
trailer: Frau Follmann, aus rechtlicher Sicht wird es womöglich schwierig, am 9. März nicht an der eigenen Arbeitsstelle zu erscheinen. Ob und wie Gewerkschaften den „Frauenstreik“ unterstützen, ist derzeit auch ungewiss. Trotzdem, wie können Frauen mitmachen und ein Zeichen setzen?
Jennifer Follmann: Das können ganz unterschiedliche Aktionen sein. Angefangen beim Bestreiken des Haushalts. Den Abwasch stehen lassen, nicht kochen oder die Familienorganisation den Partnern oder Großeltern zu überlassen. Es geht darum, Solidarität zu zeigen. Das ist auch eine Art von Streik. Und das kann auch in der Form geschehen, dass man Symbole wie lila Kleidung oder Buttons bei der Arbeit trägt. Lila ist ja die traditionell die Farbe der Frauenbewegung. Dazu gibt es eine digitale Präsenz, die man nutzen kann. Es kann auch einen stillen Protest geben, indem man um 12 Uhr mittags für einige Minuten innehält. Das ist rechtlich betrachtet auch kein Problem. Insgesamt wollen wir ein politisches Zeichen setzen. Wir wissen ja selbst, dass ein klassischer Streik in Deutschland an rechtliche Hürden geknüpft ist. Gerade in der Pflege können Menschen nicht einfach streiken. Doch Streik bedeutet für uns mehr als nur Fernbleiben von der bezahlten Arbeit. Es geht darum, Carearbeit und die Leistung von Frauen sichtbar zu machen.
Die Geschichte zeigt, dass Frauen etwas bewegen können, wenn sie nur zusammenhalten – darunter das Beispiel Island [der Frauenstreik auf Island vom 24. Oktober 1975 gilt als ein Durchbruch im Kampf für Gleichberechtigung; d. Red.]. Welche Verbesserungen erhoffen Sie sich?
Dazu hat das Töchterkollektiv ein eigenes Positionspapier erarbeitet. Darin weisen wir auf die traurige Ausgangslage hin: Immer noch wird die Care-Arbeit in Deutschland abgewertet, Frauen kämpfen mit Lohnlücken, unfreiwilliger Teilzeitarbeit. Gerade Alleinerziehende, Migrantinnen, trans-Personen und Menschen mit Behinderung sind massiv von Armut bedroht. Geschlechtsspezifische Gewalt ist ein großes Thema und wird noch durch ökonomische Abhängigkeit verstärkt. Die Ursachen dafür liegen aber in unseren Strukturen. Daher fordern wir eine Aufwertung der Sorgeberufe mit höherer Tarifbindung, existenzsichernden Löhnen, eine Entlastung Alleinerziehender und auch eine Schließung der Rentenlücke. Im Bereich der Gewaltprävention wäre es dringend notwendig, die Istanbul-
Konvention endlich umzusetzen. Das umfasst wichtige Präventionsprogramme und unter anderem auch den Ausbau von Schutzräumen für Frauen. Eigentlich ist die Istanbul-Konvention bereits 2017 ratifiziert worden und 2018 in Kraft getreten. Trotzdem wird sie bisher einfach nur minimal umgesetzt. Im Gegenteil, es werden landesweit Beratungsstellen gestrichen, Frauenhäuser werden entweder finanziell gekürzt oder eingestampft. Alle zwei Tage bis drei Tage geschieht in Deutschland ein Femizid, jeden Tag gibt es mindestens einen versuchten Mord an einer Frau.
Wird es auch nach dem 9. März dazu eine Aktion geben?
Ja auf jeden Fall! Wir werden speziell zur Umsetzung der Istanbul-Konvention eine Petition im Deutschen Bundestag einreichen. Wenn sie endlich umgesetzt wird, hätten wir weitaus weniger Probleme. Beispielsweise könnte es dann Fußfesseln für gewalttätige Männer geben. Außerdem hätten wir ausreichend viele Beratungsstellen und Frauenhäuser. Den Vorgaben gemäß müssten die ja ohnehin nach der Istanbul-Konvention finanziert werden. Darüber hinaus ist es uns auch ein Anliegen, marginalisierte Gruppen, die mehrfach diskriminiert sind, besser zu schützen. Das umfasst zum Beispiel auch den Schutz vor Zwangsbeschneidung migrantisierter Menschen, die hier leben.
Mit Blick auf die Geschichte der Frauenbewegung kann man den Eindruck gewinnen, dass es immer Generationen gab, die gekämpft und etwas erreicht haben. Dann ruhten sich in der Folge aber deren Töchter darauf aus. Was stimmt Sie zuversichtlich, dass genau Ihre Generation, eben die der Töchter, an einem Strang zieht und wirkliche Verbesserungen erwirkt?
Ein wesentlicher Unterschied zu früheren Bewegungswellen ist meiner Ansicht nach die Vernetzung durch die sozialen Medien. Die hat es damals so nicht gegeben. Dadurch können wir viel leichter Allianzen bilden. Das zeigt auch die Entwicklung unseres Instagram-Kanals des Töchterkollektivs. Anfangs hießen wir ja noch Töchter gegen Merz, dann gründeten wir das Töchterkollektiv. Innerhalb von nur drei Monaten ist die Zahl unserer Follower auf über 60.000 gestiegen. Daran sieht man auch, dass die Wut, die jetzt hier herrscht, in unserer Generation keine kurzfristige Laune ist. Ich sehe dieses vielfältige Engagement als strategischen Motor für nachhaltige und längst überfällige Veränderung. Wir müssen viele sein, wenn wir dafür kämpfen wollen, das Patriarchat aufzulösen. Das ist über Jahrhunderte hin sehr gefestigt, verfestigt und verkrustet. Aber die große Resonanz auf den Töchterkollektiv-Account hin innerhalb von vergleichsweise kurzer Zeit und natürlich das Engagement zum ausgerufenen Frauenstreik von vielen dezentralen Organisationen in ganz Deutschland machen mir Mut. Es ist schön, zu sehen, dass so viele Frauen trotz ihrer Arbeit, ihres Mental Loads und so vieler Benachteiligungen jetzt zunehmend wach werden und – in welcher Form auch immer – demonstrieren. Wir wollen so oft mit den Frauen auf die Straße gehen, bis die Politik endlich versteht, dass etwas passieren muss.
Wie sieht es aus mit männlicher Unterstützung?
Wir haben glücklicherweise sehr viele männliche Unterstützer. Das eine funktioniert nicht ohne das andere, und zu meinem Verständnis von Feminismus gehört auch, dass man eben nicht die Männer kategorisch ausschließt. Besonders gefreut habe ich mich, dass uns auf unseren Aufruf zum 9. März wirklich unfassbar viele Hunderte Männer Nachrichten geschickt haben, dass sie ihre Frau an diesem Tag explizit unterstützen wollen. Da sind viele Männer, die bereit sind, den Frauen Raum zu lassen und ein Stück zurückzutreten. Allerdings gibt es da zwei Seiten, gerade wenn wir über Macht und Gewalt sprechen. „Not all men, but always men“ gilt eben auch noch.
Wo und wie wird man das Töchterkollektiv nach dem Frauenstreik in der Öffentlichkeit wahrnehmen?
Unser Ziel ist es, dass diese ganzen neu entstandenen Orga-Zellen bundesweit bestehen bleiben. Das haben wir auch schon so kommuniziert. Sie sollen wachsen, sich vermehren und wir wollen dieses Ding immer wieder wiederholen. Denn nur dann kann sich Situation langfristig verbessern. Wir sind bewusst überparteilich, um möglichst alle mitzunehmen. Wir wollen gleichzeitig für marginalisierte Gruppen, für Menschen mit Migrationshintergrund ein Safe Space sein und lassen wir uns deswegen auch politisch nicht in eine Schublade stecken. Unser Hauptaugenmerk ist, die Menschen immer wieder auf die Straße zu kriegen, immer mehr Frauen zu mobilisieren um so Druck auszuüben, damit die Istanbul-Konvention endlich umgesetzt wird. Für die Petition an den Bundestag haben wir schon viele prominente Erstunterzeichnende und hoffen, dass noch viele weitere dazu kommen.
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