Dortmund, 26.02. - Das domicil in Dortmund ist für seine jazzlastigen Veranstaltungen bekannt. Ebenfalls bekannt ist es für seine Slam Lesebühne. Warum also nicht beides kombinieren? Weil beim Poetry Slam keine Musikinstrumente benutzt werden dürfen? Drauf ge… dachten sich wohl domicil und Sebastian23, wir versuchen etwas Neues. Das Neue kam bereits im Vorfeld gut an. Denn das Publikum drängte sich nicht nur auf die Bestuhlung vor der Bühne und an der Theke, sondern riskierte beinahe, durch das Platzieren auf dem Boden die vorgeschriebenen Fluchtwege zu blockieren. Die Aufgabe war klar: Die Musiker um den Drummer Achim Kämper sollten den Slammer mit seinen Worten atmosphärisch unterstützen. Für die Jungs kein Problem. Die versierten Musiker spielen größtenteils in der Jazz-Band „The Dorf“ zusammen, deren Film „Jazzsoup“ in den kommenden Wochen durch die Ruhrgebietskinos tourt, und sind durch nichts aus der Ruhe zu bringen. Die Slammer sollten jedoch ungewöhnliches Neuland betreten. Und auch wenn alle von dieser Idee begeistert waren, brachte sie die musikalische Unterstützung doch gelegentlich auf sympathische Weise aus dem Konzept.
Sebastian23 betrat die Bühne, begrüßte das Publikum und erklärte den Neulingen die Spielregeln. Mit einem eher tragischen Beitrag über ein altes Haus leitete er den Slam-Part ein, die volle Tragweite der Tragödie jedoch kam glücklicherweise beim Publikum nicht an, da Sebastian23 sich von der musikalischen Begleitung offenbar gut unterhalten fühlte. Toby Kunze aus Hannover legte als erster Slammer dann gleich ein ordentliches Brett vor und slammte sich mit seinen Fußballvorlieben und seiner Unkenntnis der Musikinstrumente (eine Gitarre ist tatsächlich das Ding mit Griffbrett und sechs Saiten) um Kopf und Kragen. Seine Freestylenummer wurde dennoch oder gerade deshalb mit tosendem Applaus abgefeiert. Der nächste Slammer, Tobi Katze aus Dortmund, hatte zwar den Heimvorteil für sich, vermochte jedoch keinen Heimsieg zu verbuchen. Sein zweiter Beitrag über eine lange Reise mit der allseits geliebten Deutschen Bahn konnte sich durch unglaublich witzig-bissige Originalität auszeichnen, vielleicht war sein Manko letztendlich aber die weniger spritzige Vortragsweise. Jan aus Remscheid prägte den Satz des Abends „Oversexed and underfucked“ mit einem eher kritischen Beitrag und verpackte das menschliche Miteinander ebenso wie der nachfolgende Slammer Wolf Hogekamp aus Berlin in schnelle Worte. Letzgenannter hatte das Motto des Abends am besten im Griff und swingte sich mit den Jazz-Musikern durch die Berliner Szenekneipen, woraufhin sogar das Publikum sich zu leichten Zuckungen hinließ und den Beitrag schließlich bejubelte. Das Rennen um die riesige (genmanipulierte) Erdbeere, der Hauptpreis des Abends, machte nach einem spannenden Stechen dann aber doch die Landeshauptstadt Hannover vor unserer hiesigen Bundeshauptstadt. Toby Kunze legte zur Feier noch ein paar Worte nach, nahm sich streng sein Script vor, warf es dann nach wenigen gelesenen Worten impulsiv hinter sich, um mit weit um sich greifender Gestik freie Worte ins Publikum zu schleudern. Ein gelungener Abschluss eines besonderen Ohrenschmauses.
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