinn“ machen, sondern davon auch gleich ein Tiktok-Video drehen?
Genau. Und dann muss jeder seine Meinung dazu abgeben. Früher hat es vielleicht einen Artikel gegeben von einem Experten, der beispielsweise Kriminalität im Jugendalter einschätzt. Heute sind da hundert „Experten“, die etwas über Jugendliche zu sagen haben.
„Hundert ‚Experten‘, die etwas über Jugendliche zu sagen haben“
Ein Teil der Jugend scheint sehr engagiert gegen Diskriminierung und für Vielfalt. Ein anderer aber orientiert sich an traditionellen, ja rückständigen Rollenbildern. Ist die Jugend gespalten?
Natürlich ist die Jugend nicht heterogen, wie das aber die Erwachsenen auch nicht sind. Der Gedanke ist spannend: Ich habe erst kürzlich in einem Fachartikel gelesen, dass das, was bei den erwachsenen Menschen einer Gesellschaft gerade relevant ist, in der Jugend genauso, aber noch viel stärker zu spüren ist. Mit Blick auf das Wahlverhalten der Erwachsenen gibt es schon eine starke Lagerbildung und so wenig „Mitte-Gefühl“. Das merkt man bei jungen Leute auch.
Wie können Eltern ihren Kindern Orientierung geben?
Ganz wichtig finde ich zwei Dinge: Zum einen sollte man mit Fragen an die Jugendlichen herangehen, aber nicht nur „Wie war die Schule?“ oder dergleichen, sondern wirklich Interesse zeigen. Warum siehst du das so? Warum machst du das so? Wie hast du das und das wahrgenommen? Um wirklich verstehen zu können, was für eine Person da gerade vor mir steht. Und dann in die Diskussion gehen. Aber besser „Ich sehe das anders“ sagen, anstatt die Welt zu erklären, wie man das bei einem Grundschüler tun würde.
„Besser ‚Ich sehe das anders‘ sagen, anstatt die Welt zu erklären“
Wie sehen Sie da die Rolle der Schulen? Werden die ihrer Verantwortung gerecht?
Das Schulsystem ist nochmal ein ganz eigenes Thema. Wir haben gerade so viele neue Bucherscheinungen dazu, wie viel Stress in Schule ist und wie man damit umgehen kann. Da sehe ich natürlich an vielen Stellen viele Probleme. Wenn ich aber die Chance habe, mit Lehrkräften zu arbeiten für die Familien, mit denen ich zu tun habe, dann ist da auch sehr viel Engagement, sehr viel Interesse, sehr viel Verständnis dafür, dass eigentlich Beziehung wichtiger ist als die Mathe-Note. Es wird den Lehrkräften schwer gemacht. Das sehe ich schon auch, weil sie für das, was eigentlich grundsätzliche Basisarbeit wäre, an vielen Stellen nicht die Ressourcen haben. Und natürlich ist es noch mal ein Unterschied, ob wir jetzt von einem privaten Gymnasium mit kleinen Klassen sprechen oder einer Brennpunkt-Hauptschule mit Riesenklassen. Insgesamt ist da noch wahnsinnig viel Potenzial, gerade dieses Beziehungsorientierte einzubringen.
„Es wird den Lehrkräften schwer gemacht“
Was halten Sie von einem Social-Media-Verbot für Kinder oder Jugendliche?
Ich bin da ein bisschen zwiegespalten. Es ist wichtig, die großen Tech-Konzerne in die Verantwortung zu nehmen, um Jugendschutz zu gewährleisten. Genauso, wie das im Supermarkt funktioniert, beim Verkauf von Alkohol. Auf der anderen Seite sollten wir gesellschaftlich, staatlich dafür sorgen, dass Eltern eine gute Medienbildung haben, um ihren Kindern da auch ein guter Leitstern sein zu können. Aber das Wichtigste ist: Wir müssen die Kinder stärken, damit sie mit den ganzen Medien umgehen können.
Wenn Eltern mit einem „Problem-Teenie“ zu Ihnen kommen, gibt es da Schlüsselsätze oder -momente, an denen Sie erkennen: Jetzt sind sie auf dem richtigen Weg zueinander?
Im Grunde ist das – wie in der Paarberatung auch – wenn man merkt, die Beteiligten, die wenden sich wieder einander zu. Sie sitzen nicht mit verschränkten Armen voneinander abgewandt da und warten, dass ich das Problem jetzt löse. Wenn sie den anderen wieder richtig anschauen und versuchen zu verstehen und hinter so ein Verhalten zu gucken, anstatt irgendwas persönlich zu nehmen und in eine Distanz zu gehen. Das ist der Moment, in dem man merkt, ja, sie haben Interesse aneinander und sie wollen das wieder hinbekommen. Ich bin dann hoffnungsvoll, dass wir das schaffen. Auch wenn ich gerade nicht sagen kann, ob es sich jetzt in drei Wochen schon besser anfühlt oder erst nächstes Jahr.
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Fehlbilanz
Intro – Mündig
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Teil 1: Leitartikel – Eine gesenkte Strafmündigkeit würde nicht zu mehr Sicherheit führen, sondern zu mehr Kindern und Jugendlichen im Knast.
„Kinder, die Probleme machen, haben in der Regel auch Probleme“
Teil 1: Interview – Kriminologin Nadine Bals über Jugendstrafrecht und Strafmündigkeit
Helfen statt strafen
Teil 1: Lokale Initiativen – Die Evangelische Jugendhilfe Bochum
Die unmögliche Schule
Teil 2: Leitartikel – Lernen und Lehren zwischen Takt und Freiheit
Freude am Lernen lernen
Teil 2: Lokale Initiativen – Der Verein In Via Köln und die Motivia-Werkstattschule
Jedem sein Kreuz
Teil 3: Leitartikel – Über Mündigkeit an der Wahlurne
„Wir empfehlen, das Wahlalter zu senken“
Teil 3: Interview – Demokratieexperte Jonathan Hoffmann über die Wahlbeteiligung von Jugendlichen
Was junge Menschen bewegt
Teil 3: Lokale Initiativen – Filmreihen von Jugendlichen im Medienprojekt Wuppertal
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